| 11.05.12 - Hanau - "Wir bauen Zeitbrücken". Dieses Motto des bundesweiten Aktionstages der Lokalen Bündnisse für Familie am 15. Mai hat seinen Ursprung in Hanau. "Wir waren die erste Kommune in Deutschland, die modellhaft Zeitbrücken entwickelt hat, damit Eltern und Alleinerziehende Beruf und Familie einigermaßen stressfrei vereinbaren zu können", betont Oberbürgermeister Claus Kaminsky in einer Pressemitteilung. Die Ideen und Lösungsansätze hat Hanaus Frauenbeauftragte Imke Meyer vielfach auf nationalen und internationalen Konferenzen präsentiert, erst jüngst auf Einladung des Bundesfamilienministeriums vor Stadtoberhäuptern in Berlin, in deren Kommunen das Thema Familie und Zeit modellhaft umgesetzt werden soll.
Ein Zeiten-Projekt in Italien, das die Alltagshektik vor allem für Familien mindern wollte, gab vor der Jahrtausendwende die Initialzündung für das Hanauer Frauenplenum, dieses Thema auch in der Brüder-Grimm-Stadt zu setzen. Imke Meyer gewann Menschen aus der Wirtschaft, der Industrie- und Handelskammer, aus Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden dafür, gemeinsam Modelle zu entwickeln, um die verschiedenen Zeittakte des Alltags - Kindergarten, Schule, Arztbesuche, einkaufen und arbeiten - besser zu synchronisieren. Um von den Zeitnöten und -wünschen der Menschen zu erfahren, wurde im Jahr 1998 eine umfangreiche Zeituntersuchung auf den Weg gebracht. 5000 Fragebögen wurden an berufstätige Frauen verteilt. Der Rücklauf war mit 1300 überraschend groß, erinnert sich die Frauenbeauftragte. "Wir hatten offensichtlich einen Nerv der Zeit getroffen". Die Ergebnisse verdeutlichten und fassten in Zahlen, was viele vorher gefühlt hatten: Für die große Mehrheit, insbesondere für berufstätige Frauen, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein ständiger Hindernislauf.
Nicht nur bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, auch bei den Arbeitgebern, kam das Konzept für eine "zeitbewusste Stadt" an. Im Jahr 2000 wurde in Hanau der bundesweit erste Vertrag zwischen einer Kommune und einem Wirtschaftsunternehmen - der Firma Heraeus - geschlossen, die "Notfallbetreuung für Kindern von Beschäftigten" anboten. In der Stadtverwaltung wurde das Audit Beruf und Familie implementiert, im Öffentlichen Personennahverkehr Anschlusszeiten besser aufeinander abgestimmt.
"Wir wurden zu einem Leuchtturm, auf den auch die Bundesregierung und die Europäische Union aufmerksam wurden", erinnert sich der Oberbürgermeister. Das Bundesfamilienministerium und die EU-Kommission finanzierten im Jahr 2004 die Entwicklung der Modellprojekte Zeitbrücken, Zeitinseln und Zeitfenster, damit andere Städte und Gemeinden von Hanau lernen konnten. "Denn die Probleme, die wir in unserer Stadt sichtbar gemacht haben", so Kaminsky, "gibt es in allen Kommunen mit einer ähnlichen Gesellschafsstruktur" - mit einer hohen Zuwanderungsrate, mit vielen jungen Familien ohne soziale und familiäre Netze.
Um für berufstätige Mütter Randzeiten in der Kinderbetreuung und Zeiten für Fortbildung abzudecken, Eltern und Alleinerziehenden freie Zeit zu schenken, Familien, in denen Großeltern fehlen, Kontakte zu "Leih-Omas und -Opas" zu ermöglichen oder pflegenden Angehörigen eine Verschnaufpause zu verschaffen, für all das braucht es Menschen, die Zeit verschenken wollen. "Wir haben Seniorinnen und Senioren gesucht und gefunden", so Imke Meyer, "die bereit sind, die vielen Zeitlücken zu schließen, die das Leben von Familien und Alleinerziehenden erschweren." Erleichterung brachten auch öffentliche und private Dienstleister, die ihre Servicezeiten besser an die Bedürfnisse von Familien anpassten. Welch hohen Stellenwert das Thema Zeit und Familie in einer zukunftsfähigen Familienpolitik hat, beweist nach Ansicht von Claus Kaminsky die Tatsache, dass im achten Familienbericht der Bundesregierung, der 2011 beschlossen wurde, inhaltlich alle Hanauer Projekte aufgegriffen wurden. +++
[document info] Copyright © Osthessen-News und andere Urheber 2000-2013 Ein Projekt von unabhängigen Journalisten in Fulda. Eine Veröffentlichung der Inhalte bedarf der Zustimmung von Osthessen-News oder des jeweiligen Urhebers. |