Hörten den Vortrag mit Begeisterung: die Erlebniszeugen Brunhilde Prokopjen und ihr Bruder Werner Dutt

12.02.16 - SCHLÜCHTERN

Geschichte der Wolgadeutschen

Vortrag Europa-Union: Zarin lockt mit Pferden, Kuh und Rubeln

Geballte Trostlosigkeit herrscht im sibirischen Städtchen Krasnojarsk. Ein Ort zum Vergessen hätte er nicht außer der Transsibirischen Eisenbahn eine berühmte Tochter, Helene Fischer. Die Künstlerin ist die bekannteste Russlanddeutsche. Ihre Großeltern waren Wolgadeutsche, kamen als Deportierte im Zweiten Weltkrieg nach Sibirien. Helene Fischer wanderte im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern nach Rheinland-Pfalz aus. 

Die Geschichte der Wolgadeutschen aus dem Bergwinkel zeichnete Ernst Müller-Marschhausen beim Monatstreffen der Europa-Union Schlüchtern-Gelnhausen nach. „Seit den 90er-Jahren sind 1.100 Russlanddeutsche allein in den Bergwinkel zurückgekehrt. Sie kamen nicht als Aussiedler, sondern als Heimkehrer in das Land ihrer Vorfahren“, berichtete Müller-Marschhausen. 

Es war das Jahr 1766, als Zarin Katharina, die Große, um fleißige deutsche Handwerker und Bauern warb, um ihr Riesenland zu kultivieren und zu europäisieren. Ihr Einladungsmanifest versprach finanzielle Starthilfe, 30 Jahre Steuerfreiheit, Militärdienstbefreiung, Religionsfreiheit, regionale Selbstverwaltung und Sprachfreiheit. Dem Ruf der deutschstämmigen Zarin folgten 30.000 Deutsche, Hunderte davon aus dem Bergwinkel. Doch der Traum, in der Fremde ein selbstbestimmtes Leben zu führen, blieb für viele unerreichbar. 

Ernst Müller-Marschhausen und Thomas Schneider Fotos: kel

Zar Alexander II. schaffte die Privilegien der Parallelgesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts nach und nach ab. Nach dem Überfall des Dritten Reiches auf die Sowjetunion 1941 löste Stalin die nach der Oktoberrevolution proklamierte wolgadeutsche Republik auf, zerstörte Schulen, Kirchen und Archive. 400.000 Wolgadeutsche wurden der kollektiven Kollaboration mit dem Hitler-Regime beschuldigt und nach Sibirien und Zentralasien deportiert und zu Zwangsarbeit verurteilt. 

Müller-Marschhausen erläuterte, warum so viele Menschen vor genau 250 Jahren ihre hessische Heimat verließen. Ein Brief des Niederzellers Johann Heinrich Staaff aus dem Jahre 1766, den er im Marburger Staatsarchiv gefunden hat, gibt dabei Auskunft. Darin bittet der „unterthänigste Knecht den Durchlauchtigsten Landgraf und Erbprintz gnädigsten Fürst und Landes Vatter“ um die Freigabe aus der Untertänigkeit und die Erlaubnis zur Auswanderung. Der Niederzeller schilderte seine materielle Not, entstanden durch die Einquartierung und Verpflegung der durchziehenden Soldaten. In einer Protokollnotiz auf die Petition heißt es später lapidar: „Ohne die höchste Resolution abzuwatten, ist der Supplicant mit Weib und Kind heimlich entwichen und vermutlich nach Russland gezogen.“

Sammelstelle der Auswanderer war damals Büdingen. Für denjenigen, der dort das erste Tagegeld angenommen hatte, gab es kein Zurück. Eingereiht in die Trecks mit jeweils 500 Menschen ging es nach Lübeck und per Schiff nach Oranienbaum bei Petersburg. Dass der protestantische Büdinger Pfarrer in nur vier Monaten 375 Paare traute, hatte einen guten Grund. Nur Paare erhielten das üppige Tagegeld für die Reise und rund 30 Hektar Land an der Wolga. 


Wie die Brautleute hießen und aus welchen Dörfern sie kamen, dokumentierte der Pfarrer in den Kirchenbüchern. Was sie für ihren Neubeginn an der Wolga von der Zarin erhielten, hielten russische Beamte fest. „Ackerbauer Johannes Simon, 28, ref. Aus Steinau im Hanauischen und seine Frau Anna Maria, luth., erhalten: 25 Rubel, 2 Pferde, 1 Kuh, 1 Unterwagen, 1 Gabeldeichsel, 11 Sazem Seil, 2 Riemenzäume, 5 Sazen Hanfseil für Zäume.“

Spurensuche nach der Familiengeschichte sei für die Heimkehrer dagegen ein mühseliges Puzzlespiel in Archiven und Quellensammlungen, betonte der Heimatforscher. „Der unsichtbare Faden, der die Deutschen in Russland verband, ist gerissen. Sie sind seit dem Schicksalsjahr 1941 geschichtslos geworden.“ Allerdings weise die Mundartforschung ihnen den Weg zu den Vorfahren. „Die Auswanderer hatten in ihrer neuen Heimat ja nicht Hochdeutsch gesprochen, sondern in ihrer Muttersprache, die sie von daheim mitgebracht haben.“ Da nur die Gemeinschaft des Dorfes zählte, habe sich ihre Sprache nicht weiterentwickelt. Dies erkläre auch den altväterlichen Duktus der Sprache älterer Heimkehrer. Die Aussiedler verwendeten Wörter, die typisch für den osthessischen Dialekt in der Region zwischen Rhön, Spessart und Vogelsberg sei. „Sprachwissenschaftler sprechen sogar von Russlandhessisch.“ So stehe „Pätter“ für Pate oder „Gaaß“ für Ziege oder „bischbeln“ für flüstern und „schnauen“ für atmen. Wenn Konsonanten zwischen t und r stünden, würden sie zu einem R. Dieser Wechsel trete in anderen hessischen Dialekten nicht auf. Beispiele seien „Schliere“ statt Schlitten, „geliere“ statt gelitten oder „Kere“ für Kette.

Müller-Marschhausens Fazit: „Die Heimkehrer fanden in Deutschland eine kalte Heimat wieder. Für sie gab es keine Willkommenskultur. Man begegnete ihnen skeptisch und hielt Distanz. Doch inzwischen sind sie eine Bereicherung für unser Land.“ (kel) +++




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