REGIONDie MITTWOCHS-KOLUMNE

WIELOCH schreibt an (20)… die streikenden Busfahrer

Zur Person:In „Wieloch schreibt an“ richtet sich Jochen Wieloch (40) immer mittwochs in einem persönlichen Brief nicht nur an regionale Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Sport oder Kultur, sondern auch an Menschen des Alltags, die in den Tagen zuvor besonders aufgefallen sind und für positive oder negative Schlagzeilen gesorgt haben. Bei der Kolumne handelt es sich um eine Mischung aus Kommentar und Portraitierung, in der Jochen Wieloch mal sachlich, mal emotional lobt, kritisiert und bei Bedarf auch ordentlich Dampf ablässt. Der Petersberger kennt sich in den Medien Print, TV und Internet bestens aus und ist unter anderem als Spezialist für Unterhaltungs-elektronik gefragter Autor für zahlreiche Verlage, Magazine und Fachzeitschriften. Neben dem ZDF, 3sat und dem Bayerischen Rundfunk arbeitete der Germanist unter anderem auch für die Motor Presse in Stuttgart und auto-tv in München.

11.01.17 - Liebe Busfahrer,

plötzlich merkt man, dass es Sie gibt: Sie fehlen! Der Nachwuchs kommt nicht mehr in die Schule. Für Rentner ohne Auto ist die Innenstadt unerreichbar. Ohne Sie droht ein Verkehrschaos. Rosenmontag, Neujahr, Ostersonntag: Sie sind immer im Dienst, sitzen schon früh morgens auf dem Präsentierteller vorne links. Ihre Charaktere und Typen hinter dem Lenkrad sind so vielfältig wie Ihre Fahrgäste: gut gelaunt, hilfsbereit, lustig, zuvorkommend und sympathisch. Teilweise aber auch genervt und muffelig. Nur Sie entscheiden, ob die verschlossene Tür nach einem verzweifelten Sprint noch einmal aufgeht, ob sich das Klopfen an die Seitenscheibe lohnt. Denn Sie sind hier der Boss.

Liebe Busfahrer, ich kenne Ihr System nicht im Detail, bin mit Ihren Arbeitszeiten, Überstunden, Stand- und Wendezeiten wenig vertraut. Aber: 12 Euro pro Stunde sind nicht viel. Zwölf Stunden im Dienst, nur acht bezahlt, das geht gar nicht. Ich gönne Ihnen die geforderten 13,50 Euro. Sie sind die Piloten der Innenstädte und Landstraßen. Ihr Motto: Dipperz statt Dubai. Hilders statt Honolulu. Erst kürzlich haben Ihre Kollegen der Lüfte wieder einmal gestreikt. Lufthansa-Piloten wollen insgesamt 22 Prozent mehr Gehalt. Das ist üppig. Hinzu kommt: Die Kranich-Angestellten verdienen jetzt schon jährlich bis zu 250.000 Euro. Dafür hocken Sie mehr als zehn Jahre in Ihrem Bus. Zehn Busfahrer gleich ein Pilot? Eine merkwürdige Gleichung. Eine Rechnung, die nicht aufgeht.

Und ein Thema, bei dem Fairness und Objektivität generell auf der Strecke bleiben: Wer sollte wie viel verdienen, was ist gerecht? Ist Ihre Arbeit mehr wert als die eines Briefträgers? Trägt eine Krankenschwester nicht mehr Verantwortung als ein Banker? Warum kassiert Kicker Ronaldo knapp 9.000 Euro – pro Stunde? Ich weiß, diese Debatte ist müßig und bringt nichts.

Liebe Busfahrer, ich glaube, Ihnen geht es nicht nur um mehr Geld. Sie wünschen sich – wie wir alle im Beruf – auch ein wenig mehr Anerkennung von Ihrem Arbeitgeber. Davon füllt sich kein Kühlschrank. Aber mit einem besseren Selbstwertgefühl macht Ihnen Ihr Job bestimmt wieder mehr Spaß. Das merken auch die Fahrgäste. Vielleicht öffnen Sie künftig ja doch noch die Bustür, wenn man eigentlich zu spät ist.

Mit herzlichen Grüßen



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