30.01.09 - KÜNZELL

Zölibat, Atheismus, Homosexualität - Bischof Algermissen bei Jugendlichen

„Was halten Sie von Prostituierten?“ Die Frage ging an Fuldas Bischof Heinz Josef Algermissen. „Mein Bedauern ist auf der Seite der Frauen“, antwortet der Oberhirte den rund 40 jugendlichen Zuhörern im Pfarrheim von Künzell-Dietershausen (Kreis Fulda). „Männer, die eine Frau so kaufen – ich möchte jetzt ein Tier nennen“, zensierte sich der Bischof selbst. Alle anderen Fragen versuchte der Bischof ausführlich und offen zu beantworten. Und an Fragen mangelte es nicht, als Algermissen gestern Abend im Rahmen seiner Visitation im Altdekanat Weyhers mit den Jugendlichen ins Gespräch kam. Eineinhalb Stunden nahm sich der gesundheitlich etwas angeschlagene Bischof für die Jugendlichen und ihre Fragen, die ihm zum Teil schon vorher zugeschickt worden waren, Zeit.

„Was ist mit neuen Lieder im Gottesdienst?“, wollte ein Junge wissen. „Es muss eine Mischung aus guten alten Liedern und neuen Lieder gefunden werden“, antwortet der Bischof und kritisierte, dass die neuen viel zu selten gesungen würden. Einige ältere Gottesdienstbesucher seien hier besonders unwillig. Dabei sei die Kirche doch ein „lebendiger Organismus“, der Neues braucht. „Wenn ihr neue Lieder singen wollt, müsst ihr dem Priester das deutlich machen“, ermutigte der Bischof die jungen Gemeindemitglieder. Auch rhythmische Bewegungen und Klatschen könnte in den Gottesdienst integriert werden. In Afrika werde die Liturgie sogar getanzt, berichtet der Bischof; fügte aber hinzu: „Das können wir nicht.“

„Der Ausbau eines Jugendraumes zieht sich schon über eineinhalb Jahren“, beklagte ein anderer Jugendlicher. „Unsere Gesetze machen alles komplizierter“, zeigte sich Algermissen verständnisvoll, als er erfuhr, dass eine notwendige Baugenehmigung erst spät erteilt wurde.

„Was sagen Sie zu Homosexualität?“ – „Das ist ein Problem, das nur wenige in der Gesellschaft angeht“, entgegnete Algermissen. Und er kritisierte, dass es heute ein "großes Thema" in der Gesellschaft sei. Homosexuelle hätten eine große Lobby. Teilweise gewinne man den Eindruck, dass heterosexuelle Paare „süffisant belächelt“ würden. Vor 20 Jahren sei das noch nicht so gewesen. „Jetzt outen die sich nach Strich und Faden“, sagte er wörtlich. Wer so veranlagt sei, sei so veranlagt, erkannte Algermissen vor den Jugendlichen. Gegen die „Schöpfungsordnung“ verstoße Homosexualität trotzdem. Demnach gehörten nämlich Mann und Frau zusammen, Homosexualität sei nicht die „normale Haltung eines Menschen“. Als „abartig“ bezeichnete Algermissen die Schwulen- beziehungsweise Lesbenhochzeit. Ebenso „abartig“ sei, wenn gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren könnten. „Aber bloß keine Verfolgung und Sanktionen“, fügte der Geistliche zwischen seinen Ausführungen ein: „Die sollen ganz still so leben, wie sie es machen.“

Ökumenisch gegen „aggressiven Atheismus“

Großer Themensprung mit der nächsten Frage: „Wie stehen Sie zur evangelischen Kirche?“, wurde der Bischof gefragt. „Wir müssen zusammen für das Evangelium einstehen“, sagte er. Auf der anderen Seite stünde ein immer aggressiverer Atheismus und eine gleichgültiger werdende unchristliche Welt. Die Gleichgültigkeit sei das eigentliche Problem. Problematisch sei auch, dass das Wissen um den Glauben so niedrig sei, dass viele „fast nichts mehr wissen“. Ökumene könne aber nur dann gelingen, wenn die Mitglieder der jeweiligen Konfession über ihren Glauben Bescheid wüssten. Bis zu einer gemeinsamen Kommunion sei es aber noch ein weiter Weg, ergänzte der Bischof auf Nachfrage. Dieser dürfe nicht auf Kosten der Wahrheit beschleunigt werden. Man müsse sich näher kommen und gemeinsam beten.

"Leid ist ohne Sinnzusammenhang"

„Warum gibt es Leid?“, war die nächste Frage, der sich der Bischof stellen musste. „Diese Frage ist die schwerste meines Bischofsdasein“, kommentierte Algermissen das Theodizee-Problem. „Warum lässt ein Gott so namenloses, entsetzliches Leid, besonders bei kleinen Kindern, zu?“, wiederholte Algermissen die „ungelöste große Frage“. Leid lasse sich nicht in einen Sinnzusammenhang bringen. Angesichts des großen Leides gebe es nur dumme Worte. „In der Nacht vor der Beerdigung eines kleinen Jungen, der durch einen Autounfall getötet wurde, habe ich mich vorbereitet und in einem Buch gelesen“, erzählte der Bischof. „Ich habe das Buch dann gegen die Wand geworfen.“ Gott habe aber versprochen, dass „wir am Ende alles verstehen würden“, tröstet sich Algermissen und ließ die Frage offen.

„Vielleicht hätte Jesus ja noch eine Frau gefunden“

Der Zölibat gehöre nicht wesentlich zum Priesteramt, sei diesem aber sehr angemessen, erklärte Algermissen, als er auf die Ehelosigkeit der Priester und den Verzicht auf die Geschlechtsgemeinschaft angsprochen wurde. Aber: „Ich weiß nicht, wann ich bei meinen Engagement Zeit für eine Familie und eine Ehefrau gehabt hätte“. Neben diesem „vordergründigen Argument“ kam für Pfarrer und Dechant Jörg-Stefan Schütz, der auf dem Platz neben Algermissen gestern Abend saß, ein weiteres hinzu: Jesus habe schließlich auch ehelos gelebt. Und er wolle ihm „ein Stück nachfolgen“. Da meldete sich ein Mädchen aus dem Publikum zu Wort: „Vielleicht hätte Jesus auch noch eine Frau gefunden, er war ja noch nicht so alt.“ Und während Schütz nachdenklich wirkt, ergreift Algermissen für ihn das Wort. „Wir haben uns so entschieden.“

Die Anwesenheit der Presse habe ihn in seiner Offenheit nicht eingeschränkt, beteuerte Algermissen auf die kritische Frage eines Mädchens. „Ich achte die Arbeit der Medien. Man muss sie ernst nehmen, dann kommt man mitunter ganz gut mit der Presse klar.“ (Daniel Kister) +++