15.07.13 - BAD KISSINGEN

Ohne Frack und Lackschuhe: Im Sommer-Urlaub mit DAVID GARRETT

Mein Kurzurlaub beginnt wider Gewohnheit in schwarzen Stöckelschuhen, die mich mitsamt kleinem Schwarzen angemessenen Schrittes in Richtung Regentenbau bringen. Prächtig ist er anzusehen, viele Schlendernde hat der laue Sommerabend auf die Promenade Bad Kissingens gelockt. Ein wenig aufgekratzt suche ich meinen Weg in den Max-Littmann-Saal, wo mein Kurzurlaub beim Kissinger Sommer beginnen soll. An Miturlaubern mangelt es nicht, erleichtert stelle ich fest: Keine badeschlappentragende Liegenreservierer in Sicht, die mit ihrem Handtuch den besten Platz ergattern wollen.

Im Gegenteil. Fein gemacht, aufgetakelt und bisweilen sich der extravagante Mode hingebend schlängeln sich Touristen aller Altersklassen in den Saal. Und wie auf meiner Eintrittskarte angekündigt, beginnt mein Urlaub Punkt 20 Uhr. Guiseppe Verdi lässt mit der Ouvertüre zur Oper "La forza del destino" sehr schnell die schönsten Orte meiner Erinnerung hervorquellen. John Axelrod und das Mailänder Sinfonieorchester Guiseppe Verdi interpretieren auch Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 5 so brilliant, dass ich und mein Kopfurlaub tatsächlich jenseits der Ozeane ankommen können. Leise streichelnd, kraftvoll energisch und dann wieder sanft und zart - in Wellen wird meine Phantasie getragen.

Erst die Pause bringt mich gedanklich wieder an den Ort des Geschehens zurück, die fast pubertäre Vorfreude ist auch wieder da. Bald ist es an der Zeit, den Mann zu erleben, dem ich diesen Urlaub verdanke. David Garrett hatte mich höchstpersönlich zu eben diesem eingeladen. Gut, auch alle anderen Leser des Stern-Interviews im März dieses Jahres. Aber das verdränge ich mal ganz absichtlich. "Musik soll uns aus dem Alltag holen. Wenn jemand durch mich einen Kurzurlaub in der klassischen Musik macht, dann freue ich mich darüber," sagte er in diesem Stern-Interview. Nun, lieber David, die Freude war ganz meinerseits. Fast scheu stiefelte er mit offenen Boots, Jeans und legerem Sakko auf die Bühne. Sehr sympathisch: mit einer Frisur, die unter Frauen sonst als "Duschfrisur" bekannt sein dürfte. Aber das sonst eher gemessen klatschendes Publikum ließ sich gern mitreißen - bald stampften etliche Füße auf den Boden des Littmann-Saales.

Dresscode? Pustekuchen! "Durch einen Frack wird Musik nicht schöner", auch dieser weise Satz gesagt von Garrett gegenüber dem Stern. Und immerhin: Die 1.200 Plätze des Saales waren mit auffallend vielen jungen Leuten besetzt, wohl ein Verdienst des Frauenschwarms. Zwar begann das Brahmsche Konzert für Violine und Orchester professionell inszeniert mit einem gekünstelt wirkenden Weltstar. Doch nach ein paar liebevollen Streicheleinheiten für seine Geliebte (gemeint ist die Violine, zum Leidwesen aller Frauen im Saal) legte sich das Lampenfieber auf der Bühne und im Saal. Bald stand die Musik wieder im Vordergrund und konnte ihren Reise-Zauber voll entfalten. Nach wundervollem Aneinanderschmiegen von Oboe und Solovioline im zweiten Satz brandete viel zu schnell der Schlussapplaus auf. Garretts Zugaben erfüllten die Erwartungen an Crossover-Interpretationen: das Orchester zupfte, der Star spielte Paganinis „Carnevale di Venezia"-Liedchen, im Deutschen bekannt als „Mein Hut, der hat drei Ecken". Eine weitere Zugabe und schon verschwand er nach letztem brennenden Applaus.

Aber auch dem jungen hervorragendem Orchester sprach der Weltstar wohl aus den Herzen - nach der Vorstellung verwandelten sie auf ihrem Nachhauseweg die Kissinger in italienische Gassen. Überschwänglich schnatternd flatterten sie in die laue Sommernacht - "Ci vediamo, Kurzurlaub!". (Anna Medlin)+++

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