Osthessen Sport
Das Mannschaftsbild aus der Premieren-Saison 1994/1995 in der Bundesliga Fotos (3): privat

21.12.2016 - SPORT

Es war einmal ... (13)

Die Schwarzbacher Damen in der Bundesliga - "Vor dem Spiel einen Schnaps"

Wer erinnert sich nicht an Gerd Müllers goldenes Tor 1974? Oder an Boris Beckers historischen Sieg in Wimbledon? Sportliche Höhepunkte, die in die Geschichte eingingen. Doch nicht nur auf der großen Bühne des Sports, sondern auch im Kleinen gibt es Momente, die mehr oder weniger präsent im Bewusstsein sind. "Es war einmal ..." ist eine Rubrik, die verblasste Erinnerungen an besondere Ereignisse oder Veranstaltungen wecken soll. Teil 13 unserer Serie erzählt die Geschichte des kleinen Dorfvereins DJK FSV Schwarzbach, dessen Frauen für zwei Jahre in der Bundesliga spielten.

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht denkt Eva Muschik an die Zeit zurück, in der sie mit ihren Mannschaftskameradinnen Großes erreicht hat. Vor 22 Jahren, damals war der Frauenfußball noch lange nicht so populär wie heute, schafften die Fußballerinnen der DJK FSV Schwarzbach das Unmögliche. Die Damen spielten in der Saison 1994/1995 und 1996/1997 in der Bundesliga und gingen damit in die Geschichte des osthessischen Frauenfußballs ein. Zusammen mit Eva Muschik, die bei beiden Aufstiegen dabei war, blickt ON|Sport auf die erfolgreichste Zeit des Vereins zurück.

„Wir standen in der Oberliga ganz oben dran, dann war uns klar: Wir wollen den Aufstieg in die Bundesliga“, erklärt Muschik, die seit 1981 ihre Fußballschuhe für den Verein des 480-Seelendörfchens Schwarzbach schnürte. „Begonnen hat alles, als Josef ‚Joschi‘ Flügel und Rainer Passon die Mädels von der TSG Mackenzell (Heike Gensler, Christina Pappert, Christine Witzel) nach Schwarzbach holten“, erinnerte sich Muschik, die mit dem Fußball im Alter von zehn Jahren bei der TSG anfing. Von da an ging es stetig bergauf und der FSV mauserte sich zur Nummer eins im osthessischen Damenfußball, denn schon seit 1977 gab es in Schwarzbach eine Damenmannschaft. In der Saison 1993/1994 war es dann endlich soweit, und der FSV hatte die Chance, den Sprung in die Bundesliga zu schaffen. Doch zuerst standen die Aufstiegsspiele bevor, die eine schweißtreibende Angelegenheit wurden, denn die Sonne knallte in diesem Sommer nur so vom Himmel. Ein persönliches Highlight Eva Muschiks war die Begegnung gegen den TSV Crailsheim. „Da habe ich den 1:1-Ausgleichstreffer geköpft - ein geiles Gefühl“, erzählt die heute 47-Jährige.

Die Frauen der DJK FSV ...

Eva Muschik schwelgte zusammen mit ...Fotos (2): Franziska Vogt

Für die erste Bundesligasaison der Rhönerinnen wurde sich natürlich auch entscheidend verstärkt. „Unsere Trainer Holger Sauer und Joschi Flügel hatten nicht die Lizenz, um uns in der Bundesliga zu trainieren“, so Muschik, „und da Michael Schäfer, der damals die Bezirksauswahl der Damen trainierte, und viele Schwarzbacherinnen in der Mannschaft waren, wurde er unser Trainer.“ Schäfer, der damals wie heute für den Hesssischen Fußballverband (HFV) tätig war, holte auch Neuzugänge nach Schwarzbach. Darunter Astrid Lohfink-Weber, die in der Oberliga für den SV Roland Rothenkirchen spielte, oder Karolin Hahn-Schwalbach vom SC Soisdorf aus der Landesliga. „Wir hatten riesiges Glück, mit Michael einen solchen tollen Trainer zu bekommen. Er hatte die richtigen Connections und hat sich auch viel Arbeit gemacht, die nicht jeder gesehen hat“, lobte Muschik ihren alten Trainer.

Nicht nur für die Spielerinnen des FSV war es eine Premiere in der Bundeliga zu spielen, auch für Michael Schäfer. „Ich hatte vorher noch nie eine Mannschaft trainiert, die so hochklassig spielte. Für mich als damals 30-Jährigen war das auch eine Herausforderung und eine völlig neue Situation. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, bekomm ich immer noch Gänsehaut.“

Das erste Spiel in der damals noch zweigeteilten Bundesliga bestritten die Schwarzbacher Damen in der Süd-Staffel gegen den damaligen amtierenden Deutschen Meister TuS Niederkirchen mit prominenter Besetzung. Heidi Mohr, Torschützenkönigin und 104-fache Nationalspielerin, oder die damals noch junge Steffi Jones, die jetzt die deutsche Frauen-Nationalmannschaft trainiert, waren damals in Schwarzbach zu Gast. „Es ist schon verrückt, wenn man überlegt, gegen wen man da eigentlich gespielt hat“, so Muschik. Auch die spätere Weltfußballerin Birgit Prinz mit dem FSV Frankfurt gastierte auf dem Rhöner-Rasen. „Bei unserem ersten Spiel gegen Niederkirchen waren 2.000 Zuschauer da. Wer den Sportplatz in Schwarzbach kennt, weiß wovon ich rede, wenn ich sage, dass die ganzen Hänge voll mit Zuschauern waren“, blickte Eva Muschik in die Anfangszeiten der Bundesliga zurück. Kurios: Zum ersten Spiel erschien nicht einmal die Schiedsrichterin pünktlich. Der damalige Bezirksfußballwart, Hermann Dücker, der in Schwarzbach vor Ort war und die Situation gleich erkannte, holte sich in der Schiedsrichtervereinigung Fulda Hilfe und der zuständige Kreischiedsrichterobmann beauftragte Edgar Clemens (Eichenzell), die Leitung des Spiels zu übernehmen.

Und obwohl die Schwarzbacherinnen sich vorerst nur eine Saison in der Bundesliga halten konnten, rissen sich die Mädels zusammen und schafften den direkten Wiederaufstieg. „Die erste Saison war nicht gerade von Erfolg gekrönt“, so Ex-Trainer Schäfer, er verwies auf Leistunsgträgerinnen wie Sonja Rehm und Eva Muschik, die sich beide einen Kreuzbandriss zuzogen. Dennoch gab der FSV immer alles. „Jeder hat 120 Prozent gegeben und nicht nur 100. Dadurch, dass wir keine großen Sponsoren hatten, haben wir uns so gesagt selbst finanziert“, sagte Muschik. Doch viele Sponsoren hatten die FSV-Damen nicht und so kam es, dass sie Eigeninitiative ergriffen. Durch Kuchenverkauf bei Heimspielen haben  sie ihre Mannschaftskasse aufgebessert. Ein dem Verein nahestehender Busunternehmer stellte für die Auswärtsspiele einen Bus zur Verfügung, der von Winfried Kling, dessen Frau Marie-Luise 'Rilo' Kling, die Mitbegründerin der Damenmannschaft des FSV war, gefahren wurde. Die FSV-Team war ein große Familie, die immer zusammen hielten, viel zusammen unternahmen und legendäre Partys veranstalteten. „Der harte Kern“, so Michael Schäfer, „trifft sich auch heute noch. Nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga gab Michael Schäfer das Zepter an Steffan Dresel weiter, der von den Schwarzbacherinnnen liebevoll „das Dreselchen“ genannt wurde und heute den Gruppenligisten SG Viktoria Bronnzell trainiert.

... Fußball ist für sie ...

So kamen im Jahr 2014 alle Spielerinnen, die mit dem FSV in der Bundesliga spielten zusammen, und traten gegen die damalige Frauenmannschaft des Vereins an. Die „alte Garde" gewann souverän mit 4:2 und stellte ihre Klasse, selbst 20 Jahre nach ihrer erfolgreichsten Zeit, unter Beweis. Neben den ehemaligen Trainern, Schäfer und Dresel, war auch Torwart-Trainer Manfred Fröhlig am Start, und Astrid Quehenberger (ehemals Pappert) reiste extra aus Österreich an. 

Für Eva Muschik war es eine Zeit, die sie selbst nicht missen mag. Denn auch nach Niederlagen bliesen die Schwarzbacherinnen kein Trübsal, sondern „machten Polonaise durch den Bus, weil wir einfach glücklich waren, dabei zu sein und einen unglaubliche Teamgeist hatten“, schwelgt Eva Muschik in Erinnerungen, „manchmal haben wir vor dem Spiel auch einen Schnaps getrunken, weil wir so aufgeregt waren.“ Umso trauriger ist es, dass von dem damaligen Ruhm heute nichts mehr übrig ist. „Es ist schade, dass der FSV dieses Jahr nicht mal mehr eine Frauenmannschaft gemeldet hat“, sagt Michael Schäfer. Für Eva Muschik steht aber eins fest: „Fußball ist die schönste Nebensache auf der Welt.“ (Franziska Vogt) +++

                    

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