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Einweihung der Wilhelm-Dillemuth-Schanze in Bermuthshain am 13. September 1970 - Foto: Ferdinand Zimmermann

SPORT Es war einmal ... (7)

Skispringen in Osthessen ... Eine Sportart vom Winde verweht

18.04.16 - Wer erinnert sich nicht an Gerd Müllers goldenes Tor von 1974? Oder an Boris Beckers historischen Sieg in Wimbledon? Sportliche Höhepunkte, die in die Geschichte eingingen. Doch nicht nur auf der großen Bühne des Sports, sondern auch im Kleinen gab es Momente, die mehr oder weniger präsent im Bewusstsein sind. "Es war einmal ..." ist eine Rubrik, die verblasste Erinnerungen an besondere Ereignisse oder Veranstaltungen wecken soll. Teil sieben unserer Serie erzählt die Geschichte des Skispringens in Osthessen – einst eine strahlende Sportart, heute vom Winde verweht.

Die erste kleine Sprungschanze auf dem ...Foto: Carsten Eigner

Betrieb auf der Sprungschanze im Winter, ...Fotos (3): Werner Luft

Übungsspringen auf der Mattenschanze im Sommer, ...

Schon von weitem kann man sie sehen. Zwischen Bäumen ragt ihr Turm hervor. Kommt man näher an sie heran, hat ihr Anblick beinahe etwas Gespenstisches. Ihre Konstruktion aus Holz wirkt abenteuerlich. Die Wilhelm-Dillemuth-Schanze bei Bermuthshain (Vogelsbergkreis) steht heute noch immer an Ort und Stelle auf dem „Höllerich“ und ist Zeuge einer Zeit, in der die kleine Gemeinde bei Grebenhain sich einen Namen im hessischen Springerzirkus machte. „Wir haben gute Springer hervor gebracht. Einige haben es sogar in den D-Kader des deutschen Skiverbandes geschafft“, erinnert sich Werner Luft, der früher selbst auf der Schanze sprang und heute eine Art Denkmalpfleger der historischen Anlage ist.

Die Idee, in Bermuthshain Skispringen zu betreiben, so erzählt Luft, hätten damalige Flüchtlinge aus den Ostgebieten mitgebracht. „In Bermuthshain gab es nur die Fußballer und wir haben eigentlich ausschließlich Langlauf betrieben, etwas anderes gab es nicht“, sagt Luft, der aus einer durch und durch ski-begeisterten Familie stammt und dessen persönlicher Rekord bei 28 Metern liegt. Erste Sprünge machten die Bermuthshainer auf dem Hoherodskopf und hatten fortan Blut geleckt. Beim benachbarten TSV Grebenhain existierte bereits eine Wintersport-Abteilung, sodass Werner Luft und seine Kameraden kurzerhand in den Verein eintraten und das Skispringen forcierten. Auf dem „Höllerich“ wurde zunächst durch Jugendliche 1953 eine erste kleine Schanze errichtet.

Übungsspringen auf der Mattenschanze im Sommer, ...

Heute steht die Schanze auf dem ...Fotos (13): Tobias Herrling

... und Werner Luft, früher selbst ...

In den 60er Jahren wurden die Planungen für eine größere Anlage vorangetrieben, nachdem die Gemeinde den Plänen zugestimmt hatte. Nach fünf Jahren Bauzeit – die Erdarbeiten wurden durch die Amerikaner durchgeführt, geplant hatte die Schanze ein Ingenieur aus Kahl am Main - wurde die Wilhelm-Dillemuth-Schanze, benannt nach dem ersten Skiläufer im Vogelsberg, am 13. September 1970 eingeweiht. „Es wurden überwiegend Bezirksmeisterschaften und regionale Wettkämpfe ausgetragen“, erzählt Werner Luft über die Schanze, deren K-Punkt (Kalkulations-Punkt) bei 28 Metern lag. Der Schanzenrekord liegt bei 35 Metern, aufgestellt von Erwin Mengel aus Schotten. Die besten Bermuthshainer Springer waren Helmut Hornung, Gerald Jockel, Siegfried Rieckhoff, Edmund Wies, die es in den Nachwuchs des DSV schafften.

Ab den 80er Jahren ging es jedoch mit dem Skispringen bereits abwärts: die Winter brachten nicht mehr genügend Schnee und die Matten für das Springen im Sommer hätten sich nicht bewährt. „Die Schanze war oft nicht benutzbar“, sagt Luft über eine der letzten hölzernen Schanzen Deutschlands. Es entstand eine rege Debatte, was künftig mit der Schanze passieren solle. Ein Abriss konnte verhindert werden und die Anlage wurde 2003 unter Denkmalschutz gestellt. Anstelle des Schanzentisches wurde drei Jahre später eine Plattform errichtet – mit einem herrlichen Blick über Bermutshain und den Vogelsberg.

Blick vom Schanzentisch der Grasbergschanze in ...

Thomas Bub war einer der erfolgreichsten ...

In über 1.000 freiwilligen Arbeitsstunden wurde ...

„Man bekommt direkt wieder Lust aufs Springen. Es ist ein tolles Gefühl, auch wenn es schade ist, dass es schon lange vorbei ist“, beschreibt Thomas Bub seine Gefühlslage, als er am Ort der alten Grasbergschanze bei Poppenhausen steht. Der Luftkurort am Fuße der Wasserkuppe war für Jahrzehnte eine Skispringerhochburg – und Thomas Bub einer der erfolgreichsten Springer. „Poppenhausen war bekannt für seine Skispringer und als kleiner Junge ist man damit automatisch in Berührung gekommen“, sagt Bub, der als kleiner Junge auf kleinen Schnee-Schanzen angefangen hatte und dann die großen Anlagen in Angriff nahm.

Seit 1955 stand in Ortsnähe die Grasbergschanze, eine Naturschanze erbaut in über 1.000 freiwilligen Arbeitsstunden. Zuvor wurde auf aus Schnee gebauten Schanzen in der Nähe des Guckaisees gesprungen. Mit der vorschriftsmäßigen Schanze erlebte das Skispringen in Poppenhausen einen Aufschwung und die Grasbergschanze wurde zum sportlichen Mittelpunkt des Ortes. „Das war eine tolle Atmosphäre an der Schanze. Hunderte Zuschauer kamen, es wurde gegrillt und getrunken. Einfach eine tolle Zeit“, erinnert sich Bub, der im Laufe seiner Karriere mehrmaliger Hessenmeister wurde und auch an den deutschen Jugendmeisterschaften in Nesselwang teilnahm. Der Schanzenrekord der Grasbergschanze, auf der überwiegend Bezirks- und Vereinsmeisterschaften ausgetragen wurde, liegt bei 29 Metern. Aufgestellt von Bubs Neffen Andreas Bub, dem erfolgreichsten Springer des TSV Poppenhausen.

Bilder aus Thomas Bubs Karriere, der ...Fotos (2): privat

... und seinen persönlichen Weitenrekord mit ...

Heute sind an der Grasbergschanze noch ...

Er gewann auch die erste Auflage der „Rhöner Vierschanzentournee“, die 1987 ins Programm aufgenommen wurde, mit Springen in Wüstensachsen, Poppenhausen, Oberweißenbrunn und Haselbach. Nur zwei Jahre später sollte es mit dem Skispringen in Poppenhausen allerdings vorbei sein. Die klimatischen Veränderungen machten sich bemerkbar, der Schnee wurde weniger. „Wenn der fehlt, kannst du keine Nachwuchsarbeit leisten. Die Kinder müssen das Springen ja sukzessive von kleinen auf größeren Schanzen lernen“, sagt Thomas Bub, dessen weitester Sprung auf der Olympia-Schanze in St. Moritz bei 70 Metern endete, über die Gründe für den Niedergang seiner Sportart. 1989 stand das letzte Springen auf der Grasbergschanze an – und Thomas Bub, der seit einigen Jahren pausiert hatte, ließ sich das nicht nehmen und trat bei den Vereinsmeisterschaften mit einem dritten Platz noch einmal erfolgreich an.

... und der Schanzentisch zu sehen

In all den Jahren, in denen sich Thomas Bub die Schanzen hinunter stürzte, sei so gut wie nie etwas Schlimmeres passiert. „Ich habe mir mal die Nase gebrochen. Aber beim Fußball habe ich mich mehr verletzt“, lacht Bub, der in den Sommermonaten bei den Fußballern des TSV mitmischte. „Und das trotz dem schlechten Material und der geringen Sicherheit, die es damals gab.“ Als Förderer des Skispringens in Poppenhausen erwiesen sich Manfred Storch und Bernhard Winheim, die als Trainer zahlreiche Springer ausbildeten und das 2.600 Seelen-Dorf zu einer Skispringerhochburg in der Rhön machten.

Die Schanzen in Poppenhausen und Bermuthshain waren nur zwei von zahlreichen, die es in Osthessen und der Rhön gab. Weitere Anlagen standen bei Gersfeld (Kälberrainschanze, Simmelsbergschanze und Reesbergschanze), auf dem Hoherodskopf (Kurt-Moosdorf-Schanze), in Oberweißenbrunn (Schachenbergschanze), in Wüstensachsen (Hohenrainschanze) und in Weiperz (Rödchenschanze). Die einzigen Schanzen, auf denen noch aktiv gesprungen wird, sind die Kreuzbergschanzen bei Bischofsheim (Rhön). Die Überbleibsel der Anlagen wie in Poppenhausen oder Bermutshain sind die stillen Zeugen einer Zeit, in der Skispringen in der Region einen hohen Stellenwert hatte. Eine Sportart, mittlerweile vom Winde verweht. (Tobias Herrling) +++

Dieser herrliche Blick über Bermuthshain ...

Die Konstruktion aus Holz ist ...

Heute steht anstelle des Schanzentisches ...


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