Konzertante Lesung in Festspiel-Factory

Sherlock Holmes - der Musical-Hit der nächsten Jahre auf Deutschlands Bühnen?

Fotos: Gudrun Schmidl - Michael Flöth, Gerhard Krazel, Andreas Bongard und Richard Glöckner (von links)

19.08.2017 - Sherlock Holmes, eine der beliebtesten, meistgelesenen und aktuellsten Figuren der Literatur, steht – wenn es gut läuft – vor seinem Siegeszug als Musical-Titelfigur. Rudi Reschke, der als Schauspieler, Sänger, Tänzer, Choreograph und Autor arbeitet, hat zusammen mit Co-Autor Joachim Quirin den Stoff um die berühmtesten aller Detektive, Sherlock Holmes und Dr. Watson, modern und zeitgemäß, aber mit nostalgischem Flair, exotischen Elementen und einer Prise Humor neu interpretiert. Am Donnerstagabend wurde „Sherlock Holmes - Das Musical“ als konzertante Lesung vor über 100 anwesenden Theater-, Musical-, Krimi- und Musikinteressierten in der „Festspiel-Factory“ (die ehemalige Abfüllhalle hinter der Stadthalle) von 13 Darstellern der gefeierten Titanic-Inszenierung der diesjährigen Bad Hersfelder Festspiele präsentiert.



Rudi Reschke (rechts) und Christian Heckelsmüller

Rudi Reschke ist für das Bad Hersfelder Festspielpublikum kein Unbekannter. Schon vor zehn Jahren stand er im Musical „Les Misèrables“ und in der Shakespeare-Komödie „Wie es euch gefällt“ auf der Bühne der Stiftsruine. Im darauffolgenden Jahr, 2008, wirkte er im Musical „Jekyll & Hyde“ als Schauspieler und Sänger mit und war darüber hinaus auch als Choreograf tätig. In der aktuellen „Titanic“-Inszenierung verkörpert er den Millionär Benjamin Guggenheim, eine Nebenrolle für den erfolgsverwöhnten Musical-Darsteller. Die Zusammenarbeit mit Regisseur Stefan Huber war allerdings ein weiterer guter Grund, auf die Festspielbühne zurückzukehren, aber auch die mehr als gute Gelegenheit, sein eigenes Projekt auf den Weg zu bringen.

„Das herausragende Titanic-Ensemble wollte ich mir zunutze machen, um mein Musical „Sherlock Holmes“ im gesamten Umfang in Wort und Ton erstmalig dem Hersfelder Publikum vorzustellen“, erklärte Rudi Reschke im Vorfeld seine Intuition. „Die Zeit war allerdings wahnsinnig knapp. Zwischen den Aufführungen, teilweise zwei an einem Tag, konnten lediglich eine Hand voll Proben eingeschoben werden“, erläuterte Rudi Reschke, der in dieser aktuellen Stückentwicklung den Vater aller Krimi-Detektive neu erfunden hat. Sherlock Senior und Dr. Watson Senior recherchieren im Wettstreit mit ihren Söhnen im historischen England, Anfang des 20. Jahrhunderts, um Mord, Liebe, Tod und Leidenschaft. Von dem interessierten Publikum erhofft sich Rudi Reschke deutliche Hinweise, „wie der Stoff sich anfühlt“.

Daniel Dimitrow übernahm die Rolle des Sprechers, erläuterte die Handlung, die örtlichen Gegebenheiten und das Geschehen rund um die anwesenden Personen. Gerhard Krazel, in Titanic verkörpert er George Widener, macht als Sherlock Holmes Senior eine überaus gute Figur. Eine Idealbesetzung für Dr. Watson Senior wäre Michael Flöth, der momentan als Captain E.J. Smith auf dem sinkenden Schiff brilliert. Sherlock Junior wurde von Andreas Bongard gelesen, der auf der Festspielbühne als Funker Harold Bride seinen Dienst verrichtet. Watson Junior hat Richard Glöckner übernommen, der bei „Titanic“ nicht nur die 2. Regieassistenz, sondern auch die Abendspielleitung inne hat. Auch alle anderen „Rollen“ in der konzertanten Lesung waren perfekt mit herausragenden Darstellern besetzt.

Der Plot: Ein Attentat auf den ägyptischen Premier im britischen Museum katapultiert den Zuschauer ins London des Jahres 1910. Obwohl sich Sherlock Holmes mit seinem Partner Dr. Watson schon zur Ruhe gesetzt hat, lassen es sich die beiden älteren Herren nicht nehmen, in diesem Fall zu recherchieren. Dabei haben sie die Rechnung ohne die neue Generation gemacht, denn Sherlock Junior und Watson Junior ermitteln auf ihre ganz eigene Art und Weise. Dabei versuchen die beiden ungleichen Paare ein Mordkomplott aufzudecken und werden von den Schatten eines längst tot geglaubten Feindes, der von einer abendländischen Untergrundorganisation aus das britische Empire bedroht, verfolgt. Es entspinnt sich ein Kriminalfall aus Verfolgungsjagden und einer aufkeimenden Liebesbeziehung ausgerechnet zwischen Sherlock Junior und Chaterine Mason (Gabriela Ryffel), der Tochter der Museumsleiterin Ellen Mason (Nina Janke).

Dieser Stoff hat alles, was zu einem erfolgreichen Musical dazu gehört und Musik aus der Feder des Komponisten Christian Heckelsmüller, die das Herz und die Seele berühren. Mit frenetischem, nicht enden wollendem Applaus wurden von den einzelnen Darstellern allesamt herausragend interpretierten Lieder mit Ohrwurmgarantie gefeiert. Auch der Schlussapplaus sprach eine deutliche Sprache. Wenn eine konzertante Lesung schon derart spannend, kurzweilig, vergnüglich und berührend beim Publikum ankommt, ist der Erfolg auf der großen Musical-Bühne im Grunde vorprogrammiert. Viele Theater setzen allerdings immer wieder Klassiker auf den Spielplan, um kein finanzielles Risiko einzugehen. Rudi Reschke hat Hoffnung: „Wenn es ihnen gut gefallen hat, rufen sie Herrn Dieter Wedel an“, rief er dem begeisterten Publikum zu. (pm/Gudrun Schmidl) +++