Bitterböse Schnitzeljagd in der Provinz

Mit Irrwitz und Galgenhumor: Tragikomödie "Indien" funzt am Eichhof

Fotos: Erich Gutberlet - Hassen sich auf den ersten Biss (v.li.): Grantler Bösel (Mathias Znidarec) und der piefige Fellner (Robert Joseph Bartl).

30.07.2018 - Ein Bayer und ein Österreicher – das geht gar nicht. Vom ersten „Biss“ an sind sich der österreichische Gastronomietester Heinz Bösel (Mathias Znidarec) und der bayerische Hygienebeauftragte Kurt Fellner (Robert Joseph Bartl), die im Auftrag des Fremdenverkehrsamtes Wirtshäuser in der süddeutschen Provinz auf Herz und Nieren testen, spinnefeind – sogar im Vollsuff. Bösel, ein Grantler wie er im Lehrbuch steht, tituliert Fellner als „einen Schnösel mit einem gepuderten und lackierten Stock im Arsch“. Fellner, ein Spießer vor dem Herrn, schlägt erbarmungslos zurück und bezeichnet seinen Kollegen als „depperte, ignorante Arschgeige“.



Rabenschwarzer, derber Humor. Blitzschnelle, bitterböse Dialoge. Brachial komische und tieftraurige Momente im Wechsel. Mal deftig, mal zärtlich. Auf der Freilichtbühne im Schloss Eichhof wird fleißig „gehadert“. Das vom österreichischen Multitalent Josef Hader und dessen „Spezi“ Alfred Dorfer verfasste Kabarett-Stück „Indien“ ist wie gemacht für die malerische, lauschige und heimelige Spielstätte. Festspielintendant Joern Hinkel, der die Tragikomödie inszeniert, greift überwiegend auf die Filmvorlage zurück. Es sind eher die kleinen, feinen vom Regisseur gereichten Häppchen, die der skurrilen Wirtshaus-Odyssee – auf den zweiten Blick – eine eigene, tiefgründige Note verleihen.

In bestechender Manier mimt Robert Joseph Bartl den piefigen Fellner, der auf einer Yoga-Welle reitet und glaubt, sein Glück in Indien zu finden, einem fernen Ort, wo alles besser und schöner ist. Das Schicksal meint es nicht gut mit dem eitlen Toupet- und Bauchkorsettträger: Freundin Karin „pudert“ fremd und der Hodenkrebs frisst ihn unbemerkt von innen auf. Im Gegensatz zum Film „Indien“ gewährt Hinkel dem Fellner mehr Freiräume: er ist der eigentliche Protagonist des Stückes. Hinreißend vollzieht Bartl die Verwandlung vom Spießer zum lockeren Kerl, der im Krankenhaus alle Fünfe gerade sein lässt und es tiefenentspannt hinnimmt, dass er als einziger Patient ausgerechnet in dem Trakt des Klinikums untergebracht ist, der gerade umgebaut wird: man(n) hat schließlich nur noch 14 Tage zu leben…

Mit Wiener Schmäh und kongenialer Mimik weiß Mathias Znidarec zu begeistern. Glaubwürdig gibt er den „depperten“ Miesepeter, der in der zweiten Hälfte der Tragikomödie eine ungelenke Charmeoffensive startet, indem er Fellner jeden Wunsch von den Lippen abliest. „Schnäpseln und schnapseln“ lautet die Parole des Familienvaters, dessen Ehe längst abgekühlt ist und dem ein Kuckuckskind ins Nest gelegt wurde.

Fein unterlegt wird „Indien“ von schräger, bayerischer Blasmusik. Leo Gmelch und Matthias Trippner geben Vollgas und lassen die Disharmonien nur so sprudeln. Darauf ein kühles Helles.

Nach der wohl reizendsten Liebeserklärung der Theatergeschichte, die auf einem Gemeinschaftsklo eines komplett heruntergekommenen Landgasthofs vonstatten geht – Bösel zu Fellner: „Wissen Sie, dass Sie neben meiner Mutter der einzige Mensch sind, vor dem ich hab scheißen können…“ – entpuppen sich die beiden als Dreamteam. Aus Bösel wird der Heinzi, aus Fellner der Kurti. Der Beginn einer innigen Männerfreundschaft, die allerdings – der Krebs lässt grüßen – nicht von langer Dauer sein wird.

Im wahrsten Wortsinn zwischen Himmel und Hölle pendelt das Zweiergespann – und zwar in einem Fahrstuhl. Hinkel verlegt kurzerhand die Fahrt im Auto zu den Gasthöfen in einen silberfarbenen Lift, was der Geschichte „Drive“ verleiht. Die Letter „HUE1H“ zieren den Aufzug, wobei das erste „H“ rot aufleuchtet und das zweite „H“ grün. Selbstverständlich packt es Fellner nach seinem Ableben in die alleroberste Etage, während Bösel auf einer Parkbank die Reinkarnation seines Freundes trifft: einen indischen Bauarbeiter, der dem selig lächelnden Österreicher eine halbe Banane reicht.

Freundlicher, langanhaltender Applaus. Fazit: Joern Hinkels „Indien“ und das Ensemble haben sich ein Schnitzel Wiener Art der obersten Güteklasse verdient. Für ein Wiener Schnitzel reicht es nicht ganz. Gefunzt hat „Indien“ allemal. (Stefanie Harth) +++