Justitia hat abgedankt

Festspielpremiere mit Tiefgang: Joern Hinkels "Prozess" geht unter die Haut

Fotos: Carina Jirsch - Der Prozess nach Franz Kafka ist das Eröffnungsstück der 69. Bad Hersfelder Festspiele: Dieter Laser (li.) begeistert als Advokat Huld; Ronny Miersch (re.) brilliert als Josef K.

07.07.2019 - Mit gesenkten Häuptern, geduckter Haltung und bangen Blicken schlurfen die Menschen durch eine schwarz-weiße Welt. Ein eisiger Wind weht durch die Straßen und Gassen. Es herrscht ein beklemmendes Klima: Ein feines Netz aus Misstrauen, Kontrolle und Angst hat sich entsponnen. Menschen werden grundlos verhaftet und verschwinden spurlos. „Haben Sie meine Frau gesehen?“, fragt der Gerichtsdiener (anrührend: Mathias Schlung). „Die nehmen sie mir immer weg! Immer nehmen die sie mir weg!“



Marianne Sägebrecht (li.) mimt K.s Haushälterin; ...

Für den herzkranken, eitlen und in ...

Wer sind „die“? „Die“, das ist eine undurchdringliche Organisation, ein anonymes „Gericht“, das durch seine Vorgehensweise elementare Menschenrechte verletzt. Längst hat der mächtige Apparat die Kontrolle über die Judikative übernommen – der senile und sabbernde Untersuchungsrichter (tadellos: Jürgen Hartmann) spricht Bände. Willkommen in einem totalitär regierten Staat. Willkommen bei der Premiere von Franz Kafkas „Der Prozess“ in der Bad Hersfelder Stiftsruine. Türkei, Polen, Ungarn, Nordkorea und Syrien sind plötzlich ganz nah.

Völlig unvoreingenommen bringt Festspielintendant Joern Hinkel eines der meistinterpretierten Bücher der Weltliteratur auf die Bühne. Der Regisseur hat eine zeitnahe Fassung geschrieben, Rollen weiterentwickelt, Szenen, die im Roman lediglich angedeutet werden, auserzählt und absurde und slapstickhaft anmutende Situationen zugespitzt. Trotzdem bleibt das Spiel – und das ist das Geniale – „immer am Stoff“.

Der Maler und Paparazzo Titorelli (Thorsten ...

Eiskalt: die Aufseherin (Maria Radomski).

Der Gerichtsbeauftragte Franz (Thomas M. Held).

Der Gerichtsbeauftragte Willem (Markus Majowski).

Josef K.s Verlobte Felice Bürstner (Corinna ...

K.s Cousine Erna (Nicole Sydow).

Als Josef K. (überragend: Ronny Miersch) am Morgen seines 30. Geburtstags aus einem Alptraum erwacht, gerät er gleich in den nächsten. Ein Alptraum, aus dem es kein Entrinnen gibt. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Das ist der erste Satz von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Weder Josef K. noch die Festspielgänger werden jemals erfahren, wer dieser Jemand ist und was dem Anlageberater und Prokuristen eigentlich vorgeworfen wird.

Doch lässt sich der Bankangestellte nicht beugen: K. begehrt auf, versucht, hinter das Unrechts-System zu blicken, lehnt sich gegen einen unfairen Gott, der den Menschen in einer irrwitzigen Welt allein zu lassen scheint, auf – und wird dafür bestraft. Seine Verlobte Felice Bürstner (stark: Corinna Pohlmann) verlässt ihn und sein Chef (Jürgen Hartmann) beurlaubt ihn.

Die Sekretärin (Maria Radomski).

K.s Chef (Jürgen Hartmann).

Der Gerichtsdiener (Mathias Schlung, li.)

Für den herzkranken, eitlen und in Selbstlob versinkenden Advokaten Huld (kongenial und omnipräsent: Dieter Laser), dessen Gehilfin Leni (großartig: Lou Zöllkau), die Huld sich zugleich als Geliebte „hält“ und die eine Schwäche für Angeklagte hat, und den Maler und Paparazzo Titorelli (cool: Thorsten Nindel) scheint K. allenfalls Mittel zum Zweck zu sein. Nur seine Haushälterin Frau Grubach (herrlich mütterlich: Marianne Sägebrecht), seine gebrochene Nachbarin Fräulein Montag (treffend: Ingrid Steeger – „ Dann mach ich mir 'nen Schlitz ins Kleid und find es wunderbar“), die am Ende nicht mehr ein und aus weiß und Selbstmord begeht, und – mit Abstrichen – sein Onkel Albert (in brillanter Heinz Erhardt-Manier: Günter Alt) sowie seine Cousine Erna (super-naiv: Nicole Sydow) wenden sich nicht von ihm ab.

Demgegenüber stehen die „Apparatschiks“, wie die harsche Aufseherin (gibt einen perfekten eiskalten Stasi-Engel: Maria Radomski) sowie die beiden einfältigen Gerichtsbeauftragten Franz (wunderbar: Thomas M. Held) und Willem (klasse: Markus Majowski).

Onkel Albert (Günter Alt, li.).

Advokat Huld hält sich seine Gehilfin ...

Ist ebenfalls angeklagt: Kaufmann Rudolf Block ...

Der Domkaplan (Günter Alt) und die ...

Die Letter „In dubio pro reo“ („Im Zweifel für den Angeklagten“) prangen auf dem Sockel einer Statue, die verhüllt ist. Richtschwert, Waage und Augenbinde sind bedeckt. Justitia hat abgedankt. „Damit wird die Lüge zur Weltordnung berufen. Das kann nicht sein, das darf nicht sein“, bezieht Josef K. Stellung zur Türhüterparabel, die ihm der Mann im Dom (Günter Alt) näherzubringen versucht.

Und plötzlich hält der Angeklagte sein Urteil in den Händen: „Im Zweifel gegen den Angeklagten…“ Willkommen im Pandämonium der Bürokratie (Jens Kilians Bühnenbild spiegelt das perfekt wider) und in einer Welt, deren Ordnung zerfällt und die dem Individuum keine Daseinssicherheit mehr bietet. Ein kurzer Moment der Stille. Dann: langanhaltender, tosender Applaus, teilweise stehende Ovationen. (Stefanie Harth) +++