Riesen-Medien-Hype

Festspiele politisch wie nie: Deniz Yücels sieben Ratschläge für Josef K.

07.07.2019 - Die 69. Bad Hersfelder Festspiele sind am Freitagabend in der voll besetzten Stiftsruine von Ministerpräsident Volker Bouffier feierlich eröffnet worden. Doch der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel stand eindeutig im Mittelpunkt des Interesses: über 200 Journalisten - so viele wie noch nie bei einer Festspieleröffnung - hatten sich seinetwegen akkreditieren lassen. Der 45-jährige Türkei-Korrespondent der „Welt", der wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda in einem Istanbuler Gefängnis über 290 Tage in strenger Einzelhaft saß, hielt wie zu erwarten eine weniger kulturelle als politische Eröffnungsrede. Dass sein Knastaufenthalt widerrechtlich war, hat jetzt sogar das türkische Verfassungsgericht erklärt und ihm die sagenhafte Summe von 3.800 Euro als Schadensersatz zugebilligt.



Zweiter von links: Michael Roth, Staatsminister ...Fotos: Hans-Hubertus Braune

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier

Henry Maske im O|N-Interview mit Carla ...

Deniz Yücels sieben Ratschläge für Josef ...

Bischof Dr. Michael Gerber vom Bistum ...

Den ebenfalls politisch brisanten Auftakt setzte Intendant Joern Hinkel: "Für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand fragt: bei den Festspielen arbeiten nur Menschen aus Deutschland" - lange Kunstpause - und dann folgte die Aufzählung vieler anderer Nationen, aus denen das Festspielensemble und alle Mitarbeiter natürlich auch stammen. Hinkel erinnerte daran, dass vor zwei Jahren Regierungspräsident Walter Lübcke auf der Bühne gestanden hatte, um die Festspiele zu eröffnen. Gemeinsam gedachte man des Ermordeten in einer Schweigeminute. Weil er sich bei der Inszenierung von Kafkas Prozess zum ersten Mal genauer mit dem jetzt 70 Jahre alten Grundgesetz beschäftigt habe, trug das Ensemble dann - untermalt vom Cello - einzelne Artikel daraus vor, beginnend mit Marianne Sägebrecht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar!"

Mit großem Applaus wurde dann der Festredner begrüßt: "Das wird wohl der zerfahrenste Auftritt, den Sie jemals auf dieser Bühne gesehen haben", kündigte Yücel seinen Vortrag an. Der Grund: er ist gerade dabei, von Sizilien, wo er die letzten Monate gelebt hat, nach Berlin umzuziehen und hatte keine Zeit, sich ausreichend vorzubereiten. "Der Möbelwagen parkt hier vor dem Hotel!" Doch dem Journalisten gelang es mühelos, den augenfälligen Bezug zwischen seinem eigenen Schicksal und dem von Kafkas bedauernswerten Protagonisten herzustellen. Dem Josef K. fühle er sich verbunden, weil es tatsächlich unter allen Knackis eine Verbindung gebe. Im Folgenden gab er Kafkas verzweifeltem Helden sieben wohlbegründete Ratschläge, die von 'Sei nicht naiv' über 'Bestehe auf deinen Rechten' bis zum letzten und wohl wichtigsten Hinweis 'Gib niemals auf!'.

Mit einem flammenden Appell, die Verrohung der Sprache nicht hinzunehmen und der Hetze im Internet Einhalt zu gebieten, übernahm dann Volker Bouffier den Staffalstab von Yücel. Sich aktiv für den Erhalt der Demokratie einzusetzen und sie nicht aus Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit zu gefährden, müsse Aufgabe von uns allen sein, schloss er und sprach schließlich die ersehnten Worte: "Die 69. Hersfelder Festspiele sind hiermit eröffnet!"

Viel Prominenz auf dem roten Teppich

Auch die Promidichte auf dem Roten Teppich ist in diesem Jahr so hoch wie nie: die Schauspielerinnen Thamara Barth, Elisabeth Degen, Brigitte Grothum, Cosma Shiva Hagen, Katja Weizenböck, Sarah Timpe, Nina Petri, die Schauspieler Horst Janson, Hans-Joachim Heist, (bekannt als Gernot Hassknecht aus der Heute-show), Walter Plathe, die Sängerin Helen Schneider, Margit Sponheimer, Box-Legende Henry Maske, der Bestseller-Autor und Dramatiker Moritz Rinke sowie die Bischöfe, Dr. Michael Gerber, Fulda und Martin Hain, Kurhessen-Waldeck Sozialminister Kai Klose, Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemus, die CDU-Granden Franz Josef Jung, Wolfgang Bosbach, Frankfurts Ex-OB Petra Roth, Linken MdB Sabine Leidig, Bundesbankvorstand Dr. Johannes Beermann und der langjährige Börsenexperte Frank Lehmann ließen sich vor der Stiftsruine vom Publikum feiern und posierten vor den zahlreichen Fotografen und Kameraleuten. Doch dann bliesen die Fanfaren zum Beginn des Stückes - Kafkas Prozess konnte seinen verhängnisvollen Lauf nehmen. (Carla Ihle-Becker)+++