Wie aus Verzweiflung Lachen entsteht

A Long Way Down - Welturaufführung bei den Bad Hersfelder Festspielen

Fotos: Erich Gutberlet -

21.07.2019 - Vier potenzielle Selbstmörder auf der Bühne im Schloss Eichhof? Dem Platz, an dem die Bad Hersfelder Festspiele eigentlich Komödien zeigen? Geht das? Ja, es geht, denn es fängt tragisch an, aber es kommt dann doch ganz anders, als man erwartet. Die Dramaturgin der Bad Hersfelder Festspiele, Dr. Bettina Wilts, hat den Roman A Long Way Down von Nick Hornby erstmals für die Bühne bearbeitet und eine kurzweilige, amüsante, aber auch tiefgründige Fassung geschaffen.



Zur Welturaufführung am Samstagabend mischten sich neben Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling auch Schauspieler Martin Semmelrogge sowie der kaum übersehbare Claude Oliver Rudolph unter das Publikum. Obwohl bereits am Eingang Regencapes an die Zuschauer verteilt wurden, hielt das Wetter: Pünktlich zu Beginn des Schauspiels lockerte der Himmel auf.

Ein Mann steht auf dem Dach eines Hochhauses und will springen. Er wird von einer Frau angesprochen. Er antwortet: „Jesus! Ich war eigentlich gerade dabei mich umzubringen, aber kein Thema, für ein Autogramm ist immer Zeit. Aber was machen Die eigentlich hier oben?“ Auch sie will springen, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Es kommen noch zwei hinzu, die keine Lust mehr auf ihr Leben haben.

A Long Way Down ist die Geschichte von vier Menschen, die sich in einer Silvesternacht zufällig auf dem Dach eines Londoner Hochhauses treffen. Martin, gespielt von Karsten Speck, ist ein gefallener Medienstar, er hatte Sex mit einer Minderjährigen, im Gefängnis gesessen und Familie und Karriere ruiniert. Maureen (Natascha Hirthe) pflegt seit fast 20 Jahren alleine und überlastet ihren schwer behinderten Sohn, JJ (Mick Riesbeck) wäre gerne ein Rockstar, fährt aber Pizza aus und Jess (Helena Sigal) die aufmüpfige Politikertochter, weiß nicht, warum ihr Freund sie verlassen hat.

Alle vier sind gekommen, um „den langen Weg nach unten“ zu nehmen.  Aber sie entschließen sich, von ihren Plänen abzurücken und machen sich zunächst gemeinsam auf die Suche nach dem Freund von Jess, denn da gibt es einiges zu klären. Sie vereinbaren, den Selbstmord erst einmal zu verschieben. Vier Fremde, sehr unterschiedliche Menschen, ihre Geschichten, Erfahrungen und Motive prallen aufeinander. Auf dem Weg zurück ins Leben entstehen berührende, komische und skurrile Szenen mit viel englischem Humor.

Alle vier Hauptdarsteller, es wäre in diesem Fall nicht fair, einen einzelnen besonders hervorzuheben, zeigten ein grandioses Spiel. Karsten Speck überzeugt in der Rolle als Martin, der – obwohl beruflich sowie privat gescheitert – noch immer eine gehörige Portion Überheblichkeit an den Tag legt. Mit Natascha Hirthe fühlt man mit, sie spielt das konservative und streng gläubige Mauerblümchen Maureen. Die Charaktere der beiden „Jungspunde“, Mick Riesbeck und Helena Sigal könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die rebellische, laute Jess, der es augenscheinlich im ersten Moment vollkommen an Empathie fehlt, andererseits der ruhigere – und besonnenere JJ, der mit seinen Einwänden zum Nachdenken anregt.

Regisseur Christian Nickel schafft mit der Inszenierung einen guten Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, zwischen Hoffnungslosigkeit und dem Willen, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Auch mit einer gehörigen Portion Humor. (mr/pm) ++