Nipple Jesus feiert Premiere in Kapelle

Scheißjob im Namen der Kunst - grandiose schauspielerische Einzelleistung

Fotos: Harald Ernst - Dave (Andrés Mendez), ein Türsteher als Museumswärter

28.07.2019 - Die Bühnenfassung von „Nipple Jesus“ aus der Feder von Nick Hornby feierte am Samstag Premiere bei den Bad Hersfelder Festspielen- Alle Augen richteten sich auf Dave (Andrés Mendez), der gut eine Stunde lang allein mit einem langen Text „in seinem Raum“ in der Kunstgalerie als Kunst-Ignorant plötzlich dafür zuständig ist, ein provokatives Kunstwerk zu bewachen – noch dazu eines, dessen Urheberin eine ganz normal aussehende 30-Jährige mit richtig netten Eltern ist?“ „Sie haben mir nicht erklärt, worum es ging, und auch nicht, warum sie dafür ausgerechnet einen wie mich brauchten. Hätten sie´s getan, hätte ich den Scheißjob ehrlich gesagt wohl nie genommen“ resümiert Andrés Mendez gleich zu Beginn.



Erste Eindrücke während der Medienprobe. Pro ...

Dr. Bettina Wilts - Ideengeberin und ...

Weil der Job als Türsteher auf Dauer zu gefährlich ist für einen Familienvater wie ihn, hat er den Job als Museumswärter auch auf Drängen seiner überbesorgten Frau Lisa in der Kunstgalerie angenommen. Bekommen hat er ihn nicht, weil er ein Kunstkenner ist, sondern weil er groß, schwer, tätowiert und glatzköpfig einen hier gewünschten Eindruck hinterlässt. Nicht umsonst ist am Eingang eine Warnung angebracht: „Achtung! In diesem Raum befindet sich ein Kunstwerk von kontroversem Charakter. Bitte treten sie nicht ein, wenn sie befürchten, in ihrem moralischen und religiösen Empfinden verletzt zu werden. Kein Zutritt unter 18.“

Ein echter Kerl als Aufpasser

Dave versteht zunächst nicht, was die Leute an Nipple Jesus so skandalös finden. Das Publikum sowieso nicht, denn das zentrale Objekt, das Bild des Anstoßes, sieht man gar nicht. Dave beschreibt das Jesusbild, auf dem man aus einer gewissen Entfernung Jesus mit schmerzverzerrtem Gesicht am Kreuz hängend erkennt und „man ihm ansieht, wie weh es ihm tut, dort angenagelt zu sein. Ich dachte erst, es ist ein gutes Bild, weil es einen zum Nachdenken bringt. Ja, ich denk´ nicht so oft über sowas nach!“

Die schnieke Uniform hat ihm Kerstin ...

Diese farbenfrohe originelle Skluptur hat Dietmar ...

Erst im Näherkommen merkt er, dass es aus vielen kleinen Mini-Bildchen zusammengesetzt ist – alles weibliche Brüste und Brustwarzen, die die Künstlerin für ihren Nipple Jesus aus Pornoheften ausgeschnitten hat. Dave findet das Bild nun hässlich und hofft, dass es jemand kaputt macht. Dave ist es egal, ob und was Kunst ist, „Hauptsache, es ist nicht langweilig“. Doch dann beginnt er eine Beziehung zu dem Bild aufzubauen. Durch die Auseinandersetzung mit Nipple Jesus verändert sich Dave und lässt ihn zum Verteidiger des Bildes werden. Er hinterfragt sich selbst. Er möchte wichtig sein und etwas Bedeutsames tun. 

Der Autor hat die Kunstkontroverse in einer Zeit geschrieben, in der London immer heißer diskutierte Kunstwerke hervorgebracht hat. Daves innerer Monolog ist deshalb so erfrischend und führt zu ironischen Effekten, weil er sich jenseits des gebildeten Diskurses in den Reihen der Künstler, ihrer Verwerter und der Medien befindet. Er hat quasi einen unverstellten Blick. Entsprechend redet er frei nach Schnauze und dies auf angenehm natürliche Weise. Am besten trifft es die herrlich schräge Szene, als der Spinner für Daves Seelenheil betet und dieser sich schnellstens eine Vorschrift einfallen lassen muss, um dieses unschickliche Betragen zu beenden: "Knien ist nicht gestattet. Beten ist untersagt". Und das vor einem Jesusbild.

Obwohl es nur einen Charakter gibt, ist das Stück nicht eine Sekunde langweilig. Dave gewährt intime Einblicke in sein Leben, gesteht, dass er gern Christiano Ronaldo wäre, freut sich riesig, dass er nach der Vernissage am Vorabend zum ersten Mal in einer Zeitung zu sehen ist und betont immer wieder: „Das ist mein Raum. Das ist mein privater Bereich“. Er trägt die Verantwortung, andererseits bricht immer wieder die pure Aggression eines ehemaligen Türstehers heraus.

Dass die Story kein Happy End haben darf, ist eh klar – das gehört zu den Neunzigerjahren dazu. Dave wird ausgetrickst und dieser Schluss macht aber auch klar, wie sich ein Künstler verkalkulieren kann, selbst wenn er meint, sein Ziel erreicht zu haben. Und es wird – endlich – auch klar, was Kunst nicht darf: Menschen wie Dave dürfen nicht missbraucht werden. Auch nicht im Namen der Kunst. Denn sonst ist der Künstler keinen Deut besser als die Vertreter der Gesellschaft, die er provozieren will und die, die Kunst nur für ihre eigenen Zwecke benutzen. 

Dr. Bettina Wilts führt Regie bei dem Einpersonenstück, bei dem letztendlich alles anders kommt als Dave dachte. Die gerade erst entdeckte Welt vermeintlich ehrlicher Kunst bricht wieder zusammen. Ihm bleibt, beschissene Gießkannen, Fliegenklatschen und Staubwedel - arrangiert als Kunstwerk - zu bewachen. Herzlicher Applaus für die grandiose schauspielerische Einzelleistung von Andrés Mendez in der kleinen Kapelle im Museum, die erstmals für eine Inszenierung genutzt wird. Alle Termine: www.bad-hersfelder-festspiele.de/spielplan/nipplejesus/html (gs) +++