Musikalisch, poetisch, menschlich

Meisterin im Ausloten des Alltäglichen: Annett Louisan begeistert in Stiftsruine

Fotos: Erich Gutberlet - Fulminanter Konzertabend in der Bad Hersfelder Stiftsruine: Annett Louisan ist eine Meisterin im Ausloten des Alltäglichen.

31.07.2019 - Ihr Auftritt ist eher unspektakulär, sachlich funktional der Bühnenaufbau, die Band in der Mitte der Bühne, so weit vorne wie möglich, die Sängerin in schlichtes Schwarz gekleidet ganz vorne, dezent das Licht, es gibt ja auch noch genug Tageslicht auf der Bühne der Stiftsruine, als Annett Louisan vor das Publikum tritt, vor ihr Publikum, die Reihen sind bis auf den letzten Platz gefüllt, und es sind vor allem ihre Fans, die gekommen sind, nicht unbedingt das gewohnte Festspielpublikum, generationenübergreifend, alt und jung.



Von Anfang an geht die Sängerin in Kontakt, erzählt vom Bühnenrand aus ihrem Leben, legt die Karten auf den Tisch, musikalisch, poetisch, menschlich. Es wirkt so einfach, so direkt, so ganz ohne Pathos: das Wesentliche und doch prall gefüllt mit Inhalt. Annett Louisan ist eine Meisterin im Ausloten des Alltäglichen. Ihre Sprache ist verständlich und zugleich poetisch, ihre Geschichten nachvollziehbar, und sie treffen ins Schwarze. So sehr, dass ihr Publikum mitsingt. Dabei verlieren sie nie an Tiefe.

Man sollte genau hinhören, denn die Sängerin begibt sich manchmal so unerschrocken nah an die Alltäglichkeiten, dass man Tiefe und Ernsthaftigkeit überhören kann. Ihre Stimme wirkt so zart, und ist doch voller Kraft, was aus der Nähe am besten hörbar wird. Annett Louisan weiß das und sucht diese Nähe, auch wenn sie eine Bühne von Bad Hersfelder Dimensionen bespielt. So gesehen passt sie perfekt hierher, raumfüllend durch das Wesentliche, schnörkellos, direkt, authentisch.

Dazu trägt zu einem wesentlichen Teil die Band bei. Es ist ihre Band. Perfekt aufeinander eingespielt, einfühlsam und zugleich voller Energie tragen die fünf Musiker die Sängerin musikalisch auf Händen. Dabei bleiben die Arrangements meist genauso sachlich und aufs Wesentliche gerichtet wie Text und Gesang. Auch in der Musik könnte man die Tiefe leicht überhören, so funktional erscheinen die Arrangements, analog, direkt, präsent.

Die musikalische Tiefe liegt im Inneren, perfektes Zusammenspiel, sensible Dynamik, präzise Rhythmik und nicht zuletzt die meisterhafte Spieltechnik der fünf Musiker auf ihren jeweiligen Instrumenten: Keyboard, zwei Gitarren, Schlagzeug und Bass. So standardmäßig die Besetzung erscheint, so vielfältig ist sie. Akkordeon und E-Cello erweitern den klanglichen Rahmen, und spätestens in den Soli wird dann deutlich, wie groß Musikalität und Spielfreude jedes einzelnen Instrumentalisten sind.

„Kleine große Liebe“, die Titel der aktuellen CD stehen natürlich im Mittelpunkt des Konzerts, doch die Sängerin covert auch und beweist dabei ihre erstaunliche Kreativität in der musikalischen Interpretation. „So lang man Träume noch leben kann“ von der Münchner Freiheit macht sie ebenso zu ihrer Sache wie „Helden“ (Heroes) von David Bowie oder Charles Aznavours „Spiel Zigeuner“. Mit ihren Coverversionen, die sie den Originalen selbstbewusst auf ganz eigene Weise gegenüber stellt, schafft Annett Louisan Brüche, die ihr mit den eigenen Titeln nicht gelingen. „Ich habe gar keine Lust aufzuhören“ ruft sie ihren Musikern glaubwürdig zu und schafft in den Zugaben nochmals musikalische Höhepunkte mit Rammsteins „Engel“ und einem originellen Cover ihres eigenen Titels „Das Spiel“. (Klaus Scheuer) +++