Kästners Kinderbuchklassiker vertont

Musical-Premiere: Rasante Gangsterjagd in der Stiftsruine - „Parole Emil!“

Fotos Harald Ernst - Herr Grundeis wird in die Klemme genommen.

12.08.2019 - Bis dieser Ohrwurm die Großhirnrinde wieder verlassen hat, wird es Tage dauern. Als das Ensemble von „Emil und die Detektive“ beim vielminütigen Schlussapplaus mit stehenden Ovationen bei der Premiere am Sonntagmittag in der Bad Hersfelder Stiftsruine nochmal den schmissigen Song „Parole Emil“ anstimmte, war klar: Dieses Musical hat Suchtpotential. Zumindest meinte der zehnjährige Filius: „Da könnte ich glatt nochmal rein. Geil, geil, geil!“



Intendant Joern Hinkel zeigt auch in diesem Sommer wieder eine Inszenierung für kleine und große Zuschauer und hat dabei ganz bewusst Erich Kästners „Emil und die Detektive“ ausgewählt: „,Emil‘ ist für mich eine Geschichte über Zusammenhalt, heute würde man sagen über ,Solidarität‘,“ meint er. „Eine Gruppe von Kindern hilft, ohne mit der Wimper zu zucken, einem vollkommen fremden Jungen, der sich zum ersten Mal in einer Großstadt aufhält, bei der Jagd nach einem Dieb. Sie fangen den Gangster, indem sie zusammenhalten. Heute scheint es mehr Interesse an Mobbing und Wettbewerb, als an Zusammenhalt zu geben.“

Der Plot des Kinderbuchklassikers von Erich Kästner ist hinreichend bekannt und wird in der Musicalversion von Marc Schubring (Erstaufführung 2001) nahezu 1:1 übernommen – einmal abgesehen davon, dass Gustav mit der Hupe, der Professor und der kleine Dienstag in Bad Hersfeld von Mädchen gespielt werden.

Emil reist das erste Mal in seinem Leben in die Großstadt, nach Berlin zu seinen Verwandten. Seine Mutter hat ihm 140 Mark für die Großmutter mitgegeben. Aber kaum ist er im Eisenbahnabteil angekommen, wird ihm das Geld von einem Mitreisenden, der sich Grundeis nennt, gestohlen. Weil Emil daheim etwas ausgefressen hat, traut er sich nicht, sich an den Polizisten zu wenden. Also nimmt er auf eigene Faust die Verfolgung des Diebes auf. Auf seiner Suche wird er von einer Gruppe Berliner Jungs und Mädchen unterstützt. Ein großes Abenteuer beginnt.

Mit der musikalischen Leitung von Helgo Hahn, der Choreografie von Sabrina Stein, dem Bühnenbild und den Kostümen von Peter Sommerer sowie Sandra Hauser gelingen Regisseur Rainer Niemann durchweg tolle Bilder, bei denen die etwas über eineinhalbstündige Aufführungsdauer wie im Flug vergehen. Zum Glück machte er keine Experimente: Niemann versetzt die Handlung in die 1920er Jahre, wo sie auch hingehört, allein schon durch die Ragtime-Rhythmen des Komponisten.

Zum Ensemble: Dieses besteht in den Erwachsenen-Rollen aus beliebten Festspiel-Schauspielern. Viele der Kinder sind Mitglieder des Vereins Sommernachtsträumer, den Intendant Hinkel mitbegründet hat, und Kinder und Jugendliche, die am Theater interessiert sind, fördert. Es wäre ungerecht, an dieser Stelle einzelne davon hervorzuheben. Alle machten ihre Sache großartig und waren durch ihre spielerische Unbekümmertheit durchweg authentisch. Leidtun konnte einem freilich der Darsteller des Diebes Grundeis. Der war so glaubhaft fies in seiner Rolle, dass er bei seinem Solo „Ich hasse Kinder“ und beim Schlussapplaus auch Raunen und Buh-Rufe erntete.

Was sagte der Filius noch? „Schreib einfach: ,Besser geht’s nicht', Papa!“  Hiermit getan. – „Parole Emil!“ (Matthias Witzel) +++