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- Symbolbild: Konstantin Müller

KOMMENTAR Warum seid ihr so scharf auf meinen Urin?

Dank spontaner Verkehrskontrollen fühle ich mich wie ein Junkie

28.01.15 - Gestern ist es schon wieder passiert – auf dem Weg zum Bäcker in meiner Mittagspause werde ich auf der Haimbacher Straße von einem silber-grauen Einser BMW mit Hersfelder Kennzeichen überholt. Aus dem Beifahrerfenster winkt eine Kelle, ich setze den Blinker. Daraufhin winkt der Beifahrer noch zweimal energisch mit der Kelle, ich folge also und parke meinen alten Opel Corsa direkt hinter dem Fahrzeug der Zivilpolizisten.

„Guten Tag, Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte“, sagt mir ein Herr im mittleren Alter mit vorgehaltenem Dienstausweis. Sein deutlich jüngerer Kollege presst derzeit sein Gesicht an meine Heckscheibe und riskiert einen Blick in meinen Kofferraum, dort sieht er zumindest schon mal einen Subwoofer, eine Fastnachts-Frauenperücke und ein Rap-Magazin. „Bingo, ich erfülle das Fastnachts, Hip-Hop, Raver-Klischee“ – denke ich mir. Quasi ein Potpourri diverser Polizei-Lieblinge. „Steigen Sie bitte mal aus“. Ich steige aus.

Zu meiner Person: Ich arbeite als Redakteur bei OSTHESSEN|NEWS, komme aus Fulda, bin 22 Jahre alt, habe eine wirre Frisur und trage verdammt enge Hosen – dafür kennt man mich. An meinem Auto nagt deutlich der Zahn der Zeit: Mein geliebter Corsa röhrt, qualmt, knattert, aber er fährt verdammt zuverlässig. Ich halte mich an die Straßenverkehrsordnung, schimpfe wenig und bleibe auch mal zwei Minuten an einen Zebrastreifen stehen, sofern es Omi per Rollator nicht schneller schafft. Alles in allem würde mich also als rücksichtsvollen Autofahrer bezeichnen.

Zurück zu meiner mittlerweile vierten Drogenkontrolle: Diesmal wirke ich routinierter und weniger aufgekratzt als die drei Male zuvor… dachte ich. Vor zwei Jahren durfte ich im Frühjahr 2012 im Shirt an der Petersberger Straße auf meinem damaligen Weg zur Arbeit den Hampelmann spielen. „Sie zittern ein wenig, Herr Müller“ – „Ja, ist ja auch kalt“, antwortete ich damals. Lange Rede kurzer Sinn: Erneut drückte man mir einen Becher in die Hand und schickte mich in die Böschung. Bis zu diesem Zeitpunkt lieferte ich für den Fuldaer Feierabendverkehr, auf einer der größten Verbindungsstraßen unserer schönen Stadt, ein bizarres Schauspiel ab:

Elegant warf ich meinen Kopf in den Nacken, verfehlte meine Zeigefinger, hatte Riesen-Probleme damit, einem Kugelschreiber mit dem Blick zu folgen und bis 30 zählen kann ich offensichtlich auch nicht. Ganz zu schweigen von meiner unverschämten Attitüde, bei Minusgraden das Zittern anzufangen. Also, wenn das nicht verdächtig ist. „Sie erwecken den Anschein, dass sie Speed und/oder Cannabis konsumieren“, urteilte der Polizeibeamte. Während ich damals also schon den Hampelmann spielte, spürte ich die missbilligenden Blicke der unzähligen Autofahrer in meinem Nacken.

„Na, da verbaut sich aber jemand die Zukunft“ – „Ohje, das wars dann wohl mit dem Führerschein“, könnten sie gedacht haben. Tatsächlich wurde ich – wie so oft – zu Unrecht verdächtigt. Versuchen Sie mal bei Minusgraden und mangelndem Bedürfnis Wasser zu lassen, ihrem besten Stück an der frischen Luft auf Kommando Urin zu entlocken. Könnte auf jeden Fall verdächtig wirken, wenn Sie es nicht auf Anhieb schaffen. Wie durch ein Wunder fiel der Test im Jahre 2012 negativ aus, nach mehrmaligem Nachhaken nach meiner angeblichen Drogenvergangenheit verrieten mir die Polizisten, dass mein Test negativ sei und entließen mich schließlich. „Na, da können Sie an der Arbeit ja jetzt was erzählen“, sagte mir der Polizist und amüsierte sich selbst über seinen spontanen Anflug von Humor. Leider kam es nicht so, mein damaliger Chef erzählte MIR etwas. Ich kam nämlich deutlich zu spät.

Aber zurück zum 27. Januar 2015. Wie in einem Déjà-vu stand ich nun also auf einem Parkplatz an der Haimbacher Straße und entschied mich erneut zu kooperieren. Mit ausgestreckten Händen und geschlossenen Augen zählte ich nun still bis 30, während ich erneut sämtliche Verkehrsteilnehmer an mir vorbeizischen hörte. Auf Befehl des Zivilpolizisten führte ich abwechselnd den linken, beziehungsweise den rechten Zeigefinger zu meiner Nase, danach sollte ich sie zusammenführen.

Können Sie meine Pupille entdecken?

Anschließend musste ich meine Augen bedecken und sie rasch wieder öffnen, so könne man anhand meiner Pupillenreflexe Anzeichen für möglichen Betäubungsmittelmissbrauch feststellen. Während mich beide Beamten von oben bis unten musterten, sagte ich: „Ich muss pinkeln, mh?“. „Ich fürchte ja“, hieß es.

Diesmal klappte es glücklicherweise auf Anhieb. Direkt neben einem Bürokomplex holte ich ihn also raus, füllte den Becher und nahm mir anschließend die Zeit, meine Blase komplett in der Öffentlichkeit zu entleeren, vor dem Auge des Gesetzes. Super-Gefühl. Ich ging gezielt vor und wollte in Erfahrung bringen welche Drogen die Beamten denn diesmal in meinem Blutkreislauf vermuten. „Was denken Sie denn? Cannabis? Speed?“, fragte ich. „Nö, ich würde eher auf Amphetamine tippen“, antwortete man mir. Nach einer knappen Minute also erneut die Entwarnung: „Also der Test ist ok, Sie können weiterfahren.“ Ich äußerte im Anschluss noch meinen Unmut über die öffentliche Demütigung, erhielt keine Entschuldigung oder ähnliches und entschied, das nächste Mal nicht mehr zu kooperieren.

Im Februar 2014 traf ich mich mit dem Leiter der operativen Einheit des Polizeipräsidiums Osthessen, Ulrich Weber, zu einem Interview, um in Erfahrung zu bringen, welche Anhaltspunkte Streifenpolizisten zu einer spontanen Drogenkontrolle bewegen.

Ulrich Weber sagte mir damals, am besten sei es vor Ort freundlich zu den Polizisten zu sein, das Personal sei geschult und so kämen auch am wenigsten Probleme auf einen zu. Wer nicht berauscht fährt, der würde auch in den seltensten Fällen zum Urintest gebeten. Natürlich bin ich froh darüber, dass Drogenkonsumenten und alkoholisierte Autofahrer möglichst schnell von der Straße geholt werden.

Eine Erkenntnis konnte ich aber gewinnen: Wird man grundlos verdächtigt und gerät nüchtern in eine Polizeikontrolle, macht Kooperation einfach keinen Sinn. Zumindest für mich nicht. Selbstzweifel, Wut und das Gefühl sich vor Fremden vollkommen entblößt zu haben, bekam ich als Belohnung für meinen Respekt, meinen freundlichen Ton und meine Bereitschaft, an freiwilligen Urintests teilzunehmen. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes zweimal „die Hosen runtergelassen“. So reibungslos sich die Zusammenarbeit mit der Polizei als Pressemensch gestaltet, so problematisch ist sie für mich als Privatperson.

In Zukunft werde ich jegliche Mitarbeit bei Drogenkontrollen verweigern und mir direkt auf der Wache Blut abnehmen lassen. Diese Option gefällt mir deutlich besser als die Vorstellung, erneut am Fahrbahnrand zur Belustigung wildfremder Autofahrer herhalten zu müssen. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Lesern entschuldigen, denn Sie als Steuerzahler werden für die Wahrung meiner Menschenwürde aufkommen müssen. Den Bluttest zahle ich als Privatperson nämlich nur dann, wenn er positiv ausfällt. Andernfalls wird der Steuerzahler zur Kasse gebeten. In diesem Sinne: Dankeschön! Die nächste Kontrolle kommt bestimmt.(Konstantin Müller)+++


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