BAD HERSFELD Entführung in eine bizarre Traumwelt

Festspiel-Premiere "Sommernachts-Träumereien" - wenn die Grenzen verschwinden

14.06.15 - Was für ein wunderschöner Tag im Juni: es ist heiß, die Sonne lacht auf den Stiftspark herab – das perfekte Datum für eine rauschende, eine fürstliche Hochzeitsfeier. Die Grünanlage füllt sich mit Leben: die Hochzeitsgesellschaft, das Personal und eine Gruppe von Laienschauspielern halten Einzug. Zeremonienmeister Philostrat (brillant: Markus Majowski), der krampfhaft bemüht ist, Contenance zu wahren, dirigiert die Dienerschaft. Aufmerksame Kellnerinnen reichen den 500 „geladenen Gästen“ Gebäck.

Alle Fotos: Hans-Hermann Dohmen

Bereits das Servieren der Häppchen entpuppt sich als ungemein kluger Schachzug des Regisseurs Joern Hinkel, der den Festspielgängern auf der Parkfläche zwischen Stiftsruine und Katharinenturm seine Fassung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ präsentiert: die „Sommernachts-Träumereien“. Das Publikum bekommt von der ersten Szene an Appetit. Appetit auf großes Schauspiel unter freiem Himmel. Die Grenzen zwischen Publikum und Darstellern schwinden. Die Zuschauer werden Teil der Inszenierung, begeben sich gemeinsam mit den Akteuren auf eine Reise in das Unterbewusstsein. In eine Welt, die zwischen rationaler Beherrschung und unbewussten Begierden pendelt. Solch ein magisches Gefühl von Unmittelbarkeit, das die „Sommernachts-Träumereien“ schaffen, keimte lange nicht mehr bei den Bad Hersfelder Festspielen auf. Einen Löwenanteil daran trägt der Spielort, der eine vollendete Kulisse für das Stück bietet, das zu einem Großteil in einem verzauberten Wald spielt.

Wenn Träume die Kontrolle übernehmen

Die Sonne sinkt langsam hinter die Stiftsruine. Bäume, Sträucher und das altehrwürdige Mauerwerk werfen Schatten. Traumsequenzen werden eingespielt. Obwohl es taghell ist, bricht die Nacht an. Träume übernehmen die Kontrolle, die Vernunft verabschiedet sich. Schein oder Sein? Schwarz oder Weiß? Ewige Treue oder triebgesteuertes Handeln? In dieser Nacht wird alles auf den Kopf gestellt. Die Geschöpfe des Feenwaldes übernehmen fortan das Zepter. Mit voller Macht dringen die in roten Gewändern gekleideten Gestalten in die Träume der Menschen ein, die wiederum die Grenze zu deren Distrikt überschritten haben. Böse sind diese Kreaturen, die gewaltig Verwirrung stiften, keineswegs: eher launisch, sprunghaft und – vor allem – eifersüchtig.

So führen der lüsterne, von Trieben gesteuerte Elfenkönig Oberon (grandiose Leistung von Christian Schmidt – der wilde Caliban aus Shakespeares „Der Sturm“ lässt grüßen…) und seine Gemahlin, die Feenkönigin Titania (Géraldine Diallo mimt in bewundernswerter Manier eine Mischung aus Punkerin, Endzeitfrau und Burlesque-Queen), mit rohen, deftigen Worten einen Sorgerechtsstreit um ein Kind und werfen sich dabei gegenseitige Untreue vor. Rasend vor Wut schickt Oberon den Kobolddiener Puck (glänzend sprunghaft gespielt von Anna Graenzer) los, um die Feenkönigin mit der Hilfe einer Liebesdroge wieder gefügig zu machen.

Irrungen und Wirrungen im Stiftsbezirk

Ein Unterfangen, das im Chaos endet. Haben doch vier weltliche Grenzüberschreiter Zuflucht an diesem abgründigen Ort gesucht. Auf der einen Seite der aufrichtige, zartbesaitete Lysander (famos: Raúl Semmler) und die schöne, hemdsärmelige Hermia (hinreißend: Lena Kluger), die sich von Herzen lieben, aber aufgrund eines väterlichen Gebotes nicht zusammenfinden dürfen. Auf der anderen Seite der ungelenk und steif anmutende Demetrius (vorzüglich: Peter Englert als pflichtbewusster Bürohengst mit Aktenkoffer), der von der in ihn unsterblich vernarrten Helena (vortrefflich: Ute Reiber als sich als hässlich empfindende „Nervensäge“) auf Schritt und Tritt verfolgt wird, ihre Gefühle nicht erwidert und eigentlich Hermia ehelichen soll.

Dank Puck, der nicht mit dem Einsatz der Liebesdroge geizt, verwandeln sich diejenigen, denen er unbemerkt den Saft der Wunderblume in die Augen geträufelt hat, in Marionetten. Sie verlieben sich in die erstbeste Seele, die sie erblicken. Ebenfalls Opfer von Pucks irrwitzigem Treiben wird der lispelnde, besserwisserische und dümmliche Niklas Zettel (bestechend, phänomenal: André Eisermann), der im Wald gemeinsam mit einer Laientheatergruppe aus Handwerkern die Proben zu einer grotesken Tragikomödie mit dem Titel „Pyramus und Thisbe“ abhält und vom abgefeimten Kobold in einen Esel verwandelt wird. Hoffnungslos werden die im Dickicht Umherirrenden in ein Geflecht aus unberechenbaren Gefühlen verstrickt. Die erwachten Triebe richten sich auf alles, was Beine hat. Die Lage spitzt sich soweit zu, dass Titania im Rausch der Liebesdroge eine Verbindung mit dem Huftier eingeht.

Jeder Mensch hat seine Nachtseite

Doch lässt Joern Hinkel die Herrschaft des Triebes – glücklicherweise – nicht komplett ins Groteske, ins Aberwitzige abgleiten. Auch wenn die Szene, in der Titania über den einfältigen Eselsmenschen herfällt und genüsslich seine „Karotte“ verspeist, einen Heidenspaß unter den Zuschauern hervorruft, vermeidet der Regisseur drastisch-überzogene Effekte, die die „Sommernachts-Träumereien“ ins Lächerliche abrutschen lassen könnten. Mit viel Anteilnahme an den irdischen Schwächen und großer Sympathie für die faunischen Launen, führt Hinkel den Festspielgängern vor Augen, dass jeder Mensch seine Nachtseite hat. Nicht umsonst schlüpft das Gros der Darsteller, die zwischen der Vernunft des Tages und der Unberechenbarkeit der Nacht wandeln, in Doppelrollen. Die Grenzen verschwimmen. Nahtlos fügen sich auch die Laienschauspieler – allesamt Bad Hersfelder Bürger, Jugendliche und Kinder – in die Darbietung ein. Ihnen gebührt für ihr leidenschaftliches, ungekünsteltes Spiel größter Respekt.

Wer möchte nicht in einer lauen Sommernacht seinen Träumen nachhängen? Die „Sommernachts-Träumereien“ entführen die Theaterfreunde aus ihrer gewohnten Welt. In eine bizarre Traumwelt, die nach zwei Stunden von der Vernunft des Hier und Heute abgelöst wird. Und die nächtlichen Phantasievorstellungen, die Illusionen? Sie werden in einer hölzernen Kiste – einer Maschine –, die am helllichten Tag die dunkelsten Visionen sichtbar machen könnte, verschlossen gehalten. Hippolyta, Hermia, Helena, Lysander und Demetrius treten mit ihren Füßen auf diese Box ein. Und alle Träume dieser Sommernacht scheinen nach dem Erwachen „so klein und unverkennbar. Wie ferne Berge, schwindend im Gewölk...“ Donnernder Applaus; stehende Ovationen. (Stefanie Harth) +++

Mehr Informationen über die 65. Bad Hersfelder Festspiele können unter http://www.bad-hersfelder-festspiele.de/start.html abgerufen werden. +++


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