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FULDA Bekannter Kinderarzt vor Gericht

Für Honorar 75 Kindern nicht zugelassenes Grippemittel gespritzt ?

13.04.16 - Gegen einen 67- jährigen Kinderarzt aus Fulda, der bis 2014 eine Praxis in der Fuldaer Innenstadt betrieb, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Ihm wird zur Last gelegt, in der Grippesaison 2008/2009 sowie im Zeitraum von 2009/2010 75 Kindern einen noch nicht zugelassenen Grippeimpfstoff gespritzt zu haben. Das Ganze geschah im Rahmen einer Studie bei der der Mediziner rund 73.000 Euro eingenommen haben soll. Nun muss geprüft werden, ob sich der Arzt der Körperverletzung in 75 Fällen und des Betrugs schuldig gemacht hat. Ende 2011 erstattete das Paul Ehrlich Institut Anzeige gegen den Arzt, nachdem Ungereimtheiten aufgefallen waren.

Staatsanwalt Wilke verließ am Dienstagvormittag die Anklageschrift. Seit 2007 betrieb der Arzneimittelhersteller Novartis als Sponsor auf der Grundlage einer EU-Verordnung ein zentralisiertes Arzneimittelzulassungsverfahren für den saisonalen Grippeimpfstoff „Fluad“ mit dem Ziel, die Zulassung des für Erwachsene bereits genehmigte Präparates zur Anwendung bei Kindern zu erwirken.

In der Einlassung am Dienstagvormittag beschrieb Verteidiger Jörg Thomas Reinhard die Situation, die laut Angaben des Arztes zu den Taten geführt hätten. „Durch geänderte Beiträge und Änderungen der Kassenärztlichen Vereinigung geriet die finanzielle Lage der Praxis in Schieflage, mein Mandant musste Insolvenz beantragen. Erst hat er mit privaten Krediten versucht, die Situation zu entspannen, schließlich fühlte er sich auch verantwortlich für die Existenzsicherung seiner Mitarbeiter.“ Nachdem alle finanziellen Mittel ausgeschöpft gewesen seien, hätte sich der Arzt dazu entschieden, an einer Medikamentenstudie teilzunehmen. Damit hätte er weitere Gelder für die Sicherung der Praxis erhalten können, so Reinhard. „Es ging nie darum, sich zu bereichern." Sein Mandant sei gesundheitlich angeschlagen, die Taten würde er bereuen. Tatsächlich habe er aber keinem einzigen Kind das Mittel gespritzt, vresicherte der Angeklagte.

„Ich habe die Eltern darauf angesprochen, ob sie mit ihren Kindern an einer Medikamentenstudie teilnehmen wollen, aber keiner ließ sich darauf ein“, erklärte der Mediziner selbst auf Frage des Richters. „Also habe ich nur die Namen der Kinder verwendet und den Arzneimittelhersteller glauben gemacht, ich hätte ihnen den Impfstoff verabreicht.“ Er hätte nur so getan, als impfe er die jungen Patienten, hätte aber nie wirklich eine Grippespritze gesetzt, sagte er. Die Tagebücher, in denen mögliche Nebenwirkungen von den Eltern ausgefüllt werden sollten, habe er selbst ausgefüllt, die Daten dafür frei erfunden. Warum der Arzt im Nachgang den Eltern ein Schreiben schickte, in dem er sich für sein fehlerhaftes Impfen entschuldigte, konnte er selbst nicht erklären. Es sei aus dem Grund geschehen, um den Betrug an Novartis zu vertuschen, räumte dann der Verteidiger ein.

Vier betroffene Mütter sowie eine ehemalige Arzthelferin des Mediziners sagten heute aus, dass die Kinder doch eine Grippeimpfung erhalten hätten. „Ich vertraue doch meinem Arzt, wenn er mir sagt, dass eine Impfung das Richtige für mein Kind ist“, sagte eine Betroffene sichtbar aufgelöst. Die Arzthelferin, die bis Juni 2014 in der Praxis beschäftigt war, berichtete von Wesensveränderungen des Arztes. „Es war an der Zeit, dass er endlich aufhört zu praktizieren“, sagte sie. "Er ist plötzlich immer in die falschen Zimmer gegangen, er war zerstreut, wirkte fahrig. Mit ihm war es, wie mit einem an ADHS erkrankten Kind. Er war sprunghaft und unkonzentriert.“ Auch Jörg Thomas Reinhard betonte immer wieder die gesundheitlich angeschlagene Situation seines Mandanten.

Da in den Impfpässen der Kinder ein entsprechender Eintrag über eine „Fluad“-Impfung besteht, nimmt Reinhard an, dass sein Mandant sehr wohl ein Mittel gegen Grippe gespritzt hätte. „Aber ganz sicher nicht dieses Präparat, sondern eines, welches bereits zugelassen war.“ Weil der Angeklagte bereits vor Prozessbeginn immer wieder unterschiedliche Angaben zu den Tatvorwürfen machte, will das Gericht nun wahrscheinlich alle 75 betroffene Kinder erst untersuchen lassen, um festzustellen, ob und wenn ja, mit welchem Impfstoff sie behandelt wurden. Anberaumt sind drei weitere Prozesstage, das Urteil wird am 20. April erwartet. (Miriam Rommel) +++

Fotos: Miriam Rommel


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