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FULDA "Das Wort des Bischofs"

Maria - Bild des neuen Menschen .... von Bischof Heinz Josef Algermissen

12.08.16 - Maria – Bild des neuen Menschen

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

"In der Kunstgeschichte treffen wir häufig auf Bilder und Skulpturen, die die Madonna und das Jesuskind mit einem Apfel in der Hand zeigen: Symbol des Sündenfalls im Paradies und eine sich daraus ergebende Schuldgeschichte, die alle Menschen umfasst. Denn die Erbschuld zeigt sich darin, dass wir von Geburt an nicht nur Entwicklungschancen und Hoffnungen in uns tragen, sondern genauso in einen Unheilszusammenhang hineingeboren sind.
Zugespitzt formuliert: Man könnte die ganze Geschichte der Menschheit durchaus unter dem Blickwinkel dessen sehen, was Menschen einander antun können, also als eine Geschichte des Hasses und der Ausbeutung, der Konflikte und Kriege.

Immer wieder haben Menschen sich und andere ins Unglück gestürzt, aber immer wieder kam auch die Forderung: Ein neuer Mensch muss her. Stets war diese Forderung aber auch von der resignierenden Erkenntnis begleitet, dass der Mensch von sich her diesen neuen Menschen nicht schaffen kann. Versuche, den Übermenschen zu züchten, endeten immer in Unmenschlichkeit und Unterdrückung.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auf die Frage nach dem neuen Menschen Antworten gegeben, die sich frontal gegenüberstehen. Interessant ist, dass beide im gleichen Zeitraum gegeben wurden.
Der eine Antwortversuch ist mit dem Namen Karl Marx verbunden. Im Jahr 1848 veröffentlichte er das Kommunistische Manifest, das vom Gedanken des neuen Menschen und seiner „Machbarkeit“ durch die totale Umkehrung des Bestehenden beherrscht war. Es sollte ein Mensch mit einem ganz neuen Bewusstsein, eine klassenlose Gesellschaft entstehen.
Was ist aus dieser Theorie in der Wirklichkeit geworden? Hat sich die Idee des neuen Menschen, der von Zwang und Unterdrückung befreit ist, im Alltag totalitärer Systeme nicht in ihr genaues Gegenteil verkehrt? Das weitgehende Scheitern des Kommunismus dürfte nicht zuletzt darin begründet sein.

Die andere Aussage über den neuen Menschen liegt nur einige Jahre später. Sie kommt im Jahre 1854 von einer Gemeinschaft, die davon überzeugt war und ist, dass es den neuen Menschen nicht als Ergebnis revolutionärer Taten und menschlichen Planens, sondern nur als Geschenk Gottes, als Geschenk der Erlösung geben kann: Es ist die Botschaft unserer Kirche, die sich in dieser Zeit neu auf die Quellen ihres Glaubens besonnen hat.
Und genau in einer Zeit, in der auf der einen Seite der neue Mensch mit Gewalt geschaffen werden soll, wagt die Kirche die Aussage, dass der neue Mensch nicht eine bloße Forderung an die Zukunft darstellt, sondern dass er – gewissermaßen als „Vorgabe“ Gottes – schon als Wirklichkeit in der Geschichte zu finden ist: In Maria, der Mutter des Herrn.
„Maria ohne Erbsünde empfangen“: das will sagen, dass sie unberührt vom Bösen in die Welt getreten ist und ohne Schuld in ihr gelebt hat. Dadurch ist sie aber nicht, wie es scheinen könnte, von den anderen Menschen isoliert, sondern geradezu auf sie hingeordnet.
Durch Maria macht Gott einen Neubeginn mit der ganzen Menschheit. Durch sie wird deutlich: Die Macht des Bösen, die wir immer wieder bei uns und bei anderen leidvoll erfahren, ist kein unentrinnbares Schicksal.
Das wird offenbar, wenn wir den neuen Anfang, der durch Maria ermöglicht wurde, mit Namen nennen: Jesus Christus. In ihm geht Gott selbst in die Welt hinein. In seinem Leben, Sterben und Auferstehen zeigt er, dass Leid und die Macht des Todes nicht das Letzte sind, sondern die Macht seiner Liebe stärker ist, so stark, dass sie sogar – der kühnste aller Gedanken! – die äußerste Ohnmacht des Todes aushalten und überwinden kann.

Gott geht indes nicht in die Welt, indem er am Menschen vorbeigeht und über seinen Kopf hinweg handelt. Er nimmt den Menschen ernst und will ihn nicht ausschalten, deshalb schafft er sich in Maria einen Platz, an dem seine Liebe Wirklichkeit und er selbst Mensch werden konnte, um den Unheilszusammenhang der Welt mitten unter den Menschen zu zerbrechen.

Maria ist gewissermaßen der überzeugende Beweis dafür, dass der Mensch trotz seiner fatalen Geschichte der Konflikte und Auseinandersetzungen nicht zur Sinnlosigkeit verdammt ist, nicht an seiner Unheilsgeschichte zu verzweifeln braucht.

Durch Maria ist Gottes Liebe in unverstellter Form in die Welt gekommen: in der Person Jesu Christi. Maria ist die überzeugende Darstellung dafür, was Gott aus einem Menschen machen kann und aus uns allen machen will – wie das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel am 15. August offenbart.

Der Blick auf die Gottesmutter kann uns neu verdeutlichen, wie unsere Antwort auf das Wort Gottes aussehen müsste und welche Voraussetzungen es braucht, auch wenn es oft genug ein durch Halbheiten und Kompromisse gebrochenes Ja sein wird.

Wer sich einbildet, aus eigener Kraft und Macht einen neuen Menschen aus sich machen zu können, wird nur zu bald seine Grenzen erfahren und scheitern, genauso wie totalitäre Systeme mit ihrer Idee von der Machbarkeit des neuen Menschen gescheitert sind.

Wer dagegen um seine Hilfsbedürftigkeit und totale Angewiesenheit auf Gottes Gnade weiß, weil er sich den Sinn seines Lebens nicht aus eigener Kraft geben, sondern nur vorgeben lassen kann, wer in solcher Offenheit Raum für das Ankommen der Liebe Gottes schafft, wird erhöht, weil er sicher sein darf, dass sich in ihm und durch ihn wenigstens ein Bruchstück des neuen Menschseins verwirklicht, das uns in der Gottesmutter Maria, der Morgenröte des Heils, ganz geschenkt wurde.

Maria als der neue Mensch! Sie weckt eine Ahnung von Gottes Wirken, das in der Menschwerdung Jesu unserem Leben eine ganz neue Ausrichtung und Dimension schenkt.
Diese Ahnung mündete in das Herzenswissen der Gläubigen, in den „Sensus fidelium“, der am 1. November 1950 als fester Glaubenssatz dogmatisch formuliert wurde: „Maria ist nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden.“

Eine von uns hat das Ziel erreicht, zu dem hin wir alle noch unterwegs sind, als Einzelne wie als pilgerndes Gottesvolk. Eine von uns hat ihr Leben so auf Gott gerichtet, dass ER es ganz zu sich genommen hat. Eine von uns hat „als erste von Christus die Herrlichkeit empfangen, die uns allen verheißen ist“ (Präfation).

Die Gottesmutter zeigt uns in ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel die Morgenröte der Auferstehung. Sie ist das Bild des erlösten Menschen.
Liebe Leserinnen und Leser, die Erbauer unseres Hohen Domes zu Fulda haben diese große Perspektive in einem wunderbaren Hoffnungsbild über dem Hochaltar in der himmlischen Verherrlichung Mariens eindrucksvoll dargestellt: Der Salvator, der Erlöser, und seine Mutter als die Ersterlöste gehören zusammen. Wenn wir unsere Augen und die des Herzens in diesem Raum öffnen, können wir uns dies Bild der Hoffnung immer wieder neu schenken lassen".  +++


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