Björn Höcke, AfD-Chef in Thüringen - Foto: Rechtevermerk: picture alliance / AP Photo

FULDA Höckes Hetze

Interview (3) - So rassistisch und rechts ist die AfD laut Martin Hohmann wirklich

Über Martin HohmannMartin Hohmann war bis 2004 Mitglied der CDU. Nach seiner als antisemitisch kritisierten Rede vom 3. Oktober 2003 zum Tag der deutschen Einheit wurde er im Juni 2004 aus der Partei ausgeschlossen. Zuvor war er von 1984 bis 1998 Bürgermeister der Gemeinde Neuhof und ab 1998 Abgeordneter im Bundestag. Nach der Kommunalwahl 2016 zog er für die AfD in den Fuldaer Kreistag ein und gehört der Partei seit dem Frühjahr vergangenen Jahres an.

20.02.17 - Björn Höcke, Landesvorsitzender der AfD in Thüringen, ist selbst dem Bundesvorstand seiner Partei zu rechts. Deswegen soll er jetzt rausgeschmissen werden. Wie rechts ist die AfD wirklich? OSTHESSEN|NEWS hat im Rahmen einer dreiteiligen Interview-Serie Martin Hohmann, Vorsitzender der AfD im Kreis Fulda, zu seiner Meinung gefragt.


Herr Hohmann, wie äußern Sie sich zur deutschen Erinnerungskultur?

Vorausschicken muss ich, dass kein Land der Welt den deutschen Weg der Erinnerungskultur geht. Machen wir als einzige alles richtig? Zweifel sind angebracht. Ich habe den Eindruck, dass dominante Kräfte gerade auch aus dem deutschen, linkslastigen, politisch-medialen Komplex daran interessiert sind, dass die Deutschen auf Dauer eine Büßerhaltung, einen fixierten Blick auf die schlimmen zwölf Jahre ihrer Geschichte haben. Mit dieser „von oben“ erwünschten Sicht auf die eigene Negativgeschichte wird Macht ausgeübt. Macht zum Vorteil der eigenen, linken Dominanz. Diese Einseitigkeit muss bekämpft werden. Die AfD hat sich in ihrem Programm die Aufgabe gestellt, „die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen“. Wir haben viel Grund, unsere reiche Geschichte auch als Ermunterung und Ansporn zu sehen. Nachbarländer haben das Erstarken des frisch vereinigten Deutschen Reiches natürlich mit Argwohn gesehen. Ich habe sogar mal die Vermutung geäußert, dass die Angelsachsen aus Neid gegen uns Deutsche Kriege geführt haben. Neid auf den wissenschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt, besonders in den Jahren von 1871 bis 1914. Aber auch Neid auf solch fantastische Musiker, wie Mozart, Beethoven, Bach.

Die Erinnerungskultur mit ihren Denkmälern und Gedenkstätten befürworten Sie trotzdem?

Ich bin dafür, dass wir versuchen, die ganze deutsche Geschichte zu erfassen. Natürlich, es gab unfassbare Verbrechen, die von Deutschen begangen worden sind, besonders die einzigartige Judenvernichtung. Die können wir nicht ausblenden und auch nicht ungeschehen machen. Ich habe mir beispielsweise mit als erstes, als ich 1984 Bürgermeister wurde, den Judenfriedhof angesehen, der zwischen Neuhof und Flieden liegt. Dort waren Grabsteine umgestürzt und ich habe dafür gesorgt, dass diese wieder aufgestellt wurden. Ich gehe dort so manches mal hin und verweile mit großer Nachdenklichkeit dort. Man trägt als Deutscher gewissermaßen an einer geschichtlichen Last mit. Ich warne aber davor, unsere Eltern und Großeltern an den Pranger zu stellen. Man muss immer sehen, in welche Zeit unsere Vorfahren hineingeboren wurden. Man muss das Spitzelsystem und die brutale Verfolgung von Widerständlern in der DDR oder auch in der NS-Zeit kennen. Damals hat es Heldenmut gebraucht, zu kritisieren, zu opponieren. Heute können wir den Mund leicht aufreißen. Das ist kein Problem mehr. Wir müssen versuchen den Menschen von damals gerecht zu werden.

Sie plädieren also schon für ein Erinnern? Immerhin erinnert man sich ja nicht nur an die NS-Diktatur, sondern auch an die Diktatur der DDR.

Ja natürlich. Aber man muss das in der Breite sehen. Was die AfD fordert, ist: Aufbrechen dieses Tunnelblicks auf die negativen Seiten der schlimmen zwölf Jahre. Das waren zwölf Jahre und die deutsche Geschichte ist über 1.000 Jahre alt. Da gibt es ganz viel Positives. Dem müssen wir uns mehr widmen.

Martin Hohmann (AfD) Foto: Julius Böhm

Haben Sie denn den Eindruck, dass man der NS-Diktatur oder auch der Diktatur der DDR zu viel Freiraum gibt? Wenn ich an meine Schulzeit denke, wurde der Nationalsozialismus lediglich in der neunten beziehungsweise zehnten Klasse im Geschichtsunterricht behandelt.

Ich kann jetzt nur aus meiner Erfahrung sprechen. Ich habe 1966 im Herbst Abitur gemacht. In unserem Deutschunterricht haben wir die großen Auschwitzprozesse ausführlich behandelt. Wir haben Zeitungsartikel ausgeschnitten und besprochen. Auch die „Vernichtung lebensunwerten Lebens", wie die Nazis es nannten, wurde intensiv durchgenommen. In Neuhof gab es eine deutsche Jüdin, Jettchen Simon. Sie wurde 1899 geboren und hat bis 1988 gelebt - immer in Neuhof. Natürlich wusste das ganze Dorf, dass sie Jüdin war. Niemand hat diese Frau in der Nazi-Zeit verraten. Hätte das jemand nach Kassel gemeldet, wäre sie „abgeholt“ worden, genauso wie die verantwortlichen NS-Leute in Neuhof. Denn sie haben Jettchen Simon gedeckt. Das hat es auch gegeben, nicht einmal selten. Aber darüber wird heute kaum gesprochen oder geschrieben. Ich bin dafür, dass wir Menschen, die Juden geholfen haben, mit ihrem Heldenmut mehr würdigen. Nicht nur das Regime, seine Knechte und Schergen sehen, sondern auch die anderen Deutschen, die mit viel Mut, oft unter Einsatz ihres Lebens, dagegen gehalten haben. Hans Rosenthal, der Fernsehunterhalter, und Charlotte Knobloch, die langjährige Zentralratsvorsitzende, verdanken solchen Deutschen ihr Leben.

Wie ist es in ihrer Partei mit dem rechten Gedankengut? Gerade die Reden von Björn Höcke werden immer wieder kontrovers diskutiert. 2015 sagte er in Erfurt beispielsweise: "Thüringer! Deutsche! 3.000 Jahre Europa. 1.000 Jahre Deutschland - ich gebe euch nicht her!" Im März 2016 bezeichnete er Sigmar Gabriel als "Volksverderber".

Björn Höcke ist ein Parteifreund von mir. Grundsätzlich stelle ich mich vor ihn. Aber ich habe den Eindruck, er gerät manchmal in ein gewisses Pathos, lässt sich von seinem Redefluss mitreißen. Und wenn ihm dann Tausende Leute Beifall spenden, dann setzt er noch einen drauf. Ich möchte zu etwas mehr Nüchternheit raten. Andererseits brauchen wir auch Leute mit Ecken und Kanten. Wenn Höcke das Wort "Volksverderber" gebraucht, sage ich Ihnen, wofür ich das angebracht halte. Nämlich da, wo ein CDU-Minister des Landes Hessen für unsere Schüler fächerübergreifend vorschreibt, dass eine Art Zwangsfrühsexualisierung eingeführt wird. Das ist für mich ein Verderber unserer Kinder. Das dürfen wir nicht dulden. Das ist grün-linkes, antichristliches Gedankengut. Wenn Höcke in diese Richtung denkt und das Sigmar Gabriel vorwirft, ja, dann stimme ich zu.

Ist denn aber die Aufklärung darüber, welche Sexualitäten es gibt, nicht einfach nur objektive Faktenvermittlung - ähnlich wie sie auch von der Presse gefordert wird?

Es wird aber Akzeptanz verlangt. Akzeptanz für sexuelles Verhalten, das vor nicht allzu langer Zeit als pervers galt. Toleranz ginge ja noch. Wenn dieser Sexualkundelehrplan so durchgezogen wird und Kinder zu früh und mit schulischem Zwang zur Sexualität geführt werden, kann es dazu kommen, dass ungefestigte junge Männer dann irgendwann, wenn sie ein Sexualverbrechen begangen haben, sagen: Das haben wir doch in der Schule durchgenommen, da bin ich doch darauf hingeführt worden. Was sagen wir denn dann? Erziehung und Aufklärung ist nach dem Grundgesetz „zuvörderst“, in erster Linie, eine Aufgabe der Eltern und dann erst der Schule. Diese muss mit äußerstem Einfühlungsvermögen und Zurückhaltung agieren.

Das heißt, Sie sind schon dafür, dass man Aufklärung betreibt und sagt, es gibt dieses und jenes?

Ja sicher, aber zur rechten Zeit. Die Probleme mit der Geschlechtlichkeit kommen, man soll sie nicht vor der Zeit herbeireden. Außerdem muss das Leitbild der herkömmlichen Vater-Mutter-Kinder-Familie positiv herausgestellt werden.

Wo wir gerade über den Sexualkundeunterricht reden, ich habe noch ein Zitat von Herrn Höcke. Da sagt er: "Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp." - Das war am 21. November 2015 in einem Vortrag über Asylbewerber aus Afrika. Das ist doch offen rassistisch oder?

Naja, was heißt rassistisch. Ich hätte es so nicht gesagt, und ihm auch von dieser Formulierung abgeraten. In unserer medialen Umwelt wird so etwas gerne und mit gespielter Empörung missverstanden.

Hat er es dann vielleicht mit Absicht gesagt, weil er wusste, es wird missverstanden?

Wenn ich es richtig weiß, hat er den Vortrag vor einem internen Publikum gehalten. Da waren keine Medien dabei. Das ist den Medien hinterher zugespielt worden. Dennoch. Ich hätte mich da zurückgehalten. Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass es in Afrika einen ganz rasanten Bevölkerungszuwachs gibt. Höcke hat das auf seine Weise formuliert.

Das liegt aber sicherlich an der mangelnden Aufklärung.

An vielen Dingen.

Und nicht daran, dass es Afrikaner sind.

Nein, daran eher nicht.

Wenn ich Wähler bin und mich für die AfD entscheiden möchte, mir diese rechten Positionen aber zu krass sind, frage ich mich, wie sich die AfD denn tatsächlich positioniert.

Bei uns hier in der AfD habe ich noch nie Rassismus erlebt. Für mich haben alle Menschen die gleiche Würde und den gleichen Wert. Andererseits gibt es natürlich unterschiedliche Rassen. Wer das bestreitet, der bestreitet eine offenkundige Tatsache. Aber zur Grundposition der AfD. Sie kommt gut im Amtseid der Regierungsmitglieder zum Ausdruck: Wir wollen unsere Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, unsere Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen Jedermann üben.

Vielen Dank für das aufklärende Gespräch. (Toni Spangenberg) +++


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