Meret Semsch als "Vollmond" - Fotos: Gudrun Schmidl

BAD HERSFELD 16. Kinder- und Jugendtheater-Woche

Sommernachtsträumer spielen "KlassenFeind" bei den Kleinen Festspielen

06.06.18 - Vier rebellierende Schüler namens Fetzer (Jan Frederik Saure), Vollmond (Meret Semsch), Pickel (Christopher Seban) und Koloss (Anthony Isaak) warten in einem verrammelten Klassenraum auf einen neuen Lehrer, den sie genau so fertig machen wollen wie seine Vorgänger. Es kommt aber nur ein Mitschüler, der aus dem Knast zurück ist. Im Original ist dieser ein Schwarzer (Nigger), der in den deutschen Fassungen als Türke (Kanake) charakterisiert ist und Kebab genannt wird. Kebab spielen sie vor, wie sie die letzte Lehrerin „kaputt gemacht haben“.

So beginnt das Bühnenstück „Klassen Feind“ des Engländers Nigel Williams, das als sozialer Kommentar zur Apathie und Anarchie in britischen innerstädtischen Schulen geschrieben wurde und 1978 in London und 1979 in New York als Stück über die Punk-Jugend und deren hoffnungsloses Lebensgefühl („Keine Fjutscher“) Furore machte. 1981 wurde das Stück unter Peter Stein an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Deutschland aufgeführt, im selben Jahre folgte unter der Intendanz von Claus Peymann eine „Ruhrgebietsfassung“ am Schauspielhaus Bochum.

Edgar Steube als Organisator und Leiter ...

Jutta Hendler, Leiterin des Fachbereichs Generationen ...

Das Theater der Sommernachtsträumer e.V. führte „KlassenFeind“ nach Nigel Williams im Rahmen der 16. Kleinen Festspiele in der Bearbeitung von Joachim Götz-Leyendeckers und Jan Frederik Saure am Montag und Dienstag im Buchcafé auf. Intendant Joern Hinkel unterstützte die Kunstschaffenden bei der Erarbeitung des Stückes mit vielfältigen Anregungen. „KlassenFeind“ zeigt fünf junge Menschen, die mit der Welt nichts mehr anfangen können. Genauso wie die Welt mit ihnen nicht mehr anfangen kann. Das Klassenzimmer ist ein Symbol, denn so alleine wie sie dort sind, sind sie überall allein.

Fetzer und Vollmond sind die Meinungsführer der Klasse und ihre Einstellungen scheinen unversöhnlich zu sein: auf der einen Seite der prügelnde und pöbelnde Fetzer, der nach eigenem Bekunden „voll auf Hass gegen jeden“ ist. Auf der anderen Seite Vollmond, die immer noch einen Hoffnungsschimmer sieht. Während die fünf Jugendlichen auf den Lehrer warten, vertreiben sie sich die Zeit, indem sie einander nerven und aufziehen und sich letztendlich selbst „Unterricht“ geben, wobei sie sich ihre kaputten Wünsche vorspielen und ihre geheimsten Obsessionen und Verdrängungen sichtbar machen. Pickel, Schüler der 10a, wohnhaft auf der Hohen Luft, bekannt als sozialer Brennpunkt der Festspielstadt, unterrichtet sein Spezialgebiet und das ist Sex, seine Unsicherheit und Ängste überspielend. Zum Schluss malt Pickel eine Möse und damit ist der Unterricht beendet.

Koloss ereifert sich in seinem „Unterricht“ über Ausländer, Knoblauchfresser, Hottentotten, die eindeutig schuld sind, dass Menschen wie er keine Jobs bekommen. „Das ist ein Scheiß-Pack, am schlimmsten aber sind die Scheiß-Sozialarbeiter“, lässt Koloss seiner Wut weiter freien Lauf. „Was soll ich euch beibringen“, fragt schließlich Kebab in die Runde, der in der Grundschule erstmals und dann immer wieder als „Kanake“ beleidigt wurde. Seine Sprachlosigkeit und seine verlorene Würde kompensiert er seitdem mit Scheibeneinwerfen. Vollmond überrascht mit einem denkbar alltäglichen Thema, der fachgerechten, kostengünstigen Zubereitung von Frikadellen, in denen fast kein Fleisch drin ist. „Die Zutaten wie alte trockene Brötchen und Zwiebeln als Grundzutaten bekommen wir bei der Tafel gegen Vorlage des Berechtigungsscheines. Hack kaufen wir im Sonderangebot“, erklärt sie den Mitschülern.

Joachim Götz-Leyendeckers, Lennart Fink, Anthony Isaak, ...

Die Sprache auf der Bühne ist dreckig, authentisch und direkt, reichlich bestückt mit fäkalen Wortergüssen. Hass, Ohnmacht, Spott, Wut, Angst, die ständig zunehmende Aggressivität untereinander werden ausdrucksstark herausgeschrien, es wird geflucht und letztendlich auch geprügelt. Fetzer gibt zum Schluss eine Lektion im Straßenkampf mit Tricks und unbarmherziger Härte, bis schließlich er und Vollmond aufeinander losgehen und sich die Fressen blutig polieren. Zum Schluss bricht Fetzer zusammen, seine raue Schale bröckelt. Wie alle anderen auch ist er in seinem Innersten auf der Suche nach Anerkennung, nach Zuwendung und Liebe. Langsam aber sicher begreifen alle fünf Jugendlichen, dass sie die Welt da draußen abgeschrieben hat. Kein Lehrer wird sie weiter unterrichten – alle haben sie aufgegeben. Sie warten weiter bei offener Tür – vergeblich.

Fünfundsiebzig Minuten fantastisches Theater mit starken Szenen, gespielt von herausragenden Protagonisten auf der Bühne, fesselte das junge Publikum am Dienstagmorgen sichtlich. Die enorme schauspielerische Leistung von Jan Frederik Saure, Christopher Seban, Lennart Fink, Anthony Isaak und vor allem Meret Semsch, die erstmals auf einer Bühne stand, honorierten sie unverständlicherweise nur mit spärlichem Applaus. Nicht zu vergessen Joachim Götz-Leyendeckers, der als Lehrer und Klassen Feind die Jugendlichen vor vollendete Tatsachen stellte. Die Kleinen Festspiele der Stadtjugendpflege im Fachbereich Generationen punkten noch heute und morgen mit vier weiteren interessanten Stücken für alle Altersklassen, die allesamt ausverkauft sind. Edgar Steube, im letzten Jahr als Fachbereichsleiter Generationen in den Ruhestand verabschiedet, hat auch in diesem Jahr die Organisation und Leitung der Kleinen Festspiele übernommen und freut sich über volles Haus bei allen Veranstaltungen, das bedeutet über 1200 verkaufte Eintrittskarten. Dabei haben "Nachwuchsgruppen" neben den Profis stets die Möglichkeit, ihre Stücke und Ideen zu präsentieren.  (Gudrun Schmidl) +++     


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