Dr. Elisabeth Ott eröffnete den Vortragsabend - Fotos: privat

FULDA Vorkämpferin Margarete Grippentrog

Vortrag von Ingrid Möller-Münch zu 100 Jahre Frauenwahlrecht

11.04.19 - 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland – dies war für den Verein der Freunde und Förderer der Hochschul- und Landesbibliothek Fulda (HLB) der Anlass, einen Vortragsabend über Margarete Grippentrog zu veranstalten, eine Frau, die in Fulda zu den Vorkämpferinnen des Frauenwahlrechts gehörte. Ingrid Möller-Münch – Mitglied des Fördervereins der HLB – hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen der Fuldaer Stadtgeschichte aus der Vergessenheit zu holen und ihr Leben und Wirken zu erforschen und zu würdigen, so z.B. mit ihrer Arbeit zu Merga Bien, ein Opfer der Hexenverfolgung in Fulda Anfang des 17. Jahrhunderts.

Berthold Weiß begrüßte die Gäste

Nach der Begrüßung des – überwiegend weiblichen – Publikums im vollbesetzten Lesesaal durch Berthold Weiß, den stellvertretenden Bibliotheksleiter, führte die Vorsitzende des Fördervereins, Dr. Elisabeth Ott, kurz in die historischen Hintergründe des Frauenwahlrechts ein.

Der Vortrag von Möller-Münch verfolgte drei thematische Linien: die Lebensphasen Margarete Grippentrogs, der Blick auf die Vorgeschichte des Frauenwahlrechts sowie ihr Wirken in der DDP (Deutsche Demokratische Partei), die 1918 in Fulda gegründet wurde. Die Referentin stellte die biographischen Aspekte in den Vordergrund und akzentuierte dabei besonders die Situation einer berufstätigen, unverheirateten und politisch aktiven Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Margarete Grippentrog, geboren 1890 im heutigen Polen, kam 1910 als Vertretungs-Lehrerin nach Fulda an die Evangelische Volksschule in Fulda, wo sie 1911 eine Stelle als Hilfslehrerin erhielt, eine Entscheidung, die nicht nur auf Zustimmung stieß. Mit großem Selbstbewusstsein setzte sie sich aber über Kritik hinweg: „Ich bin in Fulda angekommen, ich gehöre zum Stadtbild.“ Die Tätigkeit als Lehrerin war gebunden an das Gesetz zur Ehelosigkeit und ihr Gehalt von 100 Mark im Monat plus 80 Mark Mietzuschuss wurde durch eine 10-prozentige Ledigensteuer noch reduziert.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich Margarete Grippentrog in der neugegründeten DDP besonders für die Rechte der Frauen ein, sie übernahm die Schriftleitung der Partei und gründete eine DDP-Frauengruppe. Vor der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung forderte sie auf einer Wahlveranstaltung die Frauen auf, der ihre Stimme zu geben, „denn die deutsche Frau steht weder ganz rechts noch ganz links, sondern sinnvollerweise in der politischen Mitte“. Das Wahlergebnis fiel für die DDP im Wahlkreis Fulda insgesamt zufriedenstellend aus (auf dem 3. Platz hinter Zentrum und SPD), aber im Fuldaer Land und in der Rhön hatte sie wenig Rückhalt. Dennoch konnte Grete Grippentrog nach den wenig später stattfindenden Kommunalwahlen als einzige Frau mit vier Parteikollegen der DDP ins Fuldaer Stadtparlament einziehen. Als Frau machte sie auch in der Politik die Erfahrung, dass Frauen eher als Sonderfall und schmückendes Beiwerk angesehen wurden. So kritisierte sie in einem privaten Brief die gängige Praxis bei der Kandidatenaufstellung in ihrer Partei: „Erst kommt das große Tier, dann die einzelnen Berufe und dann, damit der Schein gewahrt ist, kommt auch mal eine Frau – das empört mich sondermaßen.“ Auch die Abbauverordnung für weibliche Beamtinnen – sogenannte Doppelverdienerinnen wurden entlassen - prangerte sie an.

Ingrid Möller-Münch beeindruckte wie immer ...

Ingrid Möller-Münch zeigte in ihrem Vortrag den weiteren beruflichen Werdegang von Grippentrog auf, der sie als Rektorin an die Kasseler Bürgerschule führte, damals die größte der Stadt. Die Tätigkeit fand 1933 mit der Machtergreifung Hitlers ein Ende, offensichtlich auf Grund von kritischen Äußerungen im privaten Kreis, die ihr eine Strafversetzung an die Ziegenhainer Volksschule als einfache Lehrkraft eintrugen, wo sie in einer Atmosphäre der Bespitzelung und des politischen Drucks im Kollegium schließlich der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt beitrat und vermutlich aus Furcht vor weiteren Repressalien auch Mitglied in der NSDAP wurde. Dies führte nach 1945 zu ihrer Kündigung. Im Entnazifizierungsverfahren wurde sie als „Mitläuferin“ eingestuft, und drei Jahre später durfte sie wieder in Ziegenhain in der Grundschule unterrichten. Erst sechs Jahre nach Kriegsende konnte sie im Alter von 61 Jahren ihre Tätigkeit als Rektorin in Kassel wieder aufnehmen. Sie starb 1964 neun Jahre nach ihrer Pensionierung. Im Rückblick auf ihr Leben in Zeiten großer historischer Umbrüche zog sie in einem Interview der Hessischen Nachrichten (Kasseler Zeitung) Bilanz: „Wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte, würde ich wieder Lehrerin werden oder Gärtnerin. Ich muss es wachsen sehen und dabei helfend eingreifen können.“(pm)+++


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