Metzgermeister Christoph Schneider - Foto: Kevin Kunze

FULDA Debatte um Fleischsteuer geht weiter

Metzger, Lebensmittelhändler, Bioland und Bauernverband sind skeptisch

09.08.19 - Nicht nur das Sommerloch sorgt dafür, dass die vom Tierschutzverbandspräsidenten Thomas Schröder ins Gespräch gebrachte Anhebung der Mehrwertsteuer auf Fleisch heftige Wellen schlägt. Eigentlich sind sich alle einig, dass wir grundsätzlich weniger, dafür aber unter besseren Bedingungen für die Tiere erzeugtes Fleisch essen sollten und wollen. Und wer sich mal im Freundes- und Bekanntenkreis umhört, wird genauso staunen wie wir bei unserer (natürlich nicht repräsentativen) Umfrage: Niemand, aber auch wirklich kein einziger Verbraucher kauft das billige und aus Massentierhaltung stammende Fleisch bei Aldi oder Lidl - entweder sind alle schon Veganer oder wenigstens Vegetarier oder sie essen höchsten einmal in der Woche gutes, teures Biofleisch. Merkwürdig, dass die Discounter noch nicht pleite sind!

Diese Tatsache verwundert auch Metzgermeister Christoph Schneider vom Fuldaer Abtstor. Wenn die Aussagen der Verbraucher über ihr eigenes Kaufverhalten stimmen würden, gäbe es auch mehr regionale Metzgereien, bei denen die Qualität und Herkunft der Tiere transparent sei. "Als ich anfing, waren das in Fulda noch rund hundert an der Zahl - und heute sind es noch knapp 20." Vom Vorschlag, den Steuersatz auf Fleisch auf 19 Prozent zu erhöhen, hält er naturgemäß gar nichts. "Das käme ja gar nicht bei den Landwirten an und kann auch keine Haltungsbedingungen verbessern." Schneider kritisiert die Absurdität der unterschiedlichenh Mehrwertsteuersätze von 7 und 19 Prozent, die niemand mehr nachvollziehen könne. Denn auch Trüffel und Rennpferde unterliegen nur dem 7-Prozent-Satz, bei Weihnachtsbäumen gibt es je nach Art und Herkunft sogar vier verschiedene Steuersätze. "Die Politik öffnet aber die Grenzen für billiges Importfleisch aus dem Ausland ohne verbindliche Kennzeichnungspflicht der Haltungs- und Tierwohlbedingungen, wie jetzt aus den USA - darüber kann man nur den Kopf schütteln", sagt er.

Biolandgeschäftsführer Gregor Koschate

Bioland als führender Verband für ökologischen Landbau in Deutschland, nach dessen strengen Richtlinien mittlerweile 7.744 Landwirte, Gärtner, Imker und Winzer wirtschaften, hat in der Diskussion um tierfreundlich erzeugtes Fleisch natürlich auch eine dezidierte Haltung. Gregor Koschate, hessischer Bioland-Geschäftsführer, bringt den Gedanken in die Debatte, dass die Besteuerung grundsätzlich dazu benutzt werden sollte, um tatsächlich etwas zum Besseren zu steuern. "Die Politik sollte dafür sorgen, dass die Preise die Wahrheit sprechen", postuliert er. "Wenn beim Discounter ein Kilogramm Filet 6,66 Euro kostet, entspricht das nicht dem tatsächlichen Preis, denn die durch Massentierhaltung verursachten Kosten für nitratverseuchtes Grundwasser werden zum Beispiel nicht berücksichtigt." Statt durch die Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes auch den Preis für Bio-Fleisch zu erhöhen und dadurch deren Kunden zu bestrafen, sollte man lieber die Erzeugung und den Konsum umwelt- und tierfreundlich produzierter Lebensmittel fördern und belohnen". Kaschate begrüßt die wachsende Diskussion darüber, dass es für uns alle Sinn macht, solche Lebensmittel herzustellen und zu kaufen.

Anne Biendara, Tegut-Unternehmenskommunikation

Für die Lebensmittelhändler sagt Tegut-Sprecherin Anne Biendara: "Wir unterstützen grundsätzlich die Auffassung, die Besatzdichte und damit einhergehend die Tierbestände zu reduzieren. Mit unserem sehr großen Einsatz im Bio Bereich (z.B. Biosphären-Rindfleisch aus der Rhön) und dem Tegut-Markenfleisch-Programm „LandPrimus“ sorgen wir bereits seit über 20 Jahren für die praktische Umsetzung dieser Forderung. Eine höhere Besteuerung wäre nur dann sinnvoll, wenn die Gelder zweckgebunden den Landwirten für Umbaumaßnahmen und Reduzierung der Tierbestände zur Verfügung gestellt würden. Fleisch von Bio-Landwirten und Landwirten, die bereits heute mit kleineren Tierbeständen wirtschaften und deshalb höhere Fleischpreise haben, würde ansonsten vom Teuerungseffekt im Vergleich zum Discount zusätzlich benachteiligt werden.

Dr. Hubert Beier, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands ...

Dr. Hubert Beier vom Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld nennt den Fleischsteuer-Vorschlag "eine Schnapsidee im Sommerloch". "Das Fleisch würde teurer, der Konsum ginge zurück, es käme zu Überproduktion, was wiederum auf die Preise drücken würde - was soll sich denn dadurch für das Tierwohl verbessern?", fragt er. Wenn man für bessere Produktionsbedingungen für die fleischerzeugende Landwirtschaft sorgen wolle, müsste der Zuschlag beim Fleischpreis auch direkt beim Landwirt ankommen. Doch wer den gnadenlosen Preiskampf der Discounter untereinander kenne, müsse da sehr skeptisch sein. Ein Weg in die richtige Richtung sei zum Beispiel der Fuldaer Schlachthof, mittlerweile der einzige größere Schlachthof in Hessen, und die Tatsache, dass immer mehr Landwirte sich für das Tierwohllabel qualifizieren wollten. "Aber der Handel muss da mitziehen, sonst funktioniert das nicht", sagt Dr. Beier. (Carla Ihle-Becker)+++


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