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FULDA Klinikum wehrt sich gegen Vorwürfe

Fehlende Empathie oder Vergraulen psychisch kranker Patientin?

29.10.19 - Was Claudia B. kürzlich in der Notaufnahme des Klinikums Fulda erlebte, kann einen - je nach Temperament - wütend oder traurig machen. Nein, es geht diesmal nicht um strapazierende Wartezeiten, die den Patienten mit schlimmen Beschwerden oft schwer zu schaffen machen, sondern um eine akute psychische Notsituation, in der sich die 36-Jährige befand. "Ich hatte einen Nervenzusammenbruch und war in einem Zustand, in dem ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte", beschreibt sie, was ihr an diesem Wochenende widerfuhr. Der Auslöser war ein eher banaler Streit mit ihrem Mann, doch offensichtlich brachte er das Fass zum Überlaufen: die Tränen liefen unaufhörlich, Claudia B. konnte sich nicht mehr beruhigen und wusste irgendwann nur noch eins: "Ich brauche Hilfe!" Ihr Hausarzt hatte wegen Urlaubs die Praxis geschlossen.

Um wenigstens etwas "runterzukommen", machte sie sich zu Fuß auf den mehrere Kilometer langen Weg ins Klinikum. In der dortigen Notaufnahme erhoffte sie sich Hilfe.

"Mutig und mit meinen letzten Reserven habe ich mich abends an die Notfallaufnahme im Krankenhaus gewendet. In fester Hoffnung und mit gepacktem Rucksack für das Nötigste gestand ich an der Aufnahme, mit einem Kloß im Hals, um die Tränen zurückhalten zu können, dass es mir schlecht geht, ich keine Kraft mehr habe und Hilfe benötige. Die Situation wurde professionell erkannt und die Mitarbeiterin fragte freundlich, ob ich ein Gespräch mit einem Psychologen führen möchte, was ich bejahte. Formalitäten wurden erledigt und mir wurde ein Wartebereich zugewiesen. Die Wartezeit war angemessen. Bis dahin war alles in Ordnung.

Ein kurzes Gespräch beim Notfallkoordinator und dann nahm die Psychologin (ohne erkennbares Namensschild) mich im Zimmer nebenan in Empfang. Gefühlte fünf Minuten suchte die Ärztin wohl nach Daten von mir im EDV-System. Während dieser Zeit hörte ich nur die Stimmen von nebenan und vom Wartebereich. Und so wie ich alles von außen wahrnahm, konnten die Menschen draußen auch mich hören. Deshalb versuchte ich, auf die Nachfragen möglichst leise und kurz gehalten zu antworten. Es war mir peinlich, quasi öffentlich - für alle anderen Patienten und Mitarbeiter draußen deutlich hörbar - über meine Probleme zu sprechen. Während unseres Dialogs fand ganz selten Blickkontakt statt. Die Psychologin bediente aber immerwährend fleißig die PC-Tastatur. Sie fragte mich auch, was ich mir von ihr erhoffe. Ohne abzuwarten, was ich darauf antworten möchte, unterrichtet sie mich darüber, dass Medikamentenvergabe keine Lösung sei." Claudia B. hatte allerdings überhaupt nicht nach einem Rezept gefragt.

Schließlich wurde sie mit dem zweifelhaften Rat, sich doch über ihre Familie und das Leben überhaupt zu freuen, ohne weitere Behandlung nach Hause geschickt. Stattdessen sollte sie am nächsten Morgen im Krankenhaus anrufen, um sich mit der psychiatrischen Ambulanz verbinden zu lassen. Dort würden ihr dann zeitnahe Gesprächstermine angeboten.

"So verließ ich (ohne Bericht) nichts mehr verstehend weinend die Klinik. Ich hatte mich gezwungen, Hilfe zu suchen, den Rattenschwanz, der daran hängt, in Kauf zu nehmen, weil ich alleine aus diesem schwarzen Loch nicht herausfinde – und werde weggeschickt", schildert Claudia B. ihre Verzweiflung. Doch damit noch nicht genug: der Hinweis der Ärztin war schlichtweg falsch und irreführend.

"Am nächsten Morgen ging es mir nicht besser und ich rief das Krankenhaus an. Nach einiger Wartezeit wurde mir die Durchwahl der psychiatrischen Ambulanz gegeben, weil die Kollegen wohl alle im Gespräch seien. Erst nach ausdauernden drei Stunden, ständig wiederholten Anrufversuchen, hatte ich endlich eine Stimme am anderen Ende. Und das nur, um zu hören, dass keine neuen Patienten aufgenommen werden, die Kollegin von der Notaufnahme dies wohl nicht wusste und ich mich an die niedergelassenen Psychologen wenden solle. (Es ist allseits bekannt, dass es dort keine Aufnahme neuer Patienten gibt, sondern Wartezeiten bis zu einem Jahr üblich sind.) Und wenn es ganz schlimm sei, dann soll ich mich nochmals in der Notaufnahme vorstellen, um mich stationär einweisen zu lassen. Ein Schlag mehr ins Gesicht, ich kam mir vor wie ein Ping-Pong-Ball."

Ihre Mail an O|N endet mit den verzweifelten Worten: "Ich gebe auf. Ich habe keine Kraft, das Gefühlschaos ist unkontrollierbar und ich außer Kontrolle geraten. Wer fängt mich auf? Ich kenne niemanden mehr." Wir haben sofort mit Claudia B. Kontakt aufgenommen und ein längeres Gespräch geführt. Mittlerweile geht es ihr etwas besser, doch das Gefühl, in einer akuten Notsituation im Stich gelassen worden zu sein, ließ sich nicht so einfach wegschieben. Selbst wenn sie sich der Psychologin gegenüber nur unzureichend deutlich artikuliert haben sollte, weil sie befürchten musste, jeder könne von draußen mithören, hätte sie nicht ohne Hilfeleistung einfach weggeschickt werden dürfen.

Wir haben ihre Schilderung an das Klinikum zur Stellungnahme weitergeleitet und veröffentlichen das Statement hier im Wortlaut. (Carla Ihle-Becker)

Statement von Klinikum-Pressesprecherin Barbara Froese:

"Zunächst möchten wir feststellen, dass wir 'anonyme' Beschwerden grundsätzlich nicht beantworten. Darüber hinaus können wir aufgrund der bestehenden Schweigepflicht auch keine Angaben zu Patient*innen machen, die sich in unserer Behandlung befinden oder befunden haben. Gleichwohl wollen wir nicht den Anschein erwecken, wir würden eine Stellungnahme ablehnen. 

Ihren Schilderungen ist insoweit zu entnehmen, dass sich die Patientin zunächst an ihren Hausarzt wenden wollte, der sich allerdings im Urlaub befand. Für die Urlaubszeit hat der Hausarzt immer einen Vertreter zu benennen. Meist wird dieser auf dem Anrufbeantworter der Praxis mitgeteilt. Daraufhin habe sich die Patientin dann in die Notaufnahme begeben.

Nach Einschätzung der behandelnden Ärztin - nicht wie dargestellt „Psychologin“, da Psychologen nicht in einer Notaufnahme Dienst tun dürfen - lag keine mit den Mitteln eines Krankenhauses akut behandlungsbedürftige Situation vor. Deshalb ist auch keine stationäre Aufnahme erfolgt und hätte definitiv auch nicht erfolgen dürfen.

Ähnlich wie auch bei körperlichen Erkrankungen werden die Notaufnahmen der Krankenhäuser nicht selten von Patientinnen und Patienten aufgesucht, die nicht in eine Notaufnahme gehören und eigentlich von einem niedergelassenen Vertragsarzt behandelt werden sollten. Dies trifft auch nicht selten auf Patienten mit psychischen Problemen zu, die die Einschätzung des Facharztes subjektiv nicht immer nachvollziehen können.

Die von der Patientin beschriebenen Mängel bei der Beachtung der Privatsphäre können wir so nicht nachvollziehen. Für das Arztgespräch stehen entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung. Es mag sein, dass die diensthabende Ärztin aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens diese Möglichkeit bedauerlicherweise nicht genutzt hat. 

Aufgrund Dokumentationspflichten sind wir bei hoher Arbeitsdichte leider gezwungen, während der Gespräche zeitgleich in den PC zu dokumentieren, wenn die Nachdokumentation zu zeitaufwändig wäre bzw. aufgrund des Arbeitsaufkommens zeitlich nicht geleistet werden kann. Die zeitgleiche Dokumentation auf einer Tastatur ist schwieriger als die handschriftliche Dokumentation, bei der durchaus Sichtkontakt möglich wäre, was aber auch zeigt, dass die Digitalisierung nicht nur Vorteile hat. Dies hat prinzipiell mit fehlender Empathie oder Vergraulen überhaupt nichts zu tun, sondern stellt bisweilen eine Arbeitserfordernis dar, der wir uns nicht entziehen können. Dazu sind wir verpflichtet.

Wir bedauern, dass wir den Erwartungen der Patientin nicht gerecht werden konnten. Dafür bitten wir um Entschuldigung.

Die zugrundeliegende Problematik der unzureichenden ambulanten Versorgung psychiatrischer Störungen und Erkrankungen haben Sie in Ihrem Artikel ja bereits beschrieben. Das hier erneut die Krankenhäuser der Notnagel sein sollen, ist aus unserer Sicht problematisch und wird weder uns noch den Patient*innen gerecht." +++


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