FULDA SPD-Urgestein Dr. Henning Scherf (81)

"Da geht noch was!" - Mutmachende Ideen gegen die Einsamkeit im Alter

29.11.19 - Henning Scherf ist ein bekennender "Oma-Knutscher". "Das haben mir die Journalisten angehängt, aber es stimmt auch", sagt er schlicht zu diesem Etikett. Der Sozialdemokrat war als langjähriger Regierender Bremer Bürgermeister dafür bekannt und beliebt, dass er jederzeit nahbar war, stets eine offene Tür hatte und sich seinen Mitbürgern gern mit den Worten „Tach auch, ich bin Ihr Bürgermeister!“ näherte. Am Donnerstag kam er zu einem Vortrag „Älter, bunter, einsamer, digitaler?" ins Fuldaer Bonifatiushaus und riss seine Zuhörer mit seiner 81-jährigen Lebensfreude vom Hocker. 

Dr. Henning Scherf ist mit 81 ...Fotos: Yannik Overberg

Teilnehmer des Projekts "Älter, bunter, einsamer, ...

Seine Zuhörer saßen ihm zu weit ...

Seine erste Initiative an diesem Nachmittag: die Zuhörer sitzen ihm hinter ihren Tischen zu weit entfernt. "Kommen Sie doch näher, dann kommer wir besser ins Gespräch", fordert er und greift schnell selbst zu, um die Stühle in seine Reichweite zu tragen. Warum seine Zeit trotz Ruhestand knapp bemessen ist, erschließt sich leicht: seine zahlreichen Hobbys, Ehrenämter und Verpflichtungen halten ihn sichtlich jung und auf Trab. "Heute ist Hauptprobe meines Chores in Bremen, wir singen Händels Messias, da muss ich unbedingt dabei sein."

Gunter Geiger führte ins Thema ein

Zunächst berichtet Scherf vom augenfälligen Wandel, den die Definition des Alters schon zu seinen Lebzeiten durchgemacht hat. Seine Großmutter, die mit 27 Jahren bereits zum zweitenmal Witwe wurde, trug seither nur noch schwarz und ging nicht mehr aus dem Haus. "Ich dagegen feiere schon Diamantene Hochzeit und komme mir vor, als hätten wir gerade erst angefangen", freut sich der 81-Jährige. Scherf hat mit seiner Frau Luise drei Kinder und elf Enkel. Seit 1987 leben beide in einer Senioren-Wohngemeinschaft in der Bremer Innenstadt, die sie mit zehn Freunden gegründet haben. Die WG-Bewohner nennt er liebevoll seine "Wahlfamilie". Seine Fröhlichkeit und Vitalität ist die beste Werbung für diese Art des Zusammenlebens, die er als großartige Chance für die alternde Gesellschaft empfiehlt.

Sein knapper Zeitplan hindert ihn im Bonifatiushaus nicht daran, lebendig und bildhaft von den Segnungen moderner Kommunikationsmittel zu schwärmen. Seine bereits erwähnte Großmutter habe sich zeit ihres Lebens nicht mal mit dem Telefon arrangieren können. Dabei bieten Smartphone, Laptop und Tablet älteren Menschen die Chance, sich aus ihrer Einsamkeit zu befreien und den Kontakt zu weit entfernten Verwandten und Freunden zu halten, ist seine Botschaft. Den richtigen Umgang mit den zunächst fremden Medien könne man am besten von den Enkeln lernen, deren Gefühl für ihre eigenen Kompetenzen außerdem dadurch aufgewertet werde. Diese Anstrengung lohne sich, um nicht aus der Gesellschaft herauszufallen, nicht in Angst und Depression zu versinken, und verhelfe Senioren außerdem zu Autonomie, ist Scherf überzeugt.

Er spart auch nicht die negative Seite der Medaille Internet aus. Hass im Netz, organisierte Kriminaltität im Darknet bis hin zu digitalisierter Kriegsführung seien sehr bedrohliche Entwicklungen, denen man sich gemeinsam entgegenstellen müsse. "Aber wir sind nicht auf einer Riesenrutsche in die Katastrophe. Es geht nicht alles den Bach runter!" Nicht mal die traurige Situation der deutschen Sozialdemokratie kann diesen überzeugten Optimisten erschüttern, wie er im ON-Interview verrät. 

Klar, auch Scherf spürt Alterserscheinungen. Nachts könne er nicht mehr Autofahren, er komme nicht mehr in ein Kanu und laufe keinen Marathon mehr. Dafür gehe Fahrradfahren und Hochseesegeln noch gut. "Nicht immer dem hinterherjaulen, was nicht mehr ist oder geht, sondern offen und neugierig bleiben", ist sein abschließender Tipp bevor er befindet, das sei jetzt fast eine Predigt geworden. Nach einer intensiven Fragerunde verabschiedet sich der lebhafte Referent von seinem beeindruckten Auditorium. Hoffentlich war er nicht zum letzten Mal in Fulda - seine Lebensfreude ist ansteckend. (Carla Ihle-Becker)+++


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