Timo Zentgraf, Bürgermeister von Künzell - Archivfotos: O|N

KÜNZELL "Ich habe Puls"

Bürgermeister Timo Zentgraf zur Großstadt-Diskussion: "Jetzt reichts"

29.11.19 - Die Diskussionen um eine Fusion der Stadt Fulda und die angrenzenden Kommunen Petersberg, Künzell und Eichenzell nimmt wieder Fahrt auf. In einem Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS macht sich der SPD-Fraktionsvorsitzende Jonathan Wulff für eine Großstadt Fulda stark. Timo Zentgraf (parteilos) hingegen sieht dies völlig anders. Der Bürgermeister von Künzell reagiert auf den O|N-Artikel mit einer ausführlichen Stellungnahme, welche wir im Wortlaut veröffentlichen:

"Ich habe Puls. Nach dem auf Osthessen-News am 28.11.2019 veröffentlichten Bericht zum Thema Großstadt Fulda mit Aussagen von SPD-Fraktionschef Jonathan Wulff kann ich nun nicht mehr schweigen. Ich wollte mich aus der diesjährigen Diskussion eigentlich komplett raushalten und auch in der Fastnacht nicht wieder als Märchenkönig auftreten, aber es scheint einen Märchenprinzen zu geben, der einfach nicht aufhört zu träumen. Die im Bericht getroffenen Aussagen sind oftmals nicht korrekt bzw. auch zu kurz gedacht, setzen sich aber so langsam in den Köpfen mancher Leser fest und suggerieren ein Bild der Stadtrandgemeinden, welches einfach nicht zutreffend ist.

Jeder profitiert am Ende und wir würden die wichtige 100.000 Einwohner-Marke knacken ist eine seit Monaten oder auch Jahren getroffene Behauptung ohne sachliche Argumente, die gebetsmühlenartig wiederholt wird, aber dadurch nicht besser wird. Wer ist z.B. „jeder“? Wie heißt es so schön in einer Weisheit der Dakota-Indianer: „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!“ Wer hilft Herrn Wulff endlich bei der Erkenntniserlangung? „Als Großstadt würde Fulda eine starke Entwicklung nehmen.“ Was ist eine starke Entwicklung? Noch stärker als in den letzten 30 Jahren? Haben wir dann endlich weniger Arbeitslosigkeit? Pendelt man dann aus dem Rhein/Main-Gebiet nach Fulda, oder wo wollen die ganzen neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger dann wohnen?

In der Foaset-Kampagne nahm sich Timo ...

„Der Stadt Fulda gelingt es immer wieder, Flächen anzukaufen, als Ausgleich für Landwirte, um andere Flächen für Gewerbe frei zu machen.“ Dieses ist eine interessante Aussage. Warum werden die Tauschflächen nicht interkommunal eingebracht, damit endlich die Verbindungsspange durch Künzell und Petersberg gebaut werden kann, um dort jetzt schon teilweise vorhandene Gewerbepotentialflächen zu erschließen? „Hier gehen Einzelinteressen zu Lasten der Mehrheit.“ Trifft diese Aussage jetzt auf die Stadt Fulda zu? Verantwortliche aus Eichenzell werden die Aussage zu den Tauschflächen mit viel Erstaunen und vielen Fragenzeichen im Kopf lesen. „Von den anderen Bürgermeistern, mit der Ausnahme Eichenzell kommt hier wenig.“ Ich erinnere an den Pressebericht der Fuldaer Zeitung vom 23.09.2017 auf Seite 15 „Wir sind keine Grundstückslieferanten“. Den Bürgermeister von Künzell verschmähen die Landwirte, aber vor dem Oberbürgermeister der Stadt Fulda gehen sie auf die Knie und verkaufen freudestrahlend ihr Land an die Stadt.

Diese Idee ist tatsächlich gut in einem Märchen aufgehoben, aber völlig realitätsfern. Hr. Wulff fordert eine gemeinsame Vermarktungsgesellschaft!? Nochmals, es gibt derzeit nichts zu vermarkten. Wir müssen erstmal einkaufen können, bevor wir verkaufen können. Diese geforderte Gesellschaft existiert außerdem schon unter 4 Kommunen mit dem Vertrag zur interkommunalen Zusammenarbeit bei Gewerbegebieten. Des Weiteren habe ich persönlich nicht den Eindruck, dass irgendein Bürgermeister der Stadtregion mit den anderen nicht zusammenarbeiten könnte oder wollte. Wir verstehen uns gut und das Verhältnis ist offen. Ich möchte nun zum Ende meiner Ausführungen ein paar neue Gedanken in die Diskussion bringen. Die Stadt will wachsen, mehr große Firmen anlocken – warum? Größenwahn? Wir haben nicht genug Gewerbeflächen für unsere eigenen heimischen Firmen, warum sollen wir dann weitere Firmen anlocken wollen? Wer soll in diesen Firmen arbeiten? Wir haben Vollbeschäftigung und alle heimischen Firmen suchen händeringend nach Fachkräften.

Bevor wir neue Firmen ansiedeln, sollten wir erstmal mehr Wohnraum schaffen, um einen Zuzug von Arbeitskräften mit Familien zu ermöglichen. Wo können wir Wohnraum schaffen? Wo können wir neue Hochhäuser bauen und einen zweiten Aschenberg installieren? Die derzeit noch landwirtschaftlich genutzten und von den Vollerwerbslandwirten benötigten Flächen werden nicht an die Kommunen veräußert und somit ist hier schon eine natürliche Bremse vorhanden. Wenn Familien zuziehen, dann benötigen wir mehr Kindergartenplätze und Schulen. Reicht die Infrastruktur mit der aktuellen Straßensituation noch aus? Bekommen wir dann auch eine U-Bahn oder S-Bahn wie in einer richtigen Großstadt? Ist es für uns Fuldaer erstrebenswert in einer Großstadt wie Frankfurt, Offenbach oder Hanau zu wohnen? Für mich jedenfalls nicht. Die Stadt Fulda hatte mal einen Slogan Liebenswert – lebenswert. Diesen findet man auf der Website nicht mehr. Dort steht jetzt „Fulda – Unsere Stadt“.

Mir persönlich hat der alte Slogan besser gefallen, damit konnte man sich gut identifizieren. Unsere Region profitiert seit der Grenzöffnung vor 30 Jahren durch die vorhandenen mittelständischen Strukturen bei unseren Firmen und den mittelständischen Strukturen der Kommunen. Kurze Wege und die Bekanntheit untereinander helfen, auf die sich schnell verändernde Gesellschaft wirkungsvoll und zielgerichtet eingehen zu können. Großkonzerne und Großstadt sind kein Allheilmittel. Die Strukturen in den Stadtrandgemeinden mit Einwohnerzahlen von 10.000 bis 20.000 sind gut händelbar und effizienter als große Verwaltungsapparate.

Davon bin ich absolut überzeugt. Wer von kommunalen Zusammenschlüssen träumt, sollte auch mal Berichte über bereits erfolgte Zusammenschlüsse lesen. Dann wird schnell klar, dass Systeme aus der Wirtschaft nicht auf Kommunen 1:1 übertragbar sind. Bei Fusionen in der Wirtschaftswelt wird ein Konkurrent ausgeschaltet und auch der Verlust einiger Kunden akzeptiert. Bei der Fusion zu einer Großstadt verlieren wir allerdings keine Einwohner und können somit auch keine Effizienzgewinne generieren, ganz im Gegenteil. Der Apparat wird größer und schwerfälliger. Ich höre jetzt auf. Argumente für eine Eigenständigkeit von Künzell habe ich noch nicht aufgeführt, dieses würde auch viel zu lang dauern. Das Zauberwort heißt für mich interkommunale Zusammenarbeit statt Fusion und dieses sehe ich bei den derzeit führenden Köpfen der Stadtregion möglich. Dort wo es Sinn macht, arbeiten wir zusammen. Wir denken nicht in kommunalen Grenzen, zumindest behaupte ich dieses von mir. Wir leben in einer gemeinsamen Region, die den Namen Fulda trägt und ich sehe diese Region nach wie vor als Liebenswert und Lebenswert." (pm/hhb) +++


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