IHK Präsident Dr. Gebhardt mit Professor Dr. Michael Hüther. - Fotos: Martin Engel

FULDA Rede von IHK-Präsident Dr. Gebhardt

"Diejenigen, die unser Sozialsystem finanzieren, dürfen nicht überfordert werden"

18.01.20 - „Stellen Sie sich vor: „Die Arbeitslosenquote in Deutschland liegt bei über 20 Prozent und es gibt keine Jobs mehr“. Dieses Horrorszenario sei kein Bild aus einem apokalyptischen Roman, sondern – wie eine aktuelle Studie des Instituts der Wirtschaft ergeben hätte - würde das tatsächlich ein Drittel der Bundesbürger glauben, begrüßte IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt die Gäste anlässlich des Jahresempfangs der Industrie und Handelskammer.

"Dahinter verbirgt sich ein wachsender Hang zum Pessimismus, der sich auch auf anderen Themenfeldern wie Zuwanderung und Kriminalitätsrate beobachten lässt. Einhergehend mit dem Phänomen des Pessimismus, der übrigens weltweit zu beobachten ist, eine zunehmende Wissenschaftsskepsis. Das Vertrauen in die Forschung sinkt."

Schon habe sich in den USA eine Gruppe von Denkern und Wissenschaftlern, darunter auch Bill Gates, gegründet, um als die „New Optimists“ mit einfachen positiven Botschaften dem Pessimismus den Kampf anzusagen.

"Ob das konjunkturelle Glas nun halb voll ist, wie der Optimist zu sagen pflegt, oder schon halb leer, muss jeder für sich selbst entscheiden. Rückblickend auf das vergangene Jahr hat es in diesem Glas aber mächtig gesprudelt – das heißt es war sehr turbulent", so Dr. Gebhardt weiter.

"Der Brexit stand uns schon lange bevor, und wir hatten uns im März bereits damit abgefunden, dass die Briten die EU verlassen, BMW hatte die Betriebsferien auf der Insel vorsorglich vorverlegt. Aber das Trauerspiel, das dann folgte, schlug dem Fass beinahe den Boden aus – nun hat es Boris Johnson doch noch geschafft. Bleibt zu hoffen, dass die Umsetzung des Brexits und die nun anstehenden Gespräche über eine Handelsvereinbarung reibungsloser verlaufen als die parlamentarische Entscheidungsfindung.

Die Initiative Fridays for future hat uns alle in ihren Bann gezogen. Das vorbildliche Deutschland, das nach dem Atomausstieg auch das Ende des Kohlestroms beschlossen hat, sieht plötzlich ganz alt aus. Die Franzosen erfüllen mit ihren Atomkraftwerken die CO2-Ziele. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht eines der Herzstücke unserer Industrie, die Automobilindustrie, opfern. Keine der aktuellen Krisen ist wirklich gelöst, weder der Handelskonflikt zwischen China und den USA, noch die Flüchtlingsfrage auf europäischer Ebene oder die konkrete Ausgestaltung des Brexits.

Manchmal hat man den Eindruck, dass es hier mehr um das Recht des Stärkeren als um die Stärkung des Rechts geht, worauf die deutsche Exportwirtschaft letztlich angewiesen ist. 

Zum Jahresende zeigten einige Konjunkturindikatoren wieder leicht seitwärts oder zumindest weniger nach unten. Laut KFW-Ifo-Mittelstandsbarometer hat sich die Stimmung in der Wirtschaft wieder leicht aufgehellt. Wir erwarten in wenigen Tagen die Ergebnisse der Konjunkturumfrage unserer IHK. Ich bin schon sehr gespannt darauf. Die konjunkturelle Hängepartie wird wohl auch in 2020 weitergehen. Allerdings sollte man in einigen Branchen, so etwa im Maschinenbau – aufpassen und nach den Worten des VDMA-Präsidenten Carl Martin Welcker – eher nahe am Ausgang tanzen. Der Maschinenbau leidet unter der schwindenden Nachfrage aus der Autoindustrie und der Unsicherheit auf den wichtigen Exportmärkten, Großbritannien, China und den USA.

Große Automobilhersteller und auch Zulieferer wie Continental und Schaeffler haben einen Stellenabbau angekündigt. Diese strukturelle Krise ist auch bereits in unserer Region zu spüren. Die Zahl der Kurzarbeiter steigt auch hier. Trotz der technischen Rezession rechnen sowohl die Experten des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung als auch das DIW damit, dass der Arbeitsmarkt stabil bleibt, letztere sogar mit 150.000 neuen Jobs. Nach 0,5 Prozent Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr rechnet das DIW in diesem Jahr mit 1,2 Prozent Wachstum und im kommenden mit 1,4 Prozent. Auch für die Eurozone werden aufgrund steigender Reallöhne und weiterhin hoher Binnennachfrage ähnliche Werte prognostiziert. Die Weltwirtschaft soll 2020 um 3,1 Prozent wachsen, nach 3 Prozent im vergangenen Jahr.

Und wie das Institut der Deutschen Wirtschaft das neue Jahr einschätzt, werden wir in ein paar Minuten von seinem Chef, Herrn Professor Michael Hüther, hören. Alles in allem kein Grund zur Panik, aber auch kein Grund, die Hände in die Hosentaschen zu stecken.

Lieber Herr Dr. Wingenfeld, lieber Landrat Woide, Politik und Wirtschaft profitieren in der Region Fulda sprichwörtlich von den kurzen Wegen. Dass wir hier alle so erfolgreich an einem Strang ziehen, hat aber nicht nur mit der geringen räumlichen Entfernung der Verwaltungen zu tun, sondern vielmehr mit einem Klima der Offenheit und des Vertrauens. Nur so ist es möglich, in unserer gemeinsamen Wirtschaftsförderungsgesellschaft, der Region Fulda GmbH, wegweisende Projekte wie etwa die Zukunftsstudie oder die Nachwuchskampagne auf die Beine zu stellen. Dafür möchte Ihnen beiden hier ausdrücklich danke sagen.

Und ich freue mich, dass wir im vergangenen Jahr über den neu geschaffenen Beirat der Gesellschaft auch die Hochschule Fulda und das Handwerk mit einbinden konnten. 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn man die aktuellen politischen Entwicklungen und Botschaften ernst nimmt, so sehe ich uns im Wandel von einer Leistungs- zu einer Bürokratiegesellschaft und den halte ich für bedenklich.

Wir müssen aufpassen, dass wir diejenigen, die unser Sozialsystem und Gemeinwohl finanzieren, insbesondere den Mittelstand und die Generation Mitte nicht ständig mit neuen bürokratischen Vorschriften, Hemmnissen, Abgaben und Verordnungen überfordern. Es besteht die Gefahr, dass diese dann langsam die Lust an der Leistungsgesellschaft verlieren.

Wer sind diese Leistungsträger? Es ist die Generation Mitte, das sind die 30– bis 59-jährigen in unserem Land, die 70 Prozent der Erwerbstätigen darstellen und 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte erwirtschaften. Das Allensbacher Institut für Demoskopie befragt diese Generation seit sieben Jahren jährlich zu ihrem Befinden. Wirtschaftlich ging es ihr noch nie so gut wie heute. 59 Prozent sehen ihre Lage positiv, nur 9 Prozent negativ. Im Westen sagen 44 und im Osten gar 46 Prozent der Befragten aus der Generation Mitte, dass es Ihnen besser gehe als vor fünf Jahren. Fast die Hälfte der Befragten glaubt jedoch, dass die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren eher zurückfällt und befürchtet, dass Deutschland bei wichtigen technologischen Entwicklungen den Anschluss verpassen könnte und nennt den Klimawandel als negativen Wirtschaftsfaktor.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir müssen aufpassen, dass es nicht zu einer Spaltung unserer Gesellschaft kommt. Ich meine hier nicht eine Spaltung religiöser oder nationalistischer Art – ich meine die Spaltung zwischen dem Teil der Gesellschaft, der Leistung erbringt und denjenigen, die mehr der Unterstützung bedürfen oder in deren Augen sich Leistung nicht lohnt.

Wir haben die Instrumente, um dieser beginnenden Spaltung entgegen zu wirken. Wir haben eines der fortschrittlichsten Bildungs- und Berufsbildungssysteme mit einer vielfältigen Durchlässigkeit, die es jedem ermöglicht, sein Ziel auch auf Umwegen zu erreichen. Viele Jugendliche haben aber häufig nur das Ziel, zu studieren, ohne darauf zu achten, ob für sie ein Abschluss überhaupt realistisch oder möglich ist oder ob ihr Abschluss dann später auch einmal in der Wirtschaft gebraucht wird.

Studienabbrecher oder Studienbummler, die nur noch wegen der günstigen Krankenversicherung eingeschrieben sind, dürfen kein Tabuthema mehr sein. Wir sprechen mittlerweile ja von den Studienzweiflern als Potenzial für unsere duale Ausbildung. Und ich bin froh, dass wir gemeinsam in einem engen Dialog mit der Hochschule Fulda überlegen, wie wir den Studienzweiflern letztlich auch die Alternative einer Berufsausbildung schmackhaft machen können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, gerade beim Bildungsthema müssen wir alle an einem Strang ziehen und die notwendigen Stellschrauben nachjustieren, mit allen meine ich wirklich alle – Eltern, Großeltern, Unternehmer und Politiker.

Und ich lege hier auch ganz bewusst den Finger in die eigene Wunde. Auch wir, die Unternehmer, müssen den Wandel der Berufsbilder schneller im Sinne der Digitalisierung voranbringen. Und das gilt natürlich auch für unsere Schulen, deren Infrastruktur und insbesondere auch für die digitalen Fähigkeiten der Lehrkräfte und Ausbilder. Denn keine Investition wird sich auf Dauer mehr lohnen, als die Investition in den Rohstoff Bildung. Das gesellschaftliche Ansehen der dualen Berufsausbildung muss wieder gesteigert werden. Es darf nicht sein, dass sich Auszubildende im Vergleich zu Studierenden als Jugendliche zweiter Klasse fühlen.

Mit unserer Nachwuchsoffensive zur überregionalen Anwerbung von Azubis gehen wir hier bereits neue Wege. Und ich danke an dieser Stelle den mittlerweile mehr als 20 Unternehmen, die gemeinsam mit Stadt, Landkreis und IHK quasi in einer echten Public-Private-Partnership diese auf drei Jahre angelegte Nachwuchskampagne der Region Fulda GmbH mitfinanzieren.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die neue Vollversammlung der IHK Fulda hat sich unter anderem drei Schwerpunkte auf die Fahnen geschrieben, neben der Nachwuchsförderung ist das der Bürokratieabbau - und wir wollen Verständnis für das wecken, was Wirtschaft bedeutet. Mittlerweile fragen sich immer mehr kleine und mittlere Unternehmen, ob es sich angesichts der wachsenden bürokratischen Hemmnisse und des sich abzeichnenden Fachkräftemangels überhaupt noch lohnt, sein Unternehmen zu betreiben. Die Unternehmensnachfolge wird daher zunehmend auch in unseren Familienbetrieben ein Thema.

Liebe Unternehmerkolleginnen und -kollegen, aus zahlreichen Gesprächen weiß ich, dass sich die Früchte von Selbständigkeit und Unternehmertum nicht nur in Heller und Pfennig messen lassen. Vielmehr sind es Faktoren wie die unternehmerische Freiheit und Selbstbestimmtheit, ja auch die Vielseitigkeit, die Erfolgserlebnisse, wenn sich ein unternehmerisches Wagnis gelohnt hat, aber auch die Aussicht darauf, dass sich die Beharrlichkeit, mit der wir teilweise Tag und Nacht Ideen und Ziele verwirklichen, auszahlt.

Ein Wirtschaftsstudent hat das mal auf eine einfache Formel gebracht: „Unternehmertum ist, man lebt ein paar Jahre seines Lebens, wie die meisten Menschen es nicht wollen, so dass du den Rest deines Lebens verbringen kannst, wie die meisten Menschen es nicht können.“ Die unternehmerische Freiheit darf nicht durch die wachsende Bürokratie eingeschränkt werden. Damit schaden wir nicht nur der heutigen Wirtschaft. Nein, wir verhindern auch, dass sich unsere Wirtschaft mit Existenzgründern und Betriebsübernehmern erneuert und damit auch weiterentwickelt. Wer wagt schon eine Selbständigkeit mit immer weniger Freiheiten und - wenn es nach einigen politischen Strömungen geht - auch mit immer weniger Ertrag – aber immer mit dem Risiko des Totalverlusts.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich komme zum Schluss meiner Begrüßungsworte und möchte mit meiner ganz persönlichen Wunschliste für das neue Jahr schließen: Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Leistungsbereitschaft nicht von staatlicher Gängelung ausgebremst wird. Ich wünsche mir von unseren Politikern mehr Verständnis für Wirtschaft und Unternehmertum und eine Bürokratie mit Augenmaß. Denn dann macht Unternehmertum auch Spaß.

Nehmen Sie die Nachhaltigkeitsdebatte ernst, tragen Sie zur Versachlichung bei und sehen Sie darin für Ihr Unternehmen, Ihre Produkte und Ihren Markt Zukunftschancen. Nehmen Sie die 4 R-Technology (4 R Technologie) bei jeder Ihrer Entscheidungen mit in den Blick: Reduce, Refuse, Repair und Recycle. Als künftige Präsidentin/künftigen Präsidenten der USA wünsche ich mir eine Person der Aufklärung, gebildet, verlässlich, staatsmännisch und mit ethischen Prinzipien.

Und von den Unternehmerinnen und Unternehmern wünsche ich mir, eine positive Ausstrahlung. Zeigen Sie Optimismus! Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und machen Sie so Lust auf Selbständigkeit! Strahlen Sie Zuversicht und Mut aus oder, um es mit den Worten von Johann Wolfgang von Goethe zu sagen: „Was immer du tun kannst oder wovon du träumst – fange es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie.“ (pm) +++


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