Im dritten Teil der Dorfchronik geht es mit der Nachrkiegszeit weiter. - Fotos: Archiv Gemünden (Felda)

GEMÜNDEN (FELDA) 1.250-jähriges Jubiläum in Nieder-Gemünden

Teil 3: Die Nachkriegsentwicklung des Dorfes Nieder-Gemünden

03.04.20 - Zwischen 1945 und 1949 war in Deutschland die Phase zwischen dem NS-Staat und der Gründung der zwei deutschen Staaten. Es herrschten Not und Elend und der Hungerwinter 1947 ist auch wegen seiner katastrophalen Ernährungslage bekannt. Die Lebensmittelversorgung war schlecht. Bis zum 5. Juni 1946 war es in Amerika verboten, Care-Pakete nach Deutschland zu senden. Dies gehörte u.a. zur Bestrafungsphilosophie der US-Truppen.

Erst ab dem 3. April 1948 griffen die ersten Maßnahmen des Marshallplanes zum Wiederaufbau. Folgende Informationen liefert uns hierzu die Chronik Nieder-Gemündens: „Trostlos sieht es bei uns aus, ganze Völkerwanderungen kommen aus den Städten und vertauschen oft das letzte Hemd, um die notwendigen Lebensmittel zu erhalten. Um das Elend noch zu vergrößern, strömen mit Beginn des Monats Juni 1946 große Scharen heimatvertriebener Deutscher aus den Gebieten jenseits von Oder-Neiße und dem Sudetenland in unser Dorf. All diese unglücklichen Menschen müssen ordnungsgemäß anständig untergebracht werden.“ Soweit die Chronik.

Die politische Grundlage für die Vertreibung aus Polen, der Tschechoslowakei und anderen Ländern war durch das Potsdamer Protokoll der Siegermächte vom 2. August 1945 geschaffen. Hier wurde in Artikel XIII anerkannt: „Die Überführung der deutschen Bevölkerung…, die in diesen Ländern zurückgeblieben war, …nach Deutschland durchgeführt werden muss“.

Vor diesem Hintergrund kommt es auch in Nieder-Gemünden bis 1948 zur Verdoppelung der Einwohnerzahl auf annähernd 1.000 Einwohner. Zum Vergleich: Am 31.12.2000 waren 868 Menschen und am 31.12.2019 654 Menschen in Nieder-Gemünden wohnhaft. Zitat aus der Chronik: „Ein Volk wird demoralisiert bis in die Familie. Sitte und Moral verschwinden vor den Zuständen der Nahrungsversorgung in den oft unerträglichen Wohnraumverhältnissen. Dazu kommt die Einrichtung von Spruchkammern, die innerhalb der Bevölkerung neue Hassgrenzen errichten.“

Politische Entwicklung

Der Chronist kommt zu folgendem Schluss: „Rückblickend auf die Jahre 1945 bis 1948 darf gesagt werden, dass es für die Mehrzahl des Deutschen Volkes Jahre von großem Elend waren, die durchschritten werden mussten…. Und wenn wir uns fragen, wieso der Wechsel in der Politik der Alliierten uns gegenüber eingetreten ist, so können wir im Augenblick festhalten, dass es für unser Volk von großem Vorteil war. Ob das weiterhin der Fall sein wird, mag dahingestellt sein“. Und in diesem Umfeld - Zitat: „Musste auf alliierten Befehl gewählt werden. Unsere Gemeinde wählte also in „freier“ und geheimer Wahl zum ersten Male nach dem Zusammenbruch am 2o. Januar 1946 seine Gemeindevertreter, den Gemeinderat.“ Zuvor stellte der Chronist fest: „Liest man in der Demokratie die Wahlordnungen durch, so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass alles andere da ist, nur keine Freiheit und demokratische Gleichheit.“ Aus heutiger Sicht kann man sagen, die Demokratie machte sich auf, um eine Demokratie zu werden. Einfach hatte sie es dabei nicht.

Bis im Frühjahr 1946 war Otto Herbst Bürgermeister. Der Kaufmann Karl Becker war der erste Bürgermeister, der durch den Gemeinderat gewählt wurde - nach zweijähriger Amtszeit löste 1948 Adolf Fuchs ihn ab. Ab 1950 war dann Bürgermeister Wittich im Amt. Dieser wurde durch Friedrich Wilhelm Schäfer Anfang der fünfziger Jahre abgelöst. Mit Friedrich Wilhelm Schäfer erhielt Nieder-Gemünden einen Bürgermeister, dem die Bürger Nieder-Gemündens viel zu verdanken haben und auch heute noch davon partizipieren. Im November 1968 wurde er zum fünften Mal wiedergewählt.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Unter Bürgermeister Schäfer nahm Nieder-Gemünden einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung, Firmengründungen fanden statt, der Schulneubau fiel in diese Ära, das Vereinsleben und die Feuerwehr wurden von ihm maßgeblich positiv begleitet, die Infrastrukturentwicklung  (Wasserversorgung, Straßenausbau), die Ausweisung von Neubaugebieten sind wesentliche Ergebnisse seines Tuns. Für die Jugend hatte er ein offenes Ohr - bereits 1953 hatte Nieder-Gemünden ein Jugendparlament. Es tagte zum ersten Mal im März 1953 und beschäftigte sich mit dem Thema: „Was muss der angehende Staatsbürger von einer Partei wissen“. Der Jugendbürgermeister war Herbert Trumpler.

Für die Burschenschaft „Edelweiß“ war Bürgermeister Schäfer ein guter Ansprechpartner, er hatte maßgeblichen Einfluss, dass auch heute noch die Burschenschaft die Kirmes abhält. Nach Jahren der Saalkirmes folgte ab den 1970 er Jahren die jährliche Zeltkirmes. Als erster Bürgermeister der Gemeinde Gemünden (Felda)  ist Friedrich Wilhelm Schäfer ebenso in die Geschichte eingegangen. Er war auch über den Ort Nieder-Gemündens hinaus wirkend. Heute noch ist er als exzellenter Politiker, bodenständiger Netzwerker und brillanter Redner in Erinnerung.

In die Amtszeit Bürgermeister Schäfers fiel auch die Genehmigung zum Führen einer Flagge. Mit Verleihungsurkunde vom 7. Oktober 1959 wurde Nieder-Gemünden durch den hessischen Innenminister die Genehmigung zur Führung einer Flagge erteilt. Die Originalflaggenbeschreibung ist: „Auf der breiten weißen Mittelbahn des rot-weiß-roten Flaggentuches das Gemeindewappen“. Zuvor war 1958 Nieder-Gemünden das Wappen verliehen worden. Der Ausführung liegt das Wappen des alten Ziegenhainer Grafengeschlechtes -der Ziegenadler- zugrunde, dem einstmals Nieder-Gemünden als Lehen gehörte.

Wirtschaftliche Entwicklung

Während der Chronist Karl Erb 1953 von einer einigermaßen ertragreichen Bodenbearbeitung berichtet, werden 657 Hektar von über 30 Milchbauern bewirtschaftet: Wie sehr sich dies verändert hat wird deutlich, noch aufgrund der Volkszählung 1987 verdienten 20 Personen ihren Lebensunterhalt in Nieder-Gemünden mit der Landwirtschaft, in 2020 werden in einem einzigen landwirtschaftlichen Betrieb noch Milchkühe gehalten. Untermauert wird die landwirtschaftliche Bedeutung Nieder-Gemündens auch durch das Abhalten des Kreiserntedankfestes am 6. Oktober 1957. Brot wurde von den meisten bäuerlichen Familien in den beiden Backhäusern gebacken. 

Mit der landwirtschaftlichen Entwicklung Nieder-Gemündens ist in einem Zug die Molkerei zu nennen. Sie hat in Nieder-Gemünden exakt 100 Jahre Geschichte geschrieben. Sie wurde 1891 von 23 Landwirten als Genossenschaftsdampfmolkerei für 50.000 Mark gegründet. Folgende Milchprodukte wurden hergestellt: Saure Sahne, Buttermilch, Schichtkäse, Speisequark, Handkäse, Sauermilchquark und Joghurt. In 1991 wurde der Betrieb in den Gebäuden vollständig eingestellt. Doch auch heute sind noch einige Firmen in der Gemeinde ansässig - beispielsweise die Firma Seipp und Kehl GmbH. Sie ist im Maschinenbau, in der Luft- und Raumfahrt sowie im KFZ-Zulieferbereich tätig. Mit ca. 80 Arbeitsplätzen, davon aktuell 11 Ausbildungsplätzen stellt das Unternehmen unter der Geschäftsführerschaft von Marc Schneider einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor, der weit über die Grenzen unserer Heimat bekannt ist, dar.

Auch Gastwirtschaften finden in Nieder-Gemünden seien Platz. Es ist überliefert, dass Nieder-Gemünden im Jahre 1953 fünf Gastwirtschaften hatte. Wir erinnern uns an dieser Stelle an Pfarrer Münch, der das Trinkverhalten der Nieder-Gemündener bereits 1804 in den öffentlichen „Brandweinhäusern“ brandmarkte. In anderen Quellen wird auch auf einen „Eiskeller“ verwiesen, dieser befand sich im Bereich des Anwesens Fischer (Schüßler) in der Hohlstraße und spielte im Mittelalter für die Versorgung der Fuhrleute auf dem Weg zur „Abspann“ eine große Rolle. In diesem Anwesen war auch das Gasthaus Bünding, in dem 1756 die Kircheneinweihung gefeiert wurde. Der Volksmund kennt auch heute noch das „Alte Brauhaus“, es handelt sich dabei um das Anwesen Rathausgasse 2. Von den Gasthäusern sind auch in diesen Tagen den Nieder-Gemündenern noch einige in Erinnerung, wobei das „Ratswirtshaus“ die heutige Gaststätte „Holzwurm“ beherbergt. Interessanterweise ist dieses Haus ursprünglich in Burg-Gemünden errichtet worden und wurde dann nach Nieder-Gemünden verbracht und in 1811 als „Ratswirtshaus“ neu aufgebaut.

Ein großer Höhepunkt

In Highlight im Dorf war das Feiern des 1200-jährigen Bestehens der selbständigen Gemeinde in 1970. Die Zeitungen von damals: „Der Ort hatte sein Festtagskleid angelegt. Tausende von Zuschauern sahen einen hervorragenden Abschluss von festlichen Veranstaltungen. Nieder-Gemünden bewahrt sich gutnachbarlicher Gemeinschaftsgeist. Der Festzug selbst übertraf alle Erwartungen“.

Und dann kam der 23. Dezember 1971. Dieser Tag geht als historischer Tag in die Geschichte ein. An diesem Tag nach Jahrhunderten dörflicher Eigenständigkeit und kommunaler Selbständigkeit wird im Rahmen der hessischen Gebietsreform  die Gemeinde Gemünden/Felda aus sieben Dörfern aus der Taufe gehoben. Noch im Sommer des gleichen Jahres war zu lesen, “Sechs Gemeinden schließen sich zu Nieder-Gemünden zusammen“, AAZ vom 9. August 1971. Gemünden (Felda) entstand nach vielerlei Diskussionen letztendlich auf dem Grenzänderungsvertrag vom Oktober 1971, dieser ist im Archiv der Gemeinde Gemünden hinterlegt. Aus der vom 22. Dezember 1971 datierten und von Innenminister Bielefeld  unterzeichneten Urkunde verlas Landrat Kratz in der Gaststätte Decher am 23. Dezember 1971 die Worte: „Was hinter uns liegt ist vorbei, was kommt ist wichtig. Denken wir immer daran, dass wir mit Stolz auf unsere schmucken Dörfer blicken können. “ (Bernd Reitz) +++


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