Die Anfänge der Pestalozzi-Schule in Nieder-Gemünden. - Fotos: Gemeindearchiv Gemünden (Felda)

GEMÜNDEN (FELDA) 1.250-jähriges Jubiläum in Nieder-Gemünden

Teil 4: Schule und Kindergarten im Wandel der Jahrhunderte

08.07.20 - Für die 650 Einwohner im ländlichen Nieder-Gemünden ist das Jahr 2020 ein ganz besonderes: ihr Dorf feiert 1.250-jähriges Jubiläum. Ein Jubiläum bringt meist auch eine Festschrift mit sich - worauf das Komitee dieses Mal jedoch verzichtet. Im Fokus soll stattdessen ein mehrteiliger Auszug aus der Geschichte und der Gegenwart des Dorfes stehen. "Diese werden dann im Laufe des Jahres veröffentlicht", erklärt Bernd Reitz, der bereits fleißig am Schreiben ist. Im vierten Teil widmet er sich der Entwicklung von Kindergarten und Schule in Nieder-Gemünden.

Genaue Angaben über die Anfänge eines geordneten Schulwesens in Nieder-Gemünden fehlen. Dennoch ist festzustellen, dass die Schule in Nieder-Gemünden zu den ältesten Schulen des Altkreises Alsfeld gehört. Bereits 1532 sollen Lehrer in Nieder-Gemünden tätig gewesen sein, worauf Heberegister hinweisen. Mit Sicherheit ist ab 1595 ein Schulbetrieb feststellbar. Historische Quellen, insbesondere eine Arbeit von Lehrer Georg Kemmer, verweisen auf einen Lehrer Hans Koch in 1633.

Als außerordentlicher Hinweis und heute völlig unvorstellbar ist, dass Schule und Lehrer selbstverständlich bezahlt werden mussten: Das in die "Schuleschicken" musste in bar oder in Sachwerten z. B. Holz und/oder Eier bezahlt werden. Dazu die Chronik: "Und dieweil…. Die Schulmeister sich beklagen, dass ihnen des Winters von den Kindern nicht, wie geschehen solt, Holtz in die Schul gebracht…. Oder aber auch das Holtz dem Herkommen nachgeliefert werden sollte." Für die "armen Leute" wurde in 1724 in Nieder-Gemünden eine sogenannte Freischule gegründet, die sowohl im Sommer als auch im Winter besucht wurde. Das Schulgeld fiel damit weg, der Schulmeister musste aus dem Gemeindesäckel besoldet werden. Die sehr geringe Vergütung bestand in der Hauptsache aus Naturalien (Schulhafer, Schulkorn) und einem kleinen Geldbetrag, der ausgezahlt wurde. Kleine Nebenverdienste wie Glöcknerdienst, Vorsänger- oder Kantoren- und schließlich Organistendienst besserten das spärliche Gehalt auf. Im Jahr 1800 führte Nieder-Gemünden die Lernmittelfreiheit ein, für arme Kinder zahlte jeweils die Gemeinde und die Kirche die Hälfte der Schulkosten.

Richtfest der Pestalozzi-Schule

Wo jedoch befand sich das Schulhaus?

Dazu gibt es erst seit 1857 gesicherte Erkenntnisse. Ein altes Schulhäuschen hat demzufolge unterhalb des jetzigen Rathauses der Gemeinde Gemünden gestanden. Es muss auf dem Grundstück in der Brunnengasse gestanden haben. Die Informationen aus 1857 geben folgende Aussagen: "Das alte Schulhäuschen hatte gar kleine Fensterchen, erblindete Scheiben und ein Strohdach. In seinem Innern waren zwei kleine Stuben und ein Kämmerchen".

Das Leben selbst war nicht mit dem von heute zu vergleichen, die Zeit war sehr arm, in einer Chronik berichtet Pfarrer Lotz "noch vor 50 Jahren, also um das Jahr 1800, galt Nieder-Gemünden für ein sehr armes Dorf. Ältere Leute erzählten, es seien früher fast nur kleine, einstöckige Hütten mit Strohdächern und kleinen Fenstern vorhanden gewesen. Auch seien die Leute ganz ärmlich einhergegangen. Die meisten Frauen barfuß in zerlumpten Röcken. Die Menschen waren von ihren kleinen Landwirtschaften abhängig und haben mit Mangel und Not zu kämpfen".

Die Schule war für lange Jahre (bis 1964) in dem Gebäude des heutigen Rathauses (erbaut 1814) untergebracht. Dieses Gebäude wurde 1936 umgebaut, von da an war unter anderem die Scheune des Schulleiters ein Schulsaal.

Als 1946 die Bevölkerung durch den Zuzug von Heimatvertriebenen um die Hälfte anwuchs, entschloss man sich, die Scheune des ehemaligen "Blößerschen Anwesens" in der Eckengasse (heutige Brunnengasse, im Volksmund das "Braune Haus") umzubauen. In 1949 wurde dort zugleich eine Lehrerwohnung eingerichtet. Damit war dieser Schulsaal ca. 200 Meter von dem eigentlichen Schulgebäude entfernt. In dem Anwesen wurden auch täglich die frischgekochten Mahlzeiten für die "Schulspeisungen" vorgenommen.

Das Braune-Haus

Schulreformen

Die ständig ansteigenden Anforderungen an das Wissen und Können heranwachsender Generationen führten in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zu weitgehenden Schulreformen - dies auch in baulicher Hinsicht. So ist unter "Schulsorgen in Nieder-Gemünden" am 23.10. 1959 im Alsfelder Kreisanzeiger Folgendes zu lesen: "Eine eingehende Aussprache fand über den geplanten Schulhausneubau statt. In die engere Wahl waren der Platz am Wiesenweg unmittelbar an der Burg-Gemündener Straße und das große gemeindeeigene Gelände am Kammberg gezogen worden, Exkurs: andere Quellen verweisen auf das jetzige Grundstück von Karl und Arno Schmitt im Ruhweg. Der Platz am Kammberg wurde übereinstimmend als der zweckmäßigere erachtet." Gleichzeitig gerieten die Verhandlungen zur Frage der Realisierung einer Mittelpunktschule in Nieder-Gemünden ins Stocken. Der Besuch eines "Regierungsassessors" war in diesem Zusammenhang ein "Reinfall", so die Chronik.

Die bis dahin genutzten Schulräume platzten aus allen Nähten, in 1960 wurden in der Unterstufe (bis 4. Schuljahr) 42 Schüler und in der Oberstufe (bis 8. Schuljahr) 62 Nieder-Gemündener Kinder unterrichtet, dies sollte bis 1965 auf 142 ansteigen. Schon an Ostern wurde in Folge des Schulraummangels im Schichtdienst unterrichtet - dies ist heute nicht vorstellbar. Außerdem war landesweit die Einrichtung eines 9. Schuljahres vorgesehen, bis dahin endete die allgemeine Schulpflicht mit Absolvierung der 8. Klasse.

Im Wissen um diese Herausforderungen beschlossen die Gemeindevertreter Nieder-Gemündens im Oktober/November 1959 im Alleingang ein neues Schulgebäude zu errichten. Da dafür die Mittel aus der sogenannten Mittelpunktschulförderung eher spärlich erwartet wurden, beschloss das Parlament zur Finanzierung die Abholzung eines schlagreifen Fichtenbestandes in der Gemarkung  "Auf dem Strauch". Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Von oberen Behörden wurde zum Einen der Holzeinschlag wegen  u.a. eines fehlenden Finanzkonzeptes für den Schulneubau untersagt, zum Anderen machten die Pläne für eine Mittelpunktschule in Nieder-Gemünden Fortschritte: Dazu der "Aufmacher" im Alsfelder Kreisanzeiger vom 18.2. 1960: "Schulzentrum für Nieder-Gemünden in Sicht".

Bereits am 1.3. 1960 ist nach einem Treffen beim Regierungspräsidenten in Darmstadt (das Regierungspräsidium Gießen wurde erst später geschaffen) zu lesen: "Regierungsassessor Kerner betonte, die Fortschritte der Wissenschaft, der Industrialisierung und Technisierung verlange von der Landschule ein breites Bildungsniveau. Dies sei nur durch zentral zusammengefasste Mittelpunktschulen möglich. Als Beispiel führte er die guten Schulverhältnisse der nordischen und östlichen Länder an, die unseren um Jahrzehnte voraus seien. ….. versicherte die Regierungskommission Bürgermeister Schäfer die Verwirklichung des bereits in der Planung befindlichen Mittelschulbauprojektes zu. …. Auch dann, wenn die angesprochenen Gemeinden ihre bisherige ablehnende Haltung beibehalten sollten."

Der Bau beginnt

Das heutige Kollegiumsfoto

Am 6. Juni 1961 informierte Bürgermeister Schäfer die gemeindlichen Gremien, das Raumordnungsprogramm für den ersten Bauabschnitt der Schule und damit auch die Genehmigung der Landesregierung für den Schulneubau würden vorliegen. Welch ein Meilenstein für das Schulwesen in Nieder-Gemünden. Bereits am 31. August in 1961 lagen die Pläne für die modernste Schule des Kreises Alsfeld fix und fertig vor. Nieder-Gemünden wartete auf die Baugenehmigung der Pläne von Architekten Helmut Büchner. Gebaut werden sollte in zwei Bauabschnitten, die ursprünglichen Baukosten lagen bei 730.000,00 DM. Bürgermeister Schäfer meinte jedoch: "Diese Summe ist viel zu hoch, der Kubikmeter umbauten Raumes sei mit 120 DM viel zu hoch angelegt". Nachdem in der Dezembersitzung der Gemeindevertreter über die Zusage eines Landeszuschusses von 400.000 DM informiert wurde, war mit Baubeginn 1962 zu rechnen. Der Baubeginn und die Realisierung liefen voll im Plan, sodass am 3. Oktober 1964 die erste ländliche Mittelpunktschule mit ihrem 1. Bauabschnitt ihrer Bestimmung übergeben werden konnte. Dem Schulverband gehörten die Gemeinden Bleidenrod, Hainbach, Nieder-Gemünden, Otterbach und Rülfenrod an. Der 12. Oktober 1968 war für den Schulverband ein ebenso denkwürdiger Tag; die Fertigstellung des 2. Bauabschnitts, der mit der Errichtung der Turnhalle seinen Abschuss fand, wurde in einem würdigen Rahmen gefeiert.

In Anlehnung an den Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746 bis 1827) erhielt die Mittelpunktschule in dieser Feier auch ihren Namen. Bürgermeister Schäfer ist mit folgenden Worten aus dieser Feier zu zitieren: "Möge der Geist des Namensträgers dieser Schule zum Nutzen und zum Segen aller, die an ihr zukünftig wirken und in ihr (der Pestalozzi-Schule) zukünftig das erforderliche Wissen für ihr Leben erhalten, erfüllen." Zu dieser Zeit war die Schule für 250 Schüler ausgelegt worden, es unterrichteten neun pädagogische und drei technische Lehrkräfte sowie zwei Pfarrer. Ein Schulgarten war ebenso angelegt worden.

Das vom hessischen Landtag 1969 verabschiedete Schulverwaltungsgesetz löste die Schulverbände weitgehend auf und übertrug die Schulträgerschaft auf die Landkreise, wobei sich wiederum ein weiterer Trend zur Konzentration abzeichnet. Seit 1969 gingen zum ersten Mal als Ergebnis des Schulverwaltungsgesetz Nieder-Gemündener Kinder (Geburtsjahrgang 1959) ab dem 5. Schuljahr in die Ohmtalschule Homberg und besuchten dort die neu eingeführte Förderstufe. Ein weiteres Ergebnis des damals beschlossenen Kreisschulentwicklungsplanes war, auch Burg-Gemündener, Ehringshäuser und Elpenröder Kinder besuchen die Grundschule in Nieder-Gemünden. Darüber hinaus war in Nieder-Gemünden bis vor wenigen Jahren eine der Förderschulen des Vogelsbergkreises.

In 2020 werden in der Grundschule in Nieder-Gemünden 88 Schülerinnen und Schüler von 8 Lehrkräften unterrichtet - dies in 5 Klassen..

Kindergarten "Siebenstein"

Anfänge eines Kindergartens in Nieder-Gemünden gab es bereits während des 2. Weltkrieges, die Räume waren im sogenannten "Braunen Haus" in der Eckengasse, der heutigen Brunnengasse. Unmittelbar nach Kriegsende verlieren sich jedoch die Spuren eines Kindergartens.

Der Kindergarten "Siebenstein

Zitat aus dem Alsfelder Kreisanzeiger vom 23.7. 1959: "Vor und während des Krieges war in Nieder-Gemünden eine der sozialsten Einrichtungen des Dorfes, ein Kindergarten vorhanden. Es nimmt daher nicht wunder, dass der Gemeindeverwaltung aus allen Bevölkerungsschichten und ganz besonders von den bäuerlichen Familien mit kleinen Kindern, immer wieder der Wunsch nach Wiedereinführung eines Kindergartens vorgetragen wurde. Da allerdings die Finanzierungsfrage nicht zu lösen war, wird wenigstens ein Kinderspielplatz geschaffen". Bereits im September 1959 wurde dieser feierlich eröffnet, er befand sich auf dem heutigen Kirmeszeltplatz.

Der Kindergarten Siebenstein der Gemeinde Gemünden hat seinen Standort in Nieder-Gemünden, da er jedoch erst am 9.10. 1977 eingeweiht wurde hatte die selbständige Gemeinde Nieder-Gemünden kein eigenes Kindergartengebäude. Kinder von Nieder-Gemünden besuchten in den 70 er Jahren den Kindergarten von Homberg/Ohm.

In 2020 gehen 24 Kinder aus Nieder-Gemünden in die Kindertagesstätte. In der Kindertagesstätte Siebenstein werden 89 Kinder in 5 Gruppen, davon eine Krippengruppe (1 und 2-jährige Kinder) betreut, Nicole Schlosser hat die stellvertretende Leitungsfunktion inne, unterstützt wird sie dabei von dreizehn weiteren Erzieherinnen und einem Erzieher, drei Praktikantinnen, einer Köchin, einem Busfahrer und zwei Reinigungskräften. Neben den Gruppenräumen gibt es einen Turnraum mit Bewegungsbaustelle.

Die kommunalen Gremien sind derzeit mit der Frage einer Modernisierung und Erweiterung beschäftigt. Im Zusammenhang mit dem Ausweis eines neuen Baugebietes zwischen den zusammenwachsenden Ortsteilen Burg- und Nieder-Gemünden ist eine modern aufgestellte Kindertagesstätte ein Standortvorteil für junge Familien, Arbeitsplätze und Unternehmen. (pm) +++


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