Die Brüder Philip (links) und Tim Ommert sind Dachdecker mit Leib und Seele. - Fotos: Carina Jirsch

KALBACH Hat Handwerk noch goldenen Boden?

Beste Werbung für die Zunft: Die Ommert-Brothers steigen einem aufs Dach

14.09.20 - Die beiden Brüder Philip und Tim Ommert aus Kalbach (24 und 20 Jahre alt) posieren vor der O|N-Kamera auf dem Dach der Tankstelle Jahn im Ortsteil Mittelkalbach, wo neue Metallplatten mit Dämmung verlegt werden, wie zwei professionelle Models für die Fachzeitschrift "Handwerk-Magazin". Als wollten sie sagen: "Hey, ihr jungen Leute, Dachdecker ist unser Traumberuf." Die Wahrheit aber ist: Beide sind tatsächlich Dachdecker und brennen für ihren Beruf. Aber hat das Handwerk eigentlich noch goldenen Boden?

Die Kreishandwerkerschaft Fulda listet auf ihrer Homepage 37 Betriebe in der Dachdecker-Innung auf, die sich von Nentershausen, Heringen, Bad Hersfeld und Niederaula (Kreis Hersfeld-Rotenburg) über Hünfeld, das Oberzentrum Fulda, inklusive Rhön-Gemeinden wie zum Beispiel Tann, bis hin nach Flieden erstrecken (allesamt Kreis Fulda). 13 junge Leute haben an der diesjährigen Azubi-Prüfung teilgenommen. Einer davon ist durchgefallen, und von den zwölf Bestandenen bleiben nur drei dem Beruf erhalten. Alle anderen wechseln in die Industrie, ins Beamtentum, sonst wohin oder gehen studieren.

Philip Ommert war im vergangenen Jahr einer der Innungsbesten. Sein jüngerer Bruder Tim überragte in diesem Sommer alle anderen mit 17 Einsen in 17 Prüfungen und einer Gesamtnote von 1,0. "Da bin ich ganz stolz drauf", sagt Lukas Auth, der Geschäftsführer des Dachdecker-Betriebs in Kalbach-Veitsteinbach, der auch Putz- und Malerarbeiten erledigt, 14 Mitarbeiter beschäftigt, darunter auch die Ommert-Brüder – "die sich gegenseitig immer wieder anstacheln. Beide haben sehr früh angefangen, Verantwortung zu übernehmen, und sowas zahlt sich aus."

Dennoch sei die Entwicklung im Handwerk allgemein eher schlecht, meint Lukas Auth. Durch die Digitalisierung im Alltag sieht er die junge Generation zunehmend verflacht. "Die Wenigsten haben noch Lust, einen Handwerksberuf zu ergreifen. Das ist vielen viel zu anstrengend. Als ich das vor 20 Jahren gelernt habe, waren die Prüfungen deutlich schwerer. Heute hat man das Niveau bewusst gesenkt, damit man überhaupt noch Azubis bekommt."

Lukas Auth (Foto) führt zusammen mit ...

Was paradox ist, denn der Anspruch an den Beruf des Dachdeckers – und überhaupt an Handwerksberufe – hat sich sogar erhöht. Lukas Auth: "Seit dem Jahr 2000 gab es 15.000 neue Bauvorschriften. Zum Beispiel, was die Energetik betrifft. Das ist eine Bürokratie, die uns erdrückt." Momentan sei die Auftragslage noch recht gut, aber viele kleine Betriebe könnten sich auf Dauer kaum über Wasser halten, weil der zeitliche und finanzielle Aufwand für diese Bürokratie Ressourcen verbraucht, die auf dem Dach benötigt und auch in Rechnung gestellt werden können. Und sein Bruder und Dachdeckermeister Markus Auth ergänzt: "Auch werden die Materialkosten immer teurer. Als wir uns vor elf Jahren selbständig gemacht haben, hat ein normales Dach vielleicht 35.000 Euro gekostet. Heute das Doppelte. Welcher Hausbesitzer – zurzeit vielleicht sogar noch in Kurzarbeit – kann sich das leisten?"

Dass die Auszubildenden darüber hinaus tariflich unterbezahlt sind, wie Lukas Auth findet (das Gehalt steigert sich vom ersten bis zum dritten Ausbildungsjahr von etwa 600 auf 1.000 Euro netto), scheint die Ommert-Brüder aber kalt zu lassen. "Wir kommen aus der Landwirtschaft", sagt Tim, "und da hat es immer geheißen: Bevor du studierst, machst du erst einmal eine richtige Ausbildung." Nun, Studieren ist für den leidenschaftlichen ausgelernten Dachdecker längst kein Thema mehr. Und Bruder Philip bemerkt: "Vielleicht rührt der schlechte Ruf des Handwerks auch daher, dass wir manchmal schmutzig rumlaufen. Aber erstens sind wir keine Banker. Und zweitens spare ich oben auf dem Dach die Kosten für das Fitness-Studio und das Solarium." (Matthias Witzel) +++

 

 


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