Stalking-Opfer können sich wehren - - Foto: pixabay

BAD HERSFELD Verfolgt auf Schritt und Tritt

Stalking-Opfer psychisch verletzt - Anzeige bei Staatsanwaltschaft war Erlösung

Unter Stalking versteht man wiederholtes Verfolgen, Nachstellen, Belästigen, Bedrohen und Terrorisieren einer Person gegen deren ausdrücklichen Willen bis hin zu körperlicher und psychischer Gewalt. Stalking kann jeden treffen. Betroffen sind Menschen jeden Alters, jeder Berufs- und Einkommensgruppe, jeder Religion und Nationalität. Gestalkt werden Frauen und Männer, wobei Frauen überdurchschnittlich betroffen sind. Sie machen rund 80 Prozent der Opfer aus. Die meisten Stalker sind ehemalige Beziehungspartner, aber auch Freunde, Arbeitskollegen, Familienmitglieder oder flüchtige Bekannte. In rund zwei Dritteln der Fälle kennen die Betroffenen die stalkende Person (Quelle: swrfernsehen/marktcheck/stalking).

14.09.20 - Ein lockeres "Techtelmechtel", das gerade mal vier Wochen dauerte, endete mit einer Anklage der jungen Frau wegen des Verdachts der Nachstellung seitens des Mannes, einen heute 34 Jahre alten Hersfelder. Während er mehr als eine sexuelle Beziehung mit seiner "Affäre" wollte, obwohl er zeitgleich eine feste Freundin hatte, wollte Nina C.(Name geändert) mit diesem Wissen nichts mehr mit dem Mann zu tun haben, was sie ihm gegenüber klar und deutlich kommunizierte. Der Stalker, wie Nina C. ihn im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS nennt, ließ nicht locker. Im Herbst und Winter 2017/18 verfolgte er die junge Frau fast vier Monate lang wöchentlich mehrfach gegen ihren ausdrücklichen Willen, suchte sie auf und passte sie ab.  "Der Startschuss für das Stalking waren 90 Anrufe auf meinem Mobiltelefon innerhalb von fünf Stunden", erklärt Nina C., die  inzwischen unbekannt verzogen ist und keinerlei Kontakte mehr nach Bad Hersfeld hat, was damit begann, dass sie in der Zeit, in der sie auf Schritt und Tritt verfolgt wurde, kaum noch das Haus verlassen konnte, sich isoliert und keine privaten Gespräche mehr geführt hat, sich aber auch einige Freunde von ihr abgewandt haben. "Es war eine schlimme Zeit für mich", erinnert sich die 31-Jährige an bedrohliche Situationen.

Einige Beispiele: Während eines Frühjahrsputzes in ihrem Elternhaus stand für einen kurzen Augenblick die Haustüre einen Spalt offen. Diesen Moment nutzte der Stalker, sich Zugang zu verschaffen. Sie hörte Schritte in ihrem Zimmer und entdeckte dort den Stalker, dem sie das gewünschte Gespräch verweigerte. Er rastete danach völlig aus, verschüttete das Putzwasser auf dem Boden und klatschte es an Wände und Möbel. Nina C. rief die Polizei. Es folgten weitere ungebetene Besuche im Elternhaus, auch in der Bad Hersfelder Stadtbibliothek, wo die Studentin lernte, tauchte er unvermittelt auf und legte Geschenke auf den Tisch. Es sollte noch schlimmer kommen, denn auch in der Seniorenresidenz, in der Nina C. ihre Oma besuchte, machte er sein Opfer ausfindig.

Sogar im Wald lauerte er ihr auf

Nicht nur ihre Schwester wurde von dem Stalker an der Haustüre belästigt, sondern auch eine Freundin in Kassel. Obwohl er vermeintlich weder ihren Namen noch die Adresse kannte, stand er vor deren Tür in der Hoffnung, Nina C. dort anzutreffen. An einem anderen Tag stieg er "zufällig" in den Zug ein, in dem die Studentin von ihrem Studienort aus nachhause fahren wollte. Auch im Wald, Nina C. führte den Hund aus, lauerte der Stalker ihr auf. Sogar bei einem Kurzurlaub in Rom will sie auf einem belebten Platz ihren Namen laut und deutlich gehört haben.  

Die Liste ließe sich weiter vervollständigen, zu den insgesamt 36 Anklagepunkten gehört außerdem der Vorwurf der körperlichen Misshandlung, denn tatsächlich wurde die Betroffene in einem Bad Hersfelder Café von dem Stalker mit einem heftigen Schlag auf den Kopf angegriffen. Sie wehrte sich mit Pfefferspray, damit er von ihr ablässt, was ihr eine Anzeige seitens des Stalkers einbrachte. "Immer wieder ist er mit dem Auto in meinem Umfeld wie ein Adler umher gekreist oder hat mich mit dem Auto verfolgt", erinnert sich Nina C., die längst ein Kontaktverbot erwirkt hatte. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Beschluss nach dem Gewaltschutzgesetz, der dem Stalker untersagt, sich der Betroffenen zu nähern. Nach der vierten zivilrechtlichen Gerichtsverhandlung wurde diese nicht verlängert, weil dem Stalker nichts mehr nachzuweisen war.

"Er kontrollierte mein Handy"

Der Stalker nutzte außerdem mehrfach die Gelegenheit, das Handy von Nina C. zu kontrollieren, während er sich im Bad in ihrem Elternhaus einschloss oder im Austausch ein anderes Handy auf ihren Schreibtisch legte, sie im Gegenzug ihr eigenes später völlig demoliert im Briefkasten fand. Mit einem funkelnagelneuen Handy, das Nina C. aus der Not heraus von dem Stalker annahm, und einem Entschuldigungsbrief sollten diese Vorfälle beendet sein, aber das Handy wurde vorab gehackt. Die Textnachrichten wurden als gelesen angezeigt, beim Telefonieren störten Geräusche im Hintergrund. Letztendlich warf sie das Handy weg.

"Ich war fast jede Woche bei der Polizei", schildert Nina C., die als Betroffene Stalking angezeigt hat, aber aushalten musste, ausgelacht zu werden. Beim ersten abgesetzten Notruf kam der Einsatzwagen zwei Stunden später. Erst als sie die Staatsanwaltschaft angerufen und Anzeige erstattet hat, war der Spuk schlagartig vorbei. "Es war eine Erlösung", versichert das Stalking-Opfer, das im Oktober und letzte Woche zu den angesetzten Verhandlungen im Amtsgericht Bad Hersfeld angereist ist, um auszusagen. Beide Male erschien der Angeklagte nicht, beim zweiten Termin machte er mutmaßlich Urlaub mit seiner Freundin in der Türkei. Sein Einspruch gegen den Strafbefehl wurde verworfen. Er wurde zu einer Geldstrafe von 2.400 Euro verurteilt.

Obwohl Nina C. bedauert, dass sie vor Gericht nicht gehört wurde, ist die Verurteilung eine gute Nachricht für sie. "Er ist jetzt vorbestraft. Wenn er sich was zuschulden kommen lässt, wandert er ins Gefängnis", dient ihr als Hoffnung auf ein freies Leben nach dem Stalking, das sie nunmehr seit drei Jahren beschäftigt und sie psychisch verletzt hat. Aber noch immer fragt der Stalker nach ihr bei ehemaligen Bekannten und klammert sich an jeden Strohhalm, um an Informationen zu gelangen. Jeden Tag muss sie sich hinterfragen, was und wo sie welche Informationen von sich preisgeben kann. Auch das Kennenlernen eines festen Partners ist aufgrund der Stalking-Erfahrungen belastet. Dennoch: Nina C. hat in ihrer Situation vieles richtig gemacht und möchte mit dem Schritt in die Öffentlichkeit anderen Stalking-Opfern Mut machen, sich zu wehren.
(red) +++   


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