Das ist die Geschichte einer jungen Frau, die im Frühling dieses verrückten Jahres wegen Corona in Spanien festsaß. - Fotos privat

REGION / EUROPA Corona macht mobil

Lilli Neumeister: "Abenteuerlicher Rad- und Roadtrip von Spanien nach Hause"

Zur PersonLilli Neumeister ist Kundalini Yogalehrerin und Recovery Coach. Auf dem Biolandhof Rönshausen und in der Blauen Stunde (ehemalige Eika Fabrik) in Fulda bietet sie, sobald es wieder möglich ist, Yogakurse, Women Circles zum Neumond und verschiedene Workshops an. Mehr Infos unter: www.lillineumeister.de und auf Instagram @lillineumeister Alle Videos zur Radtour findest du hier: https://www.youtube.com/channel/UC66LadYEcCjM-pmUWUh85EQ

14.11.20 - Das ist die Geschichte einer jungen Frau, die im Frühling dieses verrückten Jahres wegen Corona in Spanien festsaß - nichts ging mehr - alle Flüge nach Hause waren gecancelt - das Leben stand plötzlich still. Verlängerter Urlaub klingt ja erstmal nicht so schlecht, aber wenn dann wirklich alle Optionen wegbrechen, wird es brenzlig. Lilli und Martin wollten sich aber nicht am Heimkehren hindern lassen und beschlossen, die Riesenstrecke einfach mit dem Rad zurückzulegen. Verrückt, leichtsinnig, gefährlich, größenwahnsinnig? Ihr Reisebericht der besonderen Art hat von allem etwas, aber die schönen, bewegenden, rührenden und tief mitmenschlichen  Momente verdienen, geteilt zu werden. Hier folgt der erste Teil des Ausnahmetrips:

Wie alles anfing

Als ich Anfang März mit dem Bus von Berlin nach Spanien fuhr, wäre mir im Traum nicht eingefallen, dass ich nicht wie geplant drei Wochen später wieder in Berlin säße, sondern zwei Monate später mit dem Fahrrad über die Pyrenäen zurück nach Deutschland radeln würde. Während einer Pandemie, die die Welt, wie wir sie bis dato gekannt hatten, aus den Angeln gehoben hatte. 

Die Zeit, in der die meisten meiner Freunde und Bekannten wegen der Ausgangssperre zu Hause saßen, sozial distanziert waren, und das Leben, wie sie es bisher gelebt hatten, so nicht weiterging, war für mich ein einziges verrücktes Abenteuer.

Das ist die Geschichte meiner Radtour von Spanien nach Deutschland. Sie handelt davon, wie es dazu kam, wie es überhaupt möglich wurde, und wie es dann tatsächlich war. Sie handelt davon, dass es sich lohnt, unseren Träumen zu folgen, so verrückt sie uns auch erscheinen mögen.

Situation im Lockdown und Entstehung der Idee 

Ich fuhr nach Spanien, um raus aus Berlin zu kommen, aus meinem Alltag dort, in dem ich nicht glücklich war. Ich brauchte eine Pause von der Stadt, ihrem Lärm, ihrer Hektik – und ich brauchte eine Pause von meinem Job. Meine Batterien sind leer. Ich sehne mich nach Natur, nach Stille, nach Gemeinschaft, nach Tanzen, nach Garten und in der Erde wühlen, nach mehr Leben und weniger Müssen. Der Plan ist: Ich nehme mir zwei Wochen Auszeit, in denen ich runterkomme und mir ein paar Gedanken darüber machen kann, wie es (privat und beruflich) weitergeht. Im Anschluss will ich meine Cousine in Barcelona besuchen und dann nach Berlin zurückfliegen.

Ich fahre zu einem Freund, der hier inmitten von terrassierten Olivenhainen, trockenen Flussbetten und sanften Hügeln ein Öko-Camp aufbaut. Schon am Abend meiner Ankunft spürte ich ein Durchatmen, das ich lange vermisst hatte: Mein Blick schweifte in die Ferne, über Berge und Olivenhaine, bis ins ferne Blau des Meeres, es duftet nach Pinien und irgendwas, und vor Allem ist es.. still. Nachts höre ich das Rufen eines Vogels während ich unter dem Vollmond stehe.

Martin, Saule und ich

Mittagspause am Kanal

Wir pflücken Blumen für Osterkränze Fotos: privat

Außer mir und dem Freund, den ich besuche, ist hier noch Martin: er arbeitet hier freiwillig über "Work Away" mit und ist ein paar Monate zuvor mit dem Fahrrad von Deutschland bis nach Südspanien und dann hierher geradelt ist. Wenige Tage, ehe Spanien die völlige Ausgangssperre beschließt, holen wir noch Ryan (aus Deutschland) und Saule (aus Litauen) vom Bahnhof ab. Die Situation hat sich mittlerweile derart verschärft, dass sie nicht weiterreisen können und Unterschlupf im Camp suchen, ebenfalls als "Work Aways" - Arbeit gegen Kost und Logis.

Ryan, Martin und ich auf dem Berg hinter unserem Camp ...

Unser Camp ist fernab vom Dorf mitten im Wald, daher trifft uns die Ausgangssperre dort nicht besonders. Wir können problemlos draußen sein, und unser Camp-Leben geht weiter, auch während der Rest Spaniens nur noch zum Einkaufen oder Arztbesuch das Haus verlassen darf. Beim wöchentlichen Einkauf im wenige Kilometer entfernten Supermarkt ist es etwas anderes: Der Abstand vor dem Laden, die lange Schlange (manchmal stehen wir Stunden an, da nur drei Personen auf einmal den Laden betreten dürfen), die Masken. Und natürlich: die völlig leeren Straßen. Keine Autos, keine Menschen. An den Kreuzungen kontrollieren Polizei und Guardia Civil, auch wir werden verwarnt, weil wir zu dritt unterwegs sind. "Nach 20 Uhr dürft ihr euch auch nicht mehr auf der Straße blicken lassen", warnt mich die Supermarktverkäuferin. "Die verhaften euch sonst." Ein andermal legt sie mir nahe, nicht mehr zu zweit zum Supermarkt zu kommen: "Gestern wurde hier ein Pärchen von der Polizei auf der Straße erwischt. Sie mussten 600 Euro Strafe zahlen. Pro Person!"

Es gibt keine Flüge mehr zurück nach Deutschland, und auch die Zugverbindung liegt lahm. Autovermietungen haben geschlossen. Wir hätten noch zurück nach Hause gekonnt, entschließen uns aber alle dagegen, da es uns hier gut geht und wir weder uns noch andere gefährden. Wir legen einen Garten an, machen Feuerholz, stellen Sauerteig her und backen Brot direkt am Feuer. Morgens meditiere ich zwischen Olivenbäumen mit Blick in die Ferne, abends sitzen wir am Lagerfeuer und singen. Es ist eine wunderbare Zeit, in der ich mich trotz der globalen Umstände so wohl und frei fühle wie seit langem nicht mehr.

Reisevorbereitungen und Erwartungen - erste Hürden

Blick über die Berge beim Camp

Martin, Saule und ich im Baumhaus

Auf den leeren Straßen Spaniens

Ab und zu taucht in den kommenden zwei Monaten dennoch die Frage auf: Was machen wir, wenn das hier noch Monate andauert? Wollen wir wirklich so lange hier bleiben oder dann doch irgendwann zurück? Martin war ja bereits mit dem Fahrrad von Deutschland nach Spanien gekommen, alleine und im Winter. Das inspiriert mich nicht nur, es zeigt mir vor allem, dass es möglich ist. Und so sage ich eines Tages: "Dann lass uns doch einfach zurückradeln!" Durch eine Welt im Lockdown.

Was als eine Schnapsidee am Lagerfeuer entsteht, nimmt Form an. Während anfangs alle mitträumen, entscheidet sich Saule dagegen, da die Lage nach wie vor brenzlig ist. Werden wir von der Guardia Civil angehalten? Kommen wir überhaupt über die Grenzen? Ryan möchte schneller zurück nach Deutschland und findet raus, dass es mittlerweile wieder Flüge gibt und auch vereinzelte Züge nach Barcelona. Ich hingegen finde die Idee, in Deutschland in unseren Wohnungen festzusitzen, nicht besonders verlockend, und gleichzeitig hat mich das Abenteuer gepackt.

Wir haben es nicht sonderlich eilig, uns geht es ja wunderbar. Ich recherchiere, was ich an Equipment brauche und wir erstellen Listen: Eine "nice-to-have-Liste" und eine mit dem absolut Notwendigen. Ein Fahrrad für mich steht auf beiden ganz oben, gefolgt von einem Gepäckträger (für die Satteltaschen). Geschäfte sind bis auf Weiteres alle geschlossen, online ist nichts zu finden, weder in Online-Shops wie Decathlon noch in den spanischen ebay-Kleinanzeigen.

Ein Zelt hat Martin, Schlafsack und Isomatte bekomme ich von Ryan, der sie nun ja nicht mehr braucht. Meine Eltern packen zwei Päckchen mit Radunterhosen, Warnweste, Fahrradhelm, Regenkleidung (sowie leckerstem Ziegenkäse von der Farm). Ein Solar-Ladegerät für unsere Telefone sowie ein Selfie Stick-Stativ um unsere Reise zu dokumentieren bestelle ich im Internet, was zu respektablen Versandkosten geliefert wird.

Das Fahrrad ist die größte Herausforderung: Wo soll ich in einem 600-Seelen-Dorf ein Fahrrad herbekommen, das gut genug ist, mich und Gepäck über 2.000 Kilometer weit zu tragen? Ich tue, was ich immer tue, wenn ich nicht weiter weiß: Ich erzähle jeder Person davon und bin fest davon überzeugt, dass ich ein Rad bekommen werde. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wie. Aber das Universum ist so viel größer, es spinnt im Hintergrund Fäden, die wir nicht sehen können.

Begegnungen: Jens, Hardy und endlich ein Trekkingrad

An einem sehr sonnigen Tag, als gerade die absolute Ausgangssperre in unserer Region gelockert worden war, fahren Martin und ich ausnahmsweise in das weiter entfernte Calig um dort einzukaufen. Wir wissen nicht genau, was diese Lockerung für uns bedeutet und wollen die Lage checken. Würden immer noch Polizisten an den Kreuzungen stehen und uns abmahnen? In dem Fall würde es schwierig werden mit unserer Tour, Fahrrad hin oder her. Wir radeln durch die pralle spanische Mittagshitze, eine Erfahrung, aus der wir für die kommende Reise lernen. Wir kaufen ein, radeln vollbepackt zurück, die Sonne brennt. Auf dem Rückweg machen wir einen Umweg zu einem Fluss, der die Straße überspült, und baden dort, um uns zu erfrischen. Plötzlich hält ein Auto. Mitten im Wasser. Und ein sehr braungebrannter, sehr blonder Typ quatscht uns auf Deutsch an: "Fischt ihr?"

Und so lernen wir Jens kennen. Jens wohnt hier, genauso wie seine Schwester Simone, ihr Mann Hardy und dessen 90-jähriger Vater Arnold, der sich mit Horoskopen und Sternzeichen auskennt wie kein anderer. Jens lädt uns für den nächsten Tag zu Kaffee und Kuchen bei seiner Schwester ein, noch dürfen wir nicht offiziell, denn Versammlungen unter Menschen sind verboten. Wir kommen trotzdem, heimlich, Jens fährt vor und guckt, ob die Luft rein ist. Es gibt Kaffee, Kuchen, Sekt (Cava), selbstgemachten Zitronenlikör und Arnolds Akkordeon, das Martin spielen darf. Die Woche drauf kommen wir wieder. Und ich frage, ob sie nicht eventuell jemand kennen, der Fahrräder verkauft. "Möglicherweise", ist die Antwort. Es gibt einen Fahrradverleih im 25 Kilometer entfernten Peniscola, eventuell habe der was. 

Als ich dort anrufe, antwortet mir wieder ein Deutscher. Er habe bestimmt was, sagt er. "Komm vorbei, sag mir vorher Bescheid, dann mach ich den Laden für dich auf." Ich habe ein warmes Gefühl im Bauch. Menschen, die zusammenhalten. Als ich Hardy frage, ob er mich dorthin fahren könne, zögert er keine Sekunde. Wir kommen dort an, der Laden ist in einer Shopping Mall, das Eingangstor circa 1,5 Meter hochgelassen, unter dem wir uns durchbücken. Hinten in der Ecke ist der Fahrradverleih. Der Besitzer zeigt mir drei Räder: Eines mit nur neun Gängen, ein Mountainbike mit sehr dicken Reifen, und eines für 1.000 Euro. Ich tendiere zum Mountainbike, da es das einzige mit genug Gängen ist, auch wenn mich die Schlappen abschrecken. Und ich möchte es mir gerne überlegen.

Als wir bereits wieder auf dem Heimweg sind, kommt ein Anruf: "Ich habe noch eins gefunden. Ein Trekkingrad, 21 Gänge, 28er. Willst du’s dir nochmal anschauen?". Wir drehen um. Gepäckträger ist dran, Lenkerhörnchen könne er für mich dran machen. "Ich warte das Rad noch komplett, und dann kann ich es dir übermorgen vorbeibringen." "Wirklich?" Klar! Hardy lädt ihn prompt zu Kaffee und Kuchen ein, it’s a date! Ich habe kein Bargeld dabei, wir machen das auf Basis von Vertrauen und besiegeln es, ohne Handschlag. 

Wir erkunden die Gegend ums Camp

Totaler Lockdown in Spanien und Frankreich - wie sollen wir da durchkommen?

Martin hat inzwischen zwei Satteltaschen aus Benzinkanistern, Zeltplane und Universalklebeband zusammengeschustert, zusammen mit seinen vier Taschen haben wir dann insgesamt sechs, das muss reichen. Wir planen, Anfang der kommenden Woche loszufahren. Es ist Mitte Mai, die Ausgangssperre in Spanien wird gerade zum zweiten Mal gelockert, ab diesem Wochenende dürfen Bars unter strengen Regulierungen wieder geöffnet werden. Ob das allerdings heißt, dass wir hier einfach so durchradeln können? Kann sein, dass die Guardia Civil uns direkt verhaftet, kann sein, dass sie uns durchlassen. Eine weitere Unklarheit: Ob wir über die Grenze nach Frankreich kommen werden. Und auch über Frankreich lesen und hören wir unterschiedlichste Dinge. Zum Zeitpunkt unserer geplanten Abreise besteht dort noch strikte Ausgangssperre, mit roten Zonen direkt auf unserer potenziellen Route. Wir sind verunsichert. Ist das, was wir vorhaben mutig oder einfach nur dumm? 

Mein neues Fahrrad

Martin entwirft die Satteltaschen

Und wieder fügt sich alles: Jens weiß von einem Anwalt, der abends immer eine Feierabend-Cerveza in der Bar im Ort trinkt (die ja nun wieder geöffnet ist). Wir verbringen dort also unseren (letzten) Abend, genießen einen völlig ungewohnten Moment unserer gesamten Zeit hier: Wir sitzen an einem öffentlichen Ort, Menschen sind auf der Plaza unterwegs, es ist Leben auf den Straßen, wir trinken Cerveza und essen Tapas. Eigentlich dürfe er uns noch kein Essen servieren, so der Barbesitzer, aber für Jens (und damit uns) mache er eine Ausnahme.

Phil, der Anwalt

Hier treffen wir Phil, den Anwalt, der uns darüber informiert, dass wir problemlos nach Hause fahren dürfen. "Falls ihr gefragt werdet: Ihr wart nicht länger als zwei Monate hier. Das ist ganz wichtig." Wir atmen erleichtert auf. Dann fügt er, wie nebenbei hinzu: "Oh, aber fahrt auf GAR keinen Fall durch Katalonien!" Katalonien ist noch in der totalen Ausgangssperre. Würden wir hier auf der Straße aufgegriffen, müssten wir 6000 Euro Strafe zahlen. Pro Kopf. "Und diese Strafe", so Phil, "werden sie euch auch bis nach Deutschland hinterherschicken."

Katalonien liegt dummerweise genau auf unserem Heimweg, direkt zwischen dort, wo wir sind, und Frankreich. Um Katalonien zu umfahren, müssen wir nicht nur einen Riesenumweg radeln, sondern auch direkt durch die Pyrenäen.
Wir beschließen: Let’s do it! Wir haben keine Lust mehr zu warten, die Abenteuerlust hat uns gepackt. Dann radeln wir halt westlich an Katalonien vorbei und geben uns volle Bandbreite Pyrenäen. "Die Mittelmeerküste entlang zu radeln", so Martin, "wäre eh langweilig."

Einer der vielen Momente, in denen wir die Route checken ...

Unser gesamtes Gepäck

Die Fahrräder sind gepackt und wir startklar ...

Unsere Räder stehen bereits gepackt vor der Tür meines Caravans, alles passt drauf, alles hält, ein erstes Wunder. Wir erhalten eine Nachricht von Hardy: Arnold habe unser Horoskop gründlichst untersucht. Fazit: "Die Sterne stehen gut für euch."

Ready to go

Endlich geht's los!

Wir kommen problemlos durch Spanien. Tagtäglich passieren uns mehrere Guardia Civil Kontrollen, zweimal werden wir angehalten. Uns stockt jedesmal der Atem, zu oft wurden wir gewarnt, zu einprägsam waren unsere eigenen Begegnungen gewesen. Die Guardia-Civil-Beamten sind neugierig, wo wir herkommen, wo wir hinfahren. Als sie hören: Barcelona-Berlin, sind sie ungläubig, dann wandelt sich ihre professionelles Interesse in Neugier und sie fragen uns über unsere Räder aus. Meine Mutter scherzt: "Vermutlich kennen die euch schon: die beiden Ciclistas mit den Schädeln und der Eule vorne dran und der Gitarre und dem Hula Hoop hinten. Sie verständigen sich über Funk und schließen Wetten ab, ob ihr an die Grenze kommt und wann."

Los geht's

Als unsere größte Herausforderung stellt sich die Wasserversorgung heraus, sowie die Sonne, die uns anfangs am Radeln in der brüllenden Mittagshitze hindert. Wir stellen fest: Je fitter wir werden, um so weniger stellt das ein Problem dar. Vor Allem versuchen wir in der Nähe von Wasser zu sein, an Flüssen oder Seen. Dort tauchen wir, wann immer wir die Möglichkeit dazu haben, unsere T-Shirts ins Wasser. Martin zieht seins an, ich binde mir meines um den Hals und habe es wie ein Cape über die Schulter. Der nasse Stoff kühlt und nimmt der Sonne etwas von ihrer sengenden Hitze.

Wir überqueren die Grenze nach Aragonien

Die Trinkwasserversorgung erwischt uns zweimal kalt: Am ersten Tag stellen wir nach der Mittagspause fest, dass unser Wasservorrat fast leer ist (obwohl wir 8,5 Liter dabei hatten!). Es ist fünf Uhr nachmittags und es herrschen immer noch 30°C. Wir schauen auf unserer Navigationsapp nach einem Trinkwasserbrunnen "in der Nähe", und tatsächlich: Steile 10 Kilometer weiter soll einer sein. Wir machen uns auf den Weg, mit 0,5l in unseren Flaschen. Die Sonne brennt auf die Straße, Schatten gibt es keinen, und ich frage mich, was zum Teufel ich mir hierbei gedacht habe. Wenn wir pausieren, ist mir schwindlig, mein Mund ist trocken, ich trinke nur schluckweise das lauwarme Wasser. Kurve für Kurve fahren wir durch unbewohnte Hügel, bis irgendwann endlich hinter einer Biegung Gebäude auftauchen.

Endlich! Als wir ankommen, stellen wir fest: Der Brunnen ist ausgetrocknet. Zum Glück sitzen dort Menschen vor einer Art Bar, sie ist geschlossen, wird uns mitgeteilt. Ob wir trotzdem Wasser bekommen könnten, fragen wir. "No problemo." Wir lächeln schief, als wir dem Eigentümer nicht nur eine oder zwei, sondern sieben Flaschen in die Hand drücken. Als er uns die vollen, tropfenden Flaschen bringt, trinken wir zwei auf einen Schwung leer. Frisches, kühles, chlorreiches Wasser! 

Am nächsten Tag kaufen wir noch weitere Flaschen, und tragen von nun an 11,5 Liter mit uns, die von nun an immer knapp 24 Stunden reichen. Obwohl wir darauf achten, stehen wir ein paar Tage später vor dem selben Problem: Morgens schon stellen wir fest, dass wir nur noch jeweils einen Liter haben. Wann haben wir das bitte alles verbraucht?! Essen damit zuzubereiten, scheint mehr Wasser zu benötigen, als uns bewusst ist. Wir nehmen uns vor, noch achtsamer zu sein. Der nächste Brunnen ist 30 Kilometer entfernt, dazwischen: kein Haus, gar nichts, nur vor Hitze flirrende Straßen und Berge. Der Weg dorthin wird zu einer Tour de Force, 15 Kilometer Steigung, mit kurzen Pausen, um Atem zu holen und das mittlerweile warme Wasser zu trinken, in kleinen Schlucken, damit es reicht. Die Sorge macht uns schweigsam und angespannt.

Irgendwann der Moment, an dem wir den letzten Hügel überwunden haben, und es folgen 15 Kilometer Abfahrt. Der Fahrtwind kühlt, Berge mit epischen Burgen drauf rauschen an uns vorbei, Wasser glitzert im Tal. Es gibt in dem Ort dort keinen Trinkwasserbrunnen, aber wieder finden wir eine Bar, die zwar nicht offen ist, vor der sich aber halblegal Menschen treffen, und wieder werden hier unsere Trinkwasserflaschen aufgefüllt. Das Leben ist gut. 

Es ist so heiß, und die nächste Trinkquelle noch so weit!! ...

Mückenstiche, Entmutigung, Zweifel, Freundschaft und Belohnung

Am dritten Tag wache ich auf und habe 34 Mückenstiche im Gesicht (gezählt haben wir sie erst später). Meine Haut ist geschwollen und spannt, und dank meiner allergischen Reaktion eitern die Stiche und jucken. Es ist sieben Uhr morgens, wir haben 500 Höhenmeter auf fünf Kilometern vor uns (für alle, die auch nicht wissen, was das heißt, so wie ich vor der Radtour: Das ist echt steil!) und keinen Gaskocher (und alles hat zu). Ich breche in Tränen aus und mein Gesicht schwillt noch mehr an. Martin hat die Gabe, Gefühle nicht in Frage zu stellen à la: "Das ist doch nicht so schlimm!" Denn das hätte es definitiv schlimmer gemacht. Nein, Martin ist einfach nur da, lässt mich weinen und nimmt mich in den Arm.

Irgendwann steht er auf und geht weg, kommt mit einem Brei aus Spitzwegerich wieder: Der hilft bei der Schwellung und dem Juckreiz. Wir schmieren also grünen Brei in mein Gesicht, ich breche wieder in Tränen aus, weil ich bestimmt so scheiße aussehe. Und weil ich mir nicht vorstellen kann, wie diese Tour gut wird. Und weil es so anstrengend ist und ich Angst habe, dass ich das nicht schaffe. Als Antwort schmiert Martin sich auch grünen Brei ins Gesicht. Wir setzen unsere Helme auf, und los geht’s. Rock and roll. 

Dieser Tag, der so herausfordernd startete, wird zu einem der schönsten und erinnerungsreichsten unserer ganzen Reise: Langsam schrauben wir uns in die Berge, während die Sonne höher steigt, und zig LKWs und Autos an uns vorbeifahren, meistens mit ziemlich respektvollem Abstand, und manchmal winkend und anfeuernd. 

Ich trete und trete und trete. Mache Wasserpausen, steige wieder auf, und trete. Eile habe ich keine, daher ist der kleinste Gang kein Problem. Ich trete und schnaufe und trete. Und irgendwann… sind wir oben. "Das ist das Höchste, das ich je erradelt habe", frohlockt Martin, als wir vor einem Schild anhalten auf dem 1.080 m steht. Wir haben es geschafft!!! Meine Gefühle sind schwer zu beschreiben, am ehesten würde ich sagen, Stolz gepaart mit Ungläubigkeit und einer Beseeltheit, die kommt, wenn man zu Dingen in der Lage ist, die man vorher für unmöglich gehalten hat. Und sicher auch eine ganze Portion Adrenalin. 

Wir bleiben auf dieser Höhe und fahren auf Straßen, die links und rechts von Blumen gesäumt sind, durch eine hügelige und blühende Landschaft, durch die kleine Bäche mäandern, während im Hintergrund Berge zu sehen sind. Rot, gelb, pink, weiß, lila blüht es uns entgegen. Ich frage mich, wieso zu Hause in Deutschland alle Wiesen so radikal geschnitten werden, wenn Blumen doch so glücklich machen. Die Sonne scheint warm, während der Fahrtwind uns erfrischt. Wir baden in einem kristallklaren und eisig-blauen Bach und ich kühle mein Gesicht. 

Blick auf Morella

Da ich unbedingt in einer Apotheke ein Antiallergikum für meine Mückenstiche kaufen will, fahren wir nach Morella. Eine trutzige Burg sitzt auf einem Felsen oberhalb der Stadt, welche sich eng an den Felsen schmiegt und von einer hohen, sehr dicken und intakten Stadtmauer umgeben ist. Morella thront in der Landschaft als wäre es aus einer Fantasy-Geschichte entfallen. 

Wir erkunden die Stadt, voller alter Häuser und Gässchen und gleichzeitig menschenleer, wegen Corona. Unsere Fahrräder dürfen wir am Fuße der Berge am Haus einer sehr netten Dame abstellen, die uns gleich auch noch Wasser anbietet und uns eine Abkürzung auf die Festungsstadt hinauf zeigt. Als wir am Nachmittag weiterfahren, kommen wir in eine bergige Region. Wir fahren an einem Fluss entlang, der sich, wieder leuchtend blau, durch das Tal schlängelt. An eben diesem Fluss campen wir, auf einer Lichtung neben Wasserfällen, auf weichem sandigem Waldboden.

"Das Leben ist eines der schönsten," strahlt mich Martin an, als wir am nächsten Morgen aufwachen. In der Tat! +++

Der zweite Teil mit einer aufregenden Tunneldurchquerung mit Hilfe der spanischen Polizei folgt. 



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