Le Masurier, Fille de la Martinique. Das Bild hängt im Muséum national d'histoire naturelle in Paris - im Roman finden Sie dazu einiges auf S. 154 f. Der Maler schuf es 1782, es zeigt die sog. Weißfleckenkrankheit (= Vitiligo), eine Autoimmunerkrankung. - Foto: wikimedia commons

REGION O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen (2)

Dieses Buch haut einen um: Olivia Wenzel "1000 Serpentinen Angst"

01.11.20 - Am 11. September dieses Jahres wurden zwei Nachwuchs-Autorinnen mit dem Literaturpreis der Stadt Fulda ausgezeichnet, Nadine Schneider und Olivia Wenzel (ON berichtete). Coronabedingt war fast kein Publikum dabei, dafür fand die Verleihung in einem der schönsten Säle Fuldas statt, noch dazu im einzigen Rokoko-Raum der Stadt, wie OB Dr. Wingenfeld betonte. In diesem anmutig-verspielten Raum gründete der Architekt Clemens Wenzeslaus Coudray im 19. Jh. die Fuldaer Lesegesellschaft, in der man sich zu literarischen und kunstsinnigen Veranstaltungen traf. Coudray hat weniger das Stadtbild Fuldas, sehr stark allerdings das Weimars beeinflusst. Und schon sind wir bei Olivia Wenzel, die in Weimar geboren ist, heute aber in Berlin lebt.

Ausnahme-Autorin Olivia Wenzel Foto: Juliane Werner

Die Tochter eines Angolaners und einer Weimarer Bürgerin hatte, wie sie selbst sagt, keine ganz leichte Kindheit. Der Vater verschwand schnell wieder nach Angola, die Mutter durfte ihm trotz mehrerer Ausreisegesuche nicht folgen, der Bruder beging mit 19 Jahren Selbstmord, die Großmutter mutierte von der strammen SED-Genossin zur Anhängerin der AfD. Eine harmonische Familiengeschichte schreibt man aus diesen Zutaten eher nicht.

Das Buch haut einen um

Erschienen im März 2020 beim S. Fischer Verlag, 352 Seiten, gebundene Ausgabe ISBN ...

Olivia Wenzels Buch hat mich schon bei der Kostprobe im Palais Altenstein gepackt, beim Lesen später umgehauen. Im Spiegel (27.03.2020) hieß es: "Dieses Buch! Schwierig, der Wucht, die Olivia Wenzel in ihrem Debüt 1000 Serpentinen Angst erzeugt, gerecht zu werden".  Die FAZ nennt den Roman "schonungslos zärtlich" und "literarisch souverän" (03.06.2020). So ist es. Das geht schon damit los, dass man sich schwertut, dieses Buch einzuordnen (etwas, was Verlage wie Buchhandlungen ja sehr gern tun, weil es so schön Sicherheit gibt). In welches Regal stelle ich das denn? Keine Ahnung.

Dieses Buch verweigert sich, und das nicht mal trotzig und ablehnend, sondern spöttisch und lustvoll, mal derb, mal zart. Es ist ein Roman. Steht jedenfalls auf dem Cover. Es ist ein Dialog über große Teile der 350 Seiten. Manchmal klingt es auch wie ein Verhör. Manchmal mit sich selbst, manchmal mit einem Grenzbeamten, hin und wieder mit einem One-Night-Stand oder Freundin Kim. Oder einem Snack-Automaten am Bahnsteig. Oder ist es doch ein Impro-Theaterstück? Oder ein Drehbuch für einen jungen, wilden Film? Oder ein innerer Monolog, eine Art stream of consciousness? Eins ist es auf jeden Fall: eminent vorlesbar. Man merkt Olivia Wenzels Herkunft aus dem Theater – jedes Wort, jeder Satz sitzt. Mein Tipp für Sie ist daher auch der: Lesen Sie das Buch gemeinsam mit einem Lieblingsmenschen, lesen Sie es sich gegenseitig vor oder spielen Sie die Szenen miteinander. 

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Keine Autobiographie, sondern Autofiktion

Olivia Wenzel bei der Preisverleihung im Palais Altenstein in Fulda Foto: Jutta Hamberger

Olivia Wenzel nennt das, was sie schreibt, Autofiktion. Ich mag den Begriff sehr, macht er doch klar: Ja, da steckt viel Wenzel drin, aber eben nicht nur. Sie ist eine Künstlerin, und als solche verformt sie, versteckt sie, erfindet sie, ordnet sie neu an. Die Ich-Erzählerin ist ruhelos und unterwegs. New York, Carolina, Berlin, Marokko, Vietnam, Thüringen – rastlos, getrieben, neugierig. Es gibt keine Pausen in diesem Text, wohl aber dauernde Szenenwechsel und Unterbrecher, Wechsel der Zeitebenen und Perspektiven. Der Roman hat drei Teile (Point of view – Picture this – Fluchtpunkte), zwei sind dialogisch, einer beschreibt Bilder.

Stöhnen Sie nicht! Mir ist klar, Sie denken gerade an den Deutschunterricht der Mittelstufe, da nimmt man "Bildbeschreibung" nämlich durch. Mich hat das immer komatös gelangweilt, und bevor ich dieses Buch gelesen habe, wusste ich nicht, wie Bildbeschreibungen auch sein können: Sezierend, präzise, wach, erfahrbar, spürbar. Sie lesen – und Sie sehen, "picture this". Einfach eine Wucht. Die zwei dialogischen Teile sind schnell, hart, der innere Drive ist auf jeder Seite zu spüren – der Mittelteil ist wie ein Andante, und fließt ruhig und gelassen dahin.

Irgendwas fehlt immer

Um was es geht in diesem Buch? Natürlich geht es um Rassismus und Sexismus, Faschismus und Homophobie. Weiblich, schwarz, queer – mehr geht kaum an Fremdheit… In Angola ist die Erzählerin die "Kokosnuss" (außen schwarz und innen weiß), in Weimar die "Kaffeebohne" oder der "Schokokrümel". Egal wo sie ist, die anderen signalisieren ihr, Du bist anders. Es geht um das Erleben des Fremdseins als Regel – in einer weißen Gesellschaft, die weiß als Norm begreift und sich "anders" kaum vorstellen kann. Es geht ums Aufbrechen und Weggehen und Daheimbleiben – gespiegelt auch in den für die Erzählerin wichtigen Menschen (Oma, Mutter, Freundin, dem seit Jahren toten Zwillingsbruder etc.). "Irgendwas fehlt immer", heißt es an einer Stelle, und das ist auch eine Gebrauchsanweisung fürs Lesen: vertrau nicht allem, glaub nicht alles, nimm einfach auf und wahr. Sei Dir bewusst, wie unvollkommen und zerbrechlich alles ist.

1000 Serpentinen Angst weicht den unangenehmen Fragen nicht aus. Schon gar nicht der zentralen: Warum macht helle Haut per definitonem schöner? Verleiht den besseren gesellschaftlichen Status? Gilt als Maß aller Dinge? Ist selbstverständlich? Wer bestimmt das eigentlich?

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Als nicht-schwarze Frau trifft es mich in die Magengrube, wenn ich die Passagen über den offenen und versteckten Rassismus lese, mit denen Olivia Wenzel sich von Kindertagen an auseinandersetzen musste. Können "wir" nicht anders? Sind "wir" wirklich unfähig, das andere empathisch zu begreifen? Ich will das doch gar nicht, und ich bin sicher, viele andere Menschen auch nicht. Und doch fallen wir immer wieder fremdenfeindlich auf… Ich kann nur nachdenklich werden und mir immer wieder bewusst machen, dass nicht meine Wahrnehmung gilt, sondern die derjenigen, die sich fremd und ausgeschlossen fühlen. "Wer liest, wird empathischer", das hat die Wissenschaft längst herausgefunden. Wenn Sie dieses wunderbare Buch lesen, könnte es Ihnen also passieren, dass Sie hellhöriger, wacher, demütiger werden. (Jutta Hamberger)+++

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Weiterführende Links:

Podcast 1000 Serpentinen Angst: https://www.youtube.com/watch?v=xYSbk_3chok 

Jane Elliott, Blue Eyes Brown Eyes Experiment – ein Anti-Rassismus-Training

https://www.youtube.com/watch?v=ebPoSMULI5U

Chris Buck, Let’s talk about race – eine Foto-Serie, in der Rassenklischees vertauscht werden

https://www.chrisbuck.com/conceptual

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