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Die Autorin Olivia Wenzel im Palais Altenstein - Foto: Stadt Fulda

REGION Das 'Othering' ist so nervig!

Spannendes Interview mit Ausnahme-Autorin Olivia Wenzel

02.11.20 - O|N: Was war der Kern und Ursprung dieses Buchs? Welche Szene(n) entstanden zuerst in Ihrem Kopf, was waren die ersten Sätze?

Olivia Wenzel: Ich war 2016 in den USA, als Trump gewählt wurde, und habe mich zu der Zeit mit vielen Afroamerikaner*innen unterhalten. Damals war sehr viel Verzweiflung spürbar. Das war die Initialzündung des Buchs, weil ich da angefangen habe, mir erste Sätze – auch relativ schnell in dialogischer Form – zu notieren. Zu dieser Zeit hatte ich bereits über Jahre angesammelte Sachen in der Schublade, von denen ich nicht wusste, was ich damit machen könnte. Das waren autobiografische Materialien, und nach und nach hat sich das dann verschränkt.

O|N: Wofür stehen die titelgebenden Serpentinen?

Es gibt im Buch immer wieder eine Ausweichbewegung der Protagonistin. Sie antwortet oft nicht auf die Fragen, die ihr gestellt werden, sie geht über Umwege oder Assoziationen, erzählt vielleicht etwas, das auf den ersten Blick gar nicht naheliegend ist zu den Fragen, die ihr gestellt werden. Diese Ausweichbewegungen sind formal und erzählerisch die Serpentinen, die das Buch immer wieder nimmt, bis zu dem Punkt, an dem die Erzählerin keine Ausweichbewegungen mehr machen kann, sondern sich dem stellen muss, was schmerzhaft ist und was die ganze Zeit schwelt.

O|N: Wie ist es, immer "anders" zu sein, nicht die Norm? Und wie vermittelt man das denen, die von Geburt an Norm und damit privilegiert sind?

Um etwas zu vermitteln, muss man es erstmal selbst genau begreifen, man muss sich dessen bewusst werden. Ich glaube, das ist eigentlich der schwerere Schritt, Worte dafür zu finden oder andere Ventile für diese Ungerechtigkeit – sofern das aufgezwungene Anderssein einhergeht mit Ungleichbehandlung.

Man ist ja nur, wer man ist, aber ständig wird einem gesagt, man ist anders, man wird infrage gestellt in dem, wie man aussieht, wie man handelt, wie man spricht, wer man ist. So etwas führt bei vielen Menschen zu Depressionen und zu einem Gefühl, dass man abgeschnitten und allein ist, v.a. mit diesem ständigen Blick auf den eigenen Körper, dem man ja nichts als den eigenen Körper entgegenzusetzen hat. Dass man sich dann gezwungenermaßen immer wieder mit diesem "Anderssein" auseinandersetzt, ist eine Spielart der Diskriminierung: Sie nimmt Raum und Energie für andere Themen, sie lenkt die diskriminierte Person immer wieder ab, verdammt sie dazu, sich mit ihren Diskriminierungen zu beschäftigen.

Diese Dynamik habe ich versucht, in meinem Roman darzustellen. Ich arbeite dabei oft mit Fragen; darüber werden die Lesenden besser eingeladen, diese Themen an sich heranzulassen, sich selbst zu ihnen in Beziehung zu setzen, als durch ständiges Fingerzeig-Erklären. Letztlich glaube ich aber nicht, dass man solche Dinge wirklich vermitteln kann. Ich glaube, man kann, wie ich, ein Buch schreiben, das punktuell erfahrbar macht, wie nervig dieses "Othering" sein kann, dass es für eine schwarze Person in einem Kontext, der komplett weiß ist, ausschließend und schmerzhaft sein kann, immer wieder als "die andere, nicht zugehörige" Person gelabelt zu werden. Doch die Totalität solcher Erfahrungen ist nicht vermittelbar.

O|N: Wie entkommt man fremden Kategorien wie Mann/Frau, schwarz/weiß, hetero/homo etc.?

Eigentlich wäre es schön, die Kategorien, die wir gegenwärtig benutzen, nicht so streng und allumfassend gültig zu begreifen. Es ist gut, sich immer bewusst zu machen, dass Kategorien Konstrukte sind. Mittlerweile haben wir zum Beispiel bessere Worte zur Beschreibung gefunden - etwa für die Tatsache, dass es auch Frauen gibt, die in Männerkörpern geboren werden. Damit dringt diese Tatsache auch in unser kollektives Bewusstsein. Wenn jetzt zum Beispiel in mehrheitsgesellschaftlichen Öffentlichkeiten die Rede ist von "Mann und Frau", verstehen viele Menschen, dass eigentlich gemeint ist: "biologisch als Mann oder Frau geboren und mit dieser Identität konform".

Wenn es um Kategorien wie Hautfarbe geht, fällt mir immer wieder die merkwürdige Selbstverständlichkeit auf, in der wir mit Begriffen operieren wie schwarz und weiß – auch ich tue das in meinem Buch. Letztlich sind das aber Bezeichnungen für etwas, was dem Subjekt nicht entspricht und auch nicht gerecht wird. Niemand ist wirklich weiß oder schwarz im Sinne der Farbe. Dass wir mit Farben operieren, um Menschen zu bezeichnen, ist absurd. Wir könnten genauso über Gerüche reden oder darüber, wie unterschiedlich sich die Haut von Menschen anfühlt. Aber in einer Gesellschaft, die noch immer überzeugt so tut, als wirke der Kolonialismus nicht nach, ist die kontinuierliche Einteilung von Menschengruppen nach Hautfarben selbstverständlich.

Ich höre oft, derartige Themen seien doch nicht das Hauptproblem, das wir in der Gesellschaft hätten, das seien Nebenschauplätze. Aber Sprache formt Bewusstsein und erlaubt uns zu denken, wie wir denken. Und die Kritik an Sprache oder der Wille, Sprache immer neu zu erfinden, sie nachzujustieren, konkurriert ja nicht mit der anderweitigen Beschäftigung mit Diskriminierung oder mit anderen sozialen Themen. Nur weil man sich auf einen Schauplatz konzentriert, schließt das nicht aus, dass man andere Kämpfe nicht ernst nimmt, nicht meint oder nicht führt. Oft wird aber so argumentiert, und das nervt mich.

O|N: Wenn Sie fünf Songs als Soundtrack Ihres Buchs auswählen sollten, welche wären das?

Während ich geschrieben habe, habe ich immer wieder versucht, Songs mit ins Buch zu integrieren, oftmals in Form von Songtexten – die habe ich dann aber wieder rausgenommen. Ich habe in der Zeit auch selbst Musik gemacht, die begleitet mich auch weiter. Kürzlich war ich auf dem Literaturherbst in Göttingen, da habe ich mit Minh Duc Pham und Malu Peeters eine Performance gemacht, wir haben immer wieder auch mit Musik gearbeitet. Wenn Leute mich engagieren, diese Show andernorts auf die Beine zu stellen für ein gutes Budget, kann man den Soundtrack meines Buchs, den ich in mir trage und gerne mal vor mich hinsumme, auch live hören! Jenseits von meinem eigenen Songmaterial habe ich, während ich am Roman schrieb, gern z.B. Frank Ocean's Bad Religion oder M.I.A.'s, Bad Girls gehört.

O|N: Welche Frage wurde Ihnen zu sich selbst oder Ihrem Buch noch nie gestellt?

Darüber haben wir bei dieser Performance in Göttingen auch gesprochen. Es gibt eine asiatischstämmige Protagonistin im Buch, die Kim heißt und die in keiner einzigen Rezension oder Interviewfrage auftaucht, die ebenfalls viel Erfahrung mit Rassismus hat und ihre Kämpfe führt. Dafür, dass sie eigentlich recht präsent ist, finde ich es doch sehr erstaunlich, dass sich Feuilleton, Kritik oder auch Leute im Privaten für sie am wenigsten interessieren. Das ist vielleicht symptomatisch für die aktuell so prominente Rassismus-Debatte - wir haben fast ausschließlich auf Rassismus gegen schwarze Menschen geschaut. Aber das sind nicht die einzigen, die darunter leiden.

Jutta Hamberger führte das Interview mit Olivia Wenzel, deren Buch "1.000 Serpentinen ...Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Eine andere Frage ist auch die nach der Sexualität der Protagonistin. Es gibt immer wieder explizite Szenen im Buch, gleichzeitig kommen die Leser/innen aber niemals wirklich nah ran, weil die Sexualität eigenartig mechanisch ist, nicht sinnlich, nicht mit Emotionen besetzt. Darüber gäbe es viel nachzudenken…

Das Interview führte Jutta Hamberger mit Olivia Wenzel per Audio-Files und Email.+++

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