Hedy Lamarr galt lange als die schönste Frau der Welt - Foto: pixabay

REGION O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen (3)

Michaela Lindinger: "Hedy Lamarr – Filmgöttin, Antifaschistin, Erfinderin"

08.11.20 - Am 9. November feiert man in Deutschland, Österreich und der Schweiz den Erfinder/innen-Tag. Die Auswahl des Tages ist kein Zufall, der 9. November ist der Geburtstag Hedy Lamarrs. Hedy Who?, fragen Sie jetzt womöglich, und das kann ich Ihnen nicht verdenken, denn allzu viele Kenner und Fans ihrer Filme dürfte es nicht (mehr) geben, hat es doch keiner in den Kanon der "must see movies" geschafft. Ich sehe förmlich, wie sich Ihre Stirn in Falten legt und Sie sich fragen, was eine heute kaum noch bekannte Schauspielerin mit dem Erfinder-Tag zu tun hat. Die Schauspielerin - nix. Die Frau – viel.

Die schönste Frau der Welt

Hedy Lamarr war Filmgöttin und galt lange als schönste Frau der Welt – ein Satz, der übrigens auf Max Reinhardt zurückgeht – und sie war Erfinderin. Das sie all das einmal sein würde, war an jenem 9. November 1914 nicht abzusehen, als sie als Hewig Eva Maria Kiesler in Döbling bei Wien geboren wurde. In eine großbürgerliche jüdische Familie – der Papa war Bankdirektor, die Mutter Pianistin. Als der Vater in den 30er Jahren Bankrott machte, war die finanzielle Sicherheit dahin. Die damals übliche Lösung für Frauen hieß: Heirate reich, damit Du versorgt bist. Hedi befolgte das buchstabengenau sechsmal… Hedy Lamarr Mandl Markey Loder Stauffer Lee Boies… sie wechselte die Nachnamen, sie wechselte zwischen etwas längeren Ehen (4 bis 5 Jahre) und ziemlich kurzen (bis 2 Jahre). Es gibt vier Ehemann-Konstanten: Fast alle waren deutlich älter als Hedy, heftige Trinker und ziemlich reich – und alle Ehen gingen schief. Sie sagte einmal, glücklich sei sie eigentlich nur zwischen ihren Ehen gewesen, und ob Hedy Lamarr eine im landläufigen Sinn gute Mutter war, nun ja. Ein glückliches Familienleben wurde v.a. für die Pressefotografen inszeniert. Sie war einsam, wiewohl sie immer Männer an ihrer Seite hatte. Sie sprach einmal von 100 Liebhabern, die sie gehabt habe, die Autorin nennt Hedys Liebesleben "etwas unübersichtlich".

Hedi wusste früh, was sie wollte – hoch hinaus. Ihre Karriere begann im Teenager-Alter und profitierte ungemein davon, dass ein Skandal mit von der Partie war. Nicht nur diverse Moralapostel, sondern sogar der Papst verdammte den Film. Da war die Karriere eigentlich nicht mehr aufzuhalten, genauso wenig wie der Erfolg des Films "Ekstase" (1933) mit der berühmten Nacktszene der Lamarr. Noch skandalöser als die Nacktszene war übrigens der gefilmte Orgasmus – man sieht zwar "nur" Hedys ekstatisches Gesicht, aber das reichte, um die Moral- und Sittenwächter in kollektive Tollwut zu versetzen. Nie zuvor hatte man das im Mainstream-Kino gesehen. Hollywood klopfte an. Louis B. Mayer nahm Hedy unter seine Fittiche und baute sie auf – und zwar im Rollenfach ‚Luder / Hure‘ (für ihn eine logische Konsequenz aus "Ekstase", das zweite von ihm für Frauen vorgesehene Rollenfach ‚Madonna‘ schien ihm nicht recht zu passen). Die Lamarr wurde also Filmstar. Da in Europa die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war es ohnehin Zeit, zu gehen – die jüdischen Wurzeln der Lamarr waren unter Hitler lebensgefährlich.

Dumm gucken in Pupperl-Rollen

Autorin Michaela Lnidinger hat schon früh einen Bezug zu Hedy Lamarr, weil sie die Lieblingsschauspielerin ihrer Oma war ...Foto: Sabine Hauswirth

In den 1940er Jahren war sie eine der großen Leinwand-Diven, eine Stilikone, ein Sexsymbol – und Vorbild für viele Frauen. Ihre Schönheit war sprichwörtlich, auch wenn sie sich nicht viel darauf einbildete. "Jedes Mädchen kann glamourös aussehen, dafür muss es nur stillstehen und dumm gucken", soll sie einmal gesagt haben. Schon in den 1950er Jahren war ihre Filmkarriere allerdings vorbei. Das lag auch daran, dass sich das Frauenbild im Film änderte - wenn Sie so wollen, von Hedy Lamarr zu Doris Day, ein größerer Kontrast ist kaum denkbar. Die Frauen wurden im Kino wieder eingehegt und auf die ihnen zustehenden Plätze verwiesen. Meist war Hedy Lamarr ja ohnehin nur als Schmuck an der Seite des Helden eingesetzt worden und ihre Filmrollen waren ziemlich eindimensional, "Pupperl"-Partien nannte sie selbst die Rollen, die man ihr anbot, einmal.

Hedy setzte sich für die USA im Kampf gegen Hitler-Deutschland ein, sie ging auf Tour, und verkaufte mehr Kriegsanleihen als jeder andere Star. Zusammen mit dem Komponisten George Antheil, Antifaschist wie sie selbst, tüftelte sie an einer Technik, die es ermöglichen sollte, Torpedos mit einem sicheren Kommunikationssystem auszustatten. 1942 ließen die beiden sich ihr Frequenzsprungverfahren patentieren und boten es dem amerikanischen Militär kostenlos an. Das Militär lehnte dankend ab mit dem sexistischen Hinweis, die Lamarr solle lieber weiterhin Küsse und Kriegsanleihen verkaufen. Anerkannt wurde ihre Leistung erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts, kurz vor ihrem Tod. "Die größten Persönlichkeiten mit den besten Ideen können von den kleinsten Menschen mit dem kleinsten Verstand mundtot gemacht werden. Strebe trotzdem nach Größe!" – hat sie einmal gesagt.

Servas, Hedy

Nach der Filmkarriere kam der Absturz à la Hollywood: (missglückte) Schönheits-OPs, Alkohol, Medikamente. Glücklich, so scheint es, wurde sie nicht, und zeit ihres Lebens hat sie sich immer nach Wien zurückgesehnt. Nach ihrer Filmkarriere verdiente die Diva zunächst Geld mit dem Schreiben(lassen) einer Biographie. Die schlug alle Rekorde und wurde zu einem Bestseller, was sicher auch an den pikanten erotischen Details lag, die genüsslich ausgebreitet wurden.

Am morgigen Tag der Erfinder/innen werden Sie gewiss irgendwann telefonieren. Wenn Sie ihr Handy zur Hand nehmen, flüstern sie doch mal ein leises "Servas, Hedy"… sie hat’s verdient. Der Tag der Erfinder/innen ehrt den Mut zu eigenen Ideen und zur Veränderung, erinnert an vergessene wie bekannte Erfinder und will dazu anstiften, selbst Zukunft mitzugestalten. Hedy Lamarr war eine Frau, die eine Idee hatte und diese umsetzen wollte. Sie rannte dabei gegen sehr viele Wände, und es gab viele, die sie nicht ernstnahmen. Gut, dass Michaela Lindingers Buch mit vielen Klischees aufräumt, sich weder bei den Skandalen und Skandälchen rund um die Lamarr noch bei den Legenden aufhält, sondern uns die Augen öffnet für eine Frau, die zeit ihres Lebens um ihre Autonomie kämpfte.

Wenn Sie Hedy Lamarr nicht nur lesen, sondern auch schauen wollen

Was die Schauspielerei angeht, muss es nicht immer Actor’s Studio sein… "Sie ist kein Busen-Beine-Girl, der Sex sitzt in ihrem Gesicht", hat es ihr Agent einmal formuliert, Hedy Lamarr hat eine unglaubliche Präsenz in ihren Filmen, ihrem ausdruckssstarken Gesicht kann man sich kaum entziehen. "Kein Schauspieltalent, aber eine Aura – und was für eine Aura!", hatte man schon 1940 in der Los Angeles Times lesen können, und ehrlich, wen stört Hedys Akzent denn wirklich? "Ekstase" von Gustav Machaty, ihren ersten Film von 1933 werden Sie sich gewiss ohnehin ansehen. Ich möchte noch drei ihrer US-Filme auf Ihre "Gucken-Sie-doch-mal-Liste" setzen, auch, weil man die aus heutiger Sicht durchaus anders sehen und bewerten kann als zu ihrer Entstehungszeit.

Hedy als Jenny Hager mit George Sanders als ihr Love Interest John Evered. "The Strange Woman" (1946) ...

Edward G. Ulmers "The strange woman" (1946): Ein Melodram, gefilmt im Stil des film noir. Neben Hedy Lamarr ist auch Edward G. Ulmer ein Grund, sich diesen Film anzusehen. Meist durfte er nur low budget Produktionen drehen, hier hat er mal ein größeres Budget zur Verfügung und setzt es meisterhaft ein. Beim Ansehen verstehen Sie sofort, warum die französische Nouvelle Vague diesen Regisseur so sehr schätzte (und ihm endlich zu dem Nachruhm verhalf, den er verdient). Hedy Lamarr spielt hier als Jenny Hager eine Rolle, die ihr aus ihrem Leben nur zu bekannt war: eine Frau, die unabhängig sein und leben will und für sich die gleichen Rechte und Freiheiten in Anspruch nimmt wie die Männer – inklusive des Rechts auf sexuelle Freizügigkeit und eigene Ziele und Wünsche. Das entsprach nicht der herrschenden Moral und war "strange", fremdartig – die Heldin bezahlt für ihr Aufbegehren mit dem Tod, man ließ es ihr nicht durchgehen. Man kann diesen Film mit einigem Recht auch als Emanzipationsdrama sehen, und der Satz Jennys, "I always lose happiness, I can’t seem to hold it", ist, bezogen auf Hedy Lamarr selbst, durchaus prophetisch zu verstehen. Erhältlich als DVD, hier können Sie den Film auch auf Youtube sehen: https://www.youtube.com/watch?v=sMFQ3tlkUC8

Richard Thorpes "White Cargo" (1942): Erwarten Sie keinen Tiefsinn, schauen Sie sich einfach an, wie Hedy Lamarrs Verführungskunst hier gegen Hollywoods Zensoren eingesetzt wird. Das ist unterhaltsam. Lamarrs Rolle der Tondelayo ist aber auch paradigmatisch für die Darstellung ‚exotischer" Frauen – die per se immer Verführerinnen waren und grundsätzlich immer einen hohen Preis dafür zahlen mussten. Aus heutiger Sicht ist der Film entlarvend rassistisch und frauenverachtend: Eine dunkelhäutige Frau kann und darf niemals einen weißen Mann haben. Dazu kommt das verletzende Blackfacing (die Lamarr als zart dunkel eingefärbte Heldin war auch damals schon ein rassistisches Stereotyp, auch wenn das weiße Amerika das nicht so sah). Das alles ist erschütternd genug, und wird noch getoppt von Tondelayos Überzeugung, zu einer guten Ehe gehöre, dass der Mann seine Frau regelmäßig züchtige. Gut, dass wir knapp 80 Jahre in Sachen Rassen- und Geschlechter-Stereotypen einige Schritte weiter gekommen sind. Erhältlich als DVD.
 
Cecil B. de Milles "Samson und Delilah" (1949):  Bibelepos und Monumentalkino in überwältigender Farbenpracht (Technicolor!). Kampf, Hass, Liebe, Erotik, Tragik – großartige Massenszenen, das ist richtig gutes Popcorn-Kino. Das folgt nicht immer streng der biblischen Geschichte (Buch der Richter 16), ist auch nicht wirklich strenger Bible Talk, und natürlich sind Mature und Lamarr eher glamourös als biblisch, aber was solls? Wir werden prima unterhalten. Viktor Mature dabei zuzusehen, wie er den Tempel der Philister mit seiner übermenschlichen Kraft zerstört, mit bloßen Händen einen Löwen besiegt oder Delilahs Verführungskünsten erliegt, das ist eye-candy vom Feinsten. Übrigens entwarf Edith Head die Kostüme für diesen Film – ich verspreche Ihnen, Hedy Lamarr im Pfauenkleid werden Sie nie wieder vergessen! Erhältlich als DVD und Blue Ray.
 

Foto: Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Weiterführende Links:
Googles Doodle zum Tag der Erfinder 2015 – mit Hedy Lamarr als Star
https://tag-der-erfinder.de/

Edith Head – ikonographische Film-Kostüme. Edith Head wurde 35x für den Oscar nominiert und gewann ihn 8x, u.a. für Samson und Delilah. Niemand wurde häufiger für Kostümentwürfe ausgezeichnet als sie.
https://www.rm-style.com/edith-head-and-the-most-beautiful-dresses-hollywood/?lang=en
https://www.crfashionbook.com/fashion/g26932618/edith-head-costume-designer/
(Jutta Hamberger)+++

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