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Hedy Lamarr - Foto: pixabay

REGION Omas Lieblingsschauspielerin

Interview mit Michaela Lindinger: "Wien, Tod, Sexualität und Mode"

08.11.20 - Michaela Lindinger ist eine Autorin, die sich mit Vorliebe Themen "abseits der Hauptstraße" heraussucht. Auf meine Nachfrage meint sie lächelnd, sie sei schon als sehr junges Mädchen nicht wie die anderen gewesen, sondern "in der schwarzen Szene zu Hause – schwarze Haare, schwarze Sachen, und damals musste man wirklich noch alles färben! Das kam ja erst in den 1980er Jahren und v.a. durch die Popkultur zu uns rüber." Mit anderen Worten, sie hat ein Faible für das Abseitige, oder das Abseitige im scheinbar Bekannten. Das macht ihre Bücher so spannend. Die Kuratorin am Wien-Museum interessiert sich besonders leidenschaftlich für Frauen, Gender-Fragen, ihre Heimatstadt Wien, Tod, Sexualität und Mode. Beste Voraussetzungen also für ein Buch über Hedy Lamarr. Ein Buch, in dem sie sich der Schauspielerin annähert, die Hintergründe recherchiert und zum Weiterdenken anregt.

Michaela Lindinger schreibt nicht über Mainstream-Themen Foto: Sabine Hauswirth.

O|N: Warum haben Sie sich eigentlich die Lamarr als Thema ausgesucht?

Oh, als Person kenne ich Hedy schon lange, sie war nämlich die Lieblingsschauspielerin meiner Oma. Die war der gleiche Geburtsjahrgang wie Hedy und hat mir immer Bilder von ihr gezeigt. Meine Oma war urschön, sie sah Hedy wirklich ähnlich. Bei ihr zu Hause hing immer ihr Hochzeitsbild, und daneben zwei Fotos von Hedy Lamarr. Meine zweite Begegnung kam viele Jahre später, während der Ausstellung "Sex in Wien". Im Kuratorium wurde Hedys erster Film "Ekstase" gezeigt, und zog mich in seinen Bann. Dieser Film zeigte erstmals im Mainstream-Kino den Orgasmus einer Frau in Großaufnahme. Der Film lief dann auch in der Ausstellung, es kamen sehr viele Leute. Und da dachte ich, hmm – kann man das nicht vielleicht ausrollen?

O|N: Das klingt fast, als wäre "Ekstase" ein Lieblingsfilm von Ihnen?

Da muss ich keine Sekunde mit der Antwort zögern, ja, unbedingt! Das ist ein kleiner, feiner Arthouse-Film der 30er Jahre – und er wäre auch ohne Hedy schön. Es gibt viele Experimentalszenen, viele Montageszenen, wie man sie aus dem sowjetischen Kino der Zeit kannte. Man kann hier viel über Filmtheorie lernen. Und: Ich mag ihn auch deshalb so, weil es hier um das geht, was Frauen dürfen und was nicht. Hedy/Eva bricht aus der traditionellen Frauenrolle aus, und zeigt verschiedene weibliche Lebensentwürfe, die gesellschaftlich so nicht vorgesehen sind. Sie wehrt sich in diesem Film gegen ihren Mann, sie verlässt ihn, rennt weg – und dann gibt es – je nach politischem System – verschiedene Filmenden: mal mit glücklichem Familienleben, mal mit Rückkehr zum Mann, mal mit Tod der Heldin. Der Filmtitel wurde ja auch geändert… (Anm.: In "Sinfonie der Liebe", um die sexuellen Anspielungen weniger deutlich zu machen).

O|N: Hedys Gesicht bezaubert bis heute…

Ja, das ist so. Wobei man aber auch sagen muss, dieses Gesicht wurde "gemacht". Wenn Sie sich frühe Fotos von ihr ansehen, wird das deutlich, die Wiener Hedy erkennen Sie da gar nicht mehr. In Hollywood wurde aus ihr ein Image gemacht. Die haben alles an ihr ausprobiert: Die Haare blond und rot gefärbt, den Mittelscheitel versetzt, die Augenbrauen anders geformt – so lange, bis das "Produkt" stimmte. Und dieses Kunstprodukt unterlag der absoluten Kontrolle durch das Studiosystem – Individualität war nicht gefragt. Man muss einfach sagen, in Hollywood wurde eine Person aus ihr gemacht, die sie nicht war. Louis B. Meyer war überdeutlich: Er sagte immer, ich will weder etwas von Religion oder Politik hören noch von sexueller Orientierung. Was ihr zu Hause macht, interessiert mich nicht, aber es darf nichts nach außen dringen – es muss alles sauber bleiben. Das ist auch der Grund, warum Hedy ihre jüdische Herkunft nie thematisiert hat. Man kann schon sagen, die haben ihrem Image jede Individualität ausgetrieben.

O|N: In Ihrem Buch gibt es auch Exkurse zu anderen Schauspielerinnen, die am Studio-System zerbrochen sind.

Foto: Sabine Hauswirth.

Ja, zwei habe ich v.a. herausgegriffen, Frances Farmer und Judy Garland. Aus heutiger Sicht einfach unglaublich und menschenverachtend, was diesen Frauen zugemutet wurde. Da wurde weder vor der Einlieferung in eine psychiatrische Klinik, Elektroschocks noch der süchtig machenden Behandlung mit Amphetaminen zurückgeschreckt. Ich glaube, Hedy hat schnell begriffen, dass sie als Kunstfigur v.a. eins sollte – Geld verdienen. Sie ist in Hollywood nicht glücklich geworden, aber sie ist nicht total zerbrochen am System Hollywood.

O|N: Was beeindruckt Sie an Hedy Lamarr besonders?

Sie hat so viele Krisen durchgemacht, da wären andere schon in die Depression verfallen. Sie ist immer wieder aufgestanden. Sie hatte immer diesen Willen, weiterzumachen. Wenn das Geld aus war, suchte sie sich den nächsten reichen Mann, oder sie drehte den nächsten Film, manchmal verklagte sie auch ein Unternehmen. Alles in allem war das ein extrem schwieriges Leben. Sie tat, was Frauen damals taten. Sie hat so autonom gelebt, wie es ihr damals möglich war. Und man muss immer das Drumherum berücksichtigen, Weltwirtschaftskrise, der beginnende Austrofaschismmus. In ihren Möglichkeiten hat Hedy den Ausbruch schon gewagt.

Das Interview führte Jutta Hamberger per Telefon.+++

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