Zu spüren, dass jemand da ist, ist für viele Sterbende hilfreich. - Foto (2):pixabay

BAD HERSFELD Jeder Mensch stirbt anders

Ökumenischer Hospizverein bietet Begleitung Schwerkranker und Sterbender

19.11.20 - Es war ein Schicksalsschlag, den Felicitas-Susanne Lamm bis heute nicht überwunden hat. Im Oktober 2002 verlor sie ihren erst 20-jährigen Sohn durch einen tragischen Verkehrsunfall. "Mein Sohn ist sofort verstorben, mir blieb die Entscheidung, ihn an Geräte anzuschließen, erspart". Sie hat in dieser schweren Zeit Trost und Halt gesucht und in Gesprächen mit gleich und ähnlich betroffenen trauernden Eltern gefunden, die von Trauerbegleiterinnen und Seelsorgern begleitet wurden.  Ein Angebot des Ökumenischen Hospizvereins Bad Hersfeld, dessen Vorsitz Felicitas-Susanne Lamm im Februar 2020 übernommen hat.

Felicitas-Susanne Lamm (vorn) und Martina Lotz-Hartwig begleiten Sterbende bis zum letzten Atemzug. ...Foto: Gudrun Schmidl

Schon viele Jahre engagiert sie sich in der Hospizarbeit, begleitet ehrenamtlich Schwerkranke und Sterbende. Mit dieser Aufgabe, die sie als sehr bereichernd empfindet, war sie schon als Tochter konfrontiert. Sie stand ihrer Mutter und auch ihrem Vater bis zum letzten Atemzug zur Seite. Als Sterbebegleiterin ist ihr bewusst, dass jeder Mensch anders stirbt. Felicitas-Susanne Lamm hat unzähligen Menschen in den letzten Stunden die Hand gehalten oder einfach mit ihnen geredet. Manche Sterbende sind dankbar über Körperkontakt, andere möchten das nicht. Sie erinnert sich nicht mehr an alle Namen, aber betont: "Man sieht die Menschen immer vor sich". Berührt ist sie von der gelebten ehrlichen Dankbarkeit, die ihr gilt.

"Wir betrachten Sterben als ein Geschehen, das natürlich zum Leben gehört wie das Geborenwerden".

 
Der Ökumenische Hospizverein begleitet auf Anfrage die Menschen zu Hause, im Krankenhaus und in Pflegeheimen, wo es immer wieder zu "Feuerwehreinsätzen" kommt, berichtet Martina Lotz-Hartwig, die als hauptamtliche Koordinatorin tätig ist. "Vor allem nachts sind manche Menschen kurz vor ihrem Tod sehr unruhig. Das sind häufig die, die mit dem Leben noch nicht abgeschlossen haben. Pflegekräfte in Heimen können die Betreuung eines solchen Sterbenden mit ihrem Arbeitspensum nur schwer leisten und brauchen Unterstützung. "Es ist wichtig, dass die Menschen spüren, es ist jemand da".

Häufig werden Sterbebegleiter von dem Sterbenden selbst oder von Familien gerufen, die sich eine neutrale Begleitung wünschen oder dringend auf Entlastung angewiesen sind. "Manche Angehörige trauen sich oft gar nicht mehr aus dem Haus. Unsere Anwesenheit gibt ihnen Freiraum für Einkäufe, Arztbesuche oder zum Kraft tanken". Vielfach sind Hinterbliebene von Schuldgefühlen geplagt, wenn sie ausgerechnet in der Todesstunde nicht am Sterbebett saßen. "Schuldgefühle müssen nicht sein. Wenn es passiert, hat der Verstorbene selbst bestimmt, dass er alleine sterben will", ist sich Martina Lotz-Hartwig sehr sicher. Umgekehrt ist es auch wichtig, den Sterbenden loszulassen. "Wenn du bereit bist, bin ich es auch", ist eine hilfreiche Geste, betont Martina Lotz-Hartwig, die früh den Tod ihrer Eltern verkraften musste. Als Krankenschwester betreute sie auf der onkologischen Abteilung der Vitalisklinik Schwerstkranke.

Sie absolvierte den vom Ökumenischen Hospizverein Bad Hersfeld angebotenen Qualifizierungskurs zur Betreuung Schwerkranker und Sterbender, der nach eigenen Angaben sehr viel mit ihr selber gemacht hat. "Es wurde mir vor Augen geführt, dass unsere Zeit begrenzt ist. Man genießt das Leben anders". "Schaffe ich das?" fragen sich viele Kursteilnehmer zu Beginn. Letztendlich gehen sie den gemeinsamen Weg mit einem Lächeln bis zum Abschluss. "Es entwickeln sich in der Zeit viele Freundschaften", weiß Martina Lotz-Hartwig, in deren Verantwortung es liegt, die Sterbebegleiterinnen passend zu den Hilfesuchenden auszuwählen. Die Koordinatorin macht sich zunächst ein Bild vor Ort und begleitet die Ehrenamtlichen zu einem ersten Treffen. "Es findet sich immer schon am ersten Tag ein Berührungspunkt", freut sie sich über ihre zumeist intuitiv getroffene Entscheidung. Wie die Sterbebegleitung nach Absprache gestaltet wird, obliegt dann den Sterbebegleiterinnen.

Das Sterben findet immer noch außerhalb der Gesellschaft statt. Es gehört aber zum Leben dazu und zeigt uns die ultimative Grenze unseres Seins auf. "Jede und jeder sollte auf den Tod vorbereitet sein. Der Abschied am Ende ist ausschlaggebend für eine Trauerarbeit", regt Martina Lotz-Hartwig an. Patientenverfügungen und das Wissen, wie sich die Verstorbenen ihre eigene Bestattung vorstellen, erleichtert die Trauer. Die Tatsache, dass der Corona-Pandemie geschuldet, immer mehr Verstorbene im engsten Kreis oder mit nur wenigen Trauernden in aller Stille beigesetzt werden, halten die engagierten Frauen für bedenklich. "Auch der Tröster, zu dem aktuell nicht eingeladen werden darf, hat sich positiv auf die Trauerarbeit ausgewirkt".

Wer eine Sterbe- oder Trauerbegleitung wünscht oder sich für Hospizarbeit und damit für einen Qualifizierungskurs zur Betreuung Schwerkranker und Sterbender interessiert, kann sich unter www.hospiz-hersfeld.de  oder telefonisch unter 06621-794742 / 0174 8010400 informieren. (Gudrun Schmidl) +++


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