Sie sind im Dauereinsatz im Kampf gegen die Corona-Pandemie: Landrat Bernd Woide und sein Vize Frederik Schmitt. - Collage: OSTHESSEN|NEWS / Hendrik Urbin

FULDA "Diese Pandemie betrifft alle!"

Landrat Woide und Vize Schmitt im O|N-Gespräch zur Lage und den Problemen

14.11.20 - Die Corona-Lage ist ernst - nicht nur in der Region, sondern bundesweit. Weil die Infektionszahlen weiterhin hoch sind, scheinen aktuell keine Lockerungen in Sicht. Am Montag beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Regierungschefs der Länder erneut zum weiteren Vorgehen in dieser Pandemie, einer Ausnahmesituation für ganz Deutschland. Das Ziel: die Zahl der Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner im Sieben-Tage-Durchschnitt wieder auf 50 zu senken. Der durch den Lockdown erhoffte "Wellenbrecher-Effekt" blieb bislang aus. Viele Behörden sind überlastet, die Krankenhäuser am Limit.

OSTHESSEN|NEWS hat mit den regionalen Krisen-Managern Bernd Woide und Frederik Schmitt gesprochen. Der Landrat und sein Vize, der zugleich Gesundheitsdezernet im Kreis Fulda ist, standen unserer Redaktion zu aktuellen Themen rund um die COVID-Lage im Kreis Fulda Rede und Antwort.

O|N: Noch immer steigen die Corona-Infektionszahlen rasant an. Wie bewerten Sie die aktuelle Pandemie-Lage im Landkreis Fulda?

Landrat Bernd Woide (CDU) ist Chef im Kreishaus und oberster Krisenmager der Region. ...

Bernd Woide: "Wir erleben gerade sehr deutlich, wie dynamisch die Situation tatsächlich ist. Von Anfang Oktober bis heute haben sich die Infektionszahlen verzehnfacht. Seit etwa anderthalb Wochen pendelt die 7-Tage-Inizidenz um den Wert 100. Wir müssen feststellen, dass die Bewertung der Lage anhand von Zahlen mindestens so komplex ist wie die Pandemie selbst. Zahlen sind das Eine. Das Entscheidende ist jedoch, dass unsere medizinische Kapazität ausreichen muss, um jedem die Behandlung zu gewähren, die er benötigt. Man konnte davon ausgehen, dass die Infektionszahlen auch in unserer Region steigen würden. Mich hat aber überrascht, wie schnell das der Fall gewesen ist. In der jetzigen Situation gibt es keine einfachen Antworten, obgleich es sehr menschlich ist, sich das zu wünschen. Aber wir können feststellen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Fulda in der überwiegenden Zahl sehr verantwortungsbewusst verhalten. Dafür bin ich wirklich dankbar."

O|N: Ihre Behörde steht hier in der Region im Fokus. Die Hauptlast liegt auf dem Gesundheitsamt. Sind die Aufgaben noch zu schaffen?

Vize-Landrat und Gesundheitsdezernent Frederik Schmitt (CDU): "Die Aufgaben sind ganz klar eine große Herausforderung.“ ...

Frederik Schmitt: "Die Aufgaben sind ganz klar eine große Herausforderung, die seit Mitte Oktober noch einmal erheblich gewachsen ist. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten sehr hart und ausdauernd. Das kostet alle eine Menge Kraft. Seit dem Frühjahr arbeiten wir dort sieben Tage die Woche und geraten dabei natürlich auch immer wieder an die Grenzen der Belastbarkeit. Das können wir teils durch personelle Verstärkung auffangen. Gleichzeitig passen wir unsere gesamte Organisation der dynamischen Entwicklung an."

O|N: Wie viele Mitarbeiter verfolgen derzeit ganz konkret die Kontakte von Infizierten zurück?

Frederik Schmitt: "Mit der Entwicklung, die seit Oktober derart an Fahrt aufgenommen hat, haben wir unser Corona-Team verdoppelt. Über den Sommer arbeitete der Bereich mit 50 bis 60 Personen, mittlerweile sind es mehr als 130. Fast 80 Frauen und Männer sind im Kontaktpersonen-Management tätig."

O|N: Ist daran gedacht, dieses Personal zeitnah weiter aufzustocken, um die Effizienz zu erhöhen? Wenn ja, wie viele Mitarbeiter sind nötig und wer ist für diese Aufgabe qualifiziert?

Frederik Schmitt bei einem Termin im COVID-19 Testcenter der KV am Klinikum Fulda. ...

Frederik Schmitt: "Die Überprüfung, wie viele wir an welchen Stellen benötigen, erfolgt permanent. In manchen Bereichen akquirieren wir Kräfte mit medizinischem Hintergrund, in anderen Bereichen benötigen wir Personen mit Erfahrung in den Abläufen öffentlicher Verwaltung. Seit Anfang dieser Woche arbeiten zudem drei Soldaten der Bundeswehr im Team. Sie unterstützen das Testcenter der Kassenärztlichen Vereinigung."

O|N: Welche technischen Hilfsmittel stehen dem Gesundheitsamt und dessen Mitarbeitern zur Verfügung, um die Kontaktverfolgung so schnell und effektiv wie möglich zu gewährleisten?

Bernd Woide: "Das Gesundheitsamt ist ein Fachdienst der Kreisverwaltung und damit in die generelle Hard- und Softwarestruktur der IT im Landkreis Fulda eingebunden. Darüber hinaus bestehen natürlich besondere Anforderungen gerade im Hinblick auf die Kontaktpersonen-Nachverfolgung."

O|N: Ist eine schnellstmögliche Bereitstellung einer entsprechenden Software für die Nachverfolgung sichergestellt?

Frederik Schmitt: "Eine Software-Lösung, die speziell auf die Anforderungen eines Gesundheitsamtes in einer Pandemie-Situation konzipiert ist, gab es bis vor einigen Monaten nicht. Daher hat auch der Bund den Ländern und damit den Kommunen im Rahmen des Paktes für den Öffentlichen Gesundheitsdienst dafür Mittel zur Entwicklung und zum Einsatz einer solchen Software zur Verfügung gestellt. Wir haben uns als Zwischenlösung für eine Software des Helmholtz-Institutes Braunschweig entschieden. Dessen Entwicklung wird derzeit stark durch das Bundesministerium für Gesundheit gefördert und auf den Einsatz für Corona angepasst."

O|N: Uns liegen mehrere Beschwerden von Eltern und Lehrern verschiedener Schulen vor, die alle monieren, dass sie viel zu spät darüber informiert wurden, dass es einen positiv getesteten Schüler in ihrer Klasse bzw. der ihrer Kinder gab. Was wird in solchen Fällen unternommen?

Das Landratsamt in der Fuldaer Wörthstraße.

Bernd Woide: "Grundsätzlich hat der Landkreis bis Mitte Oktober zumeist die direkten Sitznachbarn eines sogenannten Indexfalles quarantänisiert. Mit dem massiven Anstieg der Infektionszahlen ab Mitte Oktober sind wir dazu übergegangen, die gesamte Klasse zu quarantänisieren. Das bedeutet einen großen Aufwand bei der Nachverfolgung der Kontaktpersonen. Bei einem positiven Fall sind manchmal 5 Personen zu informieren, manchmal aber auch 20. Angesichts des enormen Anstiegs der Infektionszahlen und bei Tageswerten von 50 Neuinfektionen gab und gibt es Tage, an denen bis zu 500 Kontaktpersonen anzurufen sind. Es ist keine Frage, dass es auch im Landkreis Fulda Phasen gab und gibt, in denen wir die hohen Fallzahlen zeitnah nicht abarbeiten können. Das ist keine singuläre Situation, sondern betrifft fast alle Gesundheitsämter deutschlandweit. Entsprechend hatte der Landkreis beispielsweise aufgrund zweier größerer Infektionscluster (außerhalb des Bereichs Schule) die Kommunikation dazu in Abstimmung mit dem Staatlichen Schulamt zeitweise an die Schulen delegiert. Aktuell passen wir die Organisation an und prüfen wieder jeden positiven Fall im Hinblick auf die Möglichkeit, ausschließlich die direkten Sitznachbarn zu quarantänisieren."

O|N: Es gab in den letzten Wochen immer wieder Probleme an den Corona-Testcentern im Kreis Fulda. Sind diese Probleme jetzt behoben und wie ist die aktuelle Situation?

Frederik Schmitt: "Mittlerweile haben wir das Zentrum umgebaut. Gleichzeitig werden die Patienten durch Terminierung gesteuert, und die Kassenärztliche Vereinigung hat die Kapazität verdoppelt. In dieser Woche betrug die Wartezeit im Durchschnitt zehn Minuten. Die Situation dort ist gut."  

O|N: Wagen Sie eine Prognose, wie sich die Pandemiezahlen im Kreis Fulda bis Ende des Jahres weiterentwickeln?

Bernd Woide: "Mit Prognosen muss man vorsichtig sein. Auch Wissenschaftler mit großer Expertise haben sich in dieser Pandemie immer wieder einmal geirrt – und das ist nachvollziehbar: Diese Situation ist für alle Neuland, und wir lernen täglich mehr über dieses Virus, seine Gefährlichkeit, seine Anfälligkeit und unsere Möglichkeiten, sich und andere zu schützen. Entsprechend müssen wir unser Handeln anpassen. Nach wie vor ist das Thema Eigenverantwortung von entscheidender Bedeutung. Und sie darf nicht enden mit dem Lockdown oder dem Jahresende."

O|N: Wir leben seit elf Tagen im "Lockdown light". Greifen die Maßnahmen der Landesregierung und braucht es aus Ihrer Sicht noch eine Verschärfung?

Landrat Woide: "Die Einschränkungen über die Zeit hinweg mitzutragen, fällt sicher leichter, wenn man deren Notwendigkeit versteht." ...

Bernd Woide: "Ich nenne den gegenwärtigen Lockdown ungern light. Denn man darf nicht vergessen: Wir verlangen den Menschen schließlich einiges ab. Die Einschränkungen über die Zeit hinweg mitzutragen, fällt sicher leichter, wenn man deren Notwendigkeit versteht. Doch die Komplexität und die Dynamik, mit der uns das Virus konfrontiert, stellen uns immer wieder vor neue Fragen und Herausforderungen, die zu veränderten Regelungen führen – und manchmal auch zu Verwirrung. Deswegen müssen wir erklären und für Verantwortung werben: Die Akzeptanz der AHA-Regeln und die Bereitschaft, sich daran zu halten, ist wichtig und eminent wirkungsvoll – und damit vielleicht effektiver als schärfere Regeln. Im Kern geht es immer um das Eine: um die Gesundheit des Einzelnen und damit um den gesundheitlichen Schutz von uns allen."

O|N: Zum Abschluss: Welche Botschaft richten Sie an die Menschen in der Region?

Frederik Schmitt: "Als erstes gilt allen mein Dank. Dass unsere Region seit März die Pandemie vergleichsweise gut durchschritten hat, liegt vor allem an den Menschen und ihrem Verantwortungsbewusstsein. Das ist längst nicht in allen Regionen der Fall. Und das führt uns sehr deutlich vor Augen, worauf es bei dieser der Krise im Besonderen ankommt: Diese Pandemie betrifft alle und muss auch von allen gemeinsam bewältigt werden."

O|N: Vielen Dank für das Gespräch. - Unsere Redaktion berichtet im Corona-Live-Ticker permanent über die aktuelle Lage und in weiteren Berichten über Details und Hintergründe zur Pandemie. (Christian P. Stadtfeld) +++


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