Irmgard Braun-Lübcke - Foto: picture alliance/REUTERS/ POOL

FRANKFURT AM MAIN Ernst entschuldigt sich unter Tränen

Lübcke-Witwe zum Mörder ihres Mannes: "Sagen Sie die Wahrheit!"

17.11.20 - Es ist 11:25 Uhr, als Irmgard Braun-Lübcke dem Mann gegenüber sitzt, der mutmaßlich ihren Mann Walter umgebracht hat. Dieser Montag im Verfahren um den Mord an Walter Lübcke ist wohl einer der emotionalsten Prozesstage überhaupt. "Das Leben ist jetzt ein ganz anderes. Ich weiß nicht, wie wir es schaffen, wieder ein normales Leben führen zu können", sagt die Witwe Irmgard Braun-Lübcke weinend im Zeugenstand.

Als der Verteidiger des Angeklagten ankündigt, dass sich Stephan Ernst äußern will, ist es plötzlich ganz still im Saal. Unter Tränen sagt der Mann, der wegen Mordes an Walter Lübcke angeklagt ist: "Es tut mir leid. Es tut mir unendlich leid." Irmgard Braun-Lübcke fordert ihn - ebenfalls unter Tränen -  auf: "Sagen Sie die Wahrheit. Nur das kann uns helfen. Mein Mann kommt nicht mehr zurück. Helfen Sie wenigstens da."

Der Angeklagte Stephan Ernst Foto: Jan Huebner/Pool/O|N

"Ich dachte an einen Herzinfarkt"

Die 67-Jährige schildert, wie sie und ihr Mann Walter sich am Tattag gefreut hatten, dass sie Besuch von ihrem kleinen Enkel bekamen. "Wir waren an diesem Tag in großer Freude", schluchzt die Witwe. Ihr Mann habe am Nachmittag noch den Garten gegossen und dann mit dem Enkel auf der Terrasse gespielt. "Ich habe das Kind dann ins Bett gebracht. Walter saß mit einem Bekannten auf der Mauer vor dem Haus. Sie haben viel gelacht. Es war eine wunderbare Stimmung. Ich selbst habe mich dann aber zum Enkel schlafen gelegt. Der erste Abend mit ihm sollte doch gelingen", sagt Braun-Lübcke. Später sei Walter nochmal zu ihr gekommen. Er habe ihr Hotels am Steinhuder Meer und in der Rhön gezeigt. Zu diesem Zeitpunkt  wussten sie noch nicht, dass sie den geplanten Kurzurlaub nie gemeinsam antreten würden.

In der Nacht wurde sie von ihrem Sohn Jan-Hendrik geweckt. "Da wusste ich schon, dass etwas passiert sein muss. Aber doch kein Mord. Ich dachte an einen Herzinfarkt", sagt die Pensionärin. Als sie auf die Terrasse kam, waren bereits Sanitäter vor Ort. Ihr Sohn habe den Vater zuvor zu reanimieren versucht. "Im Krankenhaus wurde uns gesagt, dass mein Mann verstorben ist. Wir haben gefragt, warum Blut an der Wand war. Der Arzt sagte uns dann, dass man ein Projektil in seinem Kopf gefunden hat."

"Unser Leben wurde dadurch zerstört"

Walter Lübcke sei ein lebenslustiger Mensch gewesen. Er wollte in Kürze in Ruhestand gehen. Wollte endlich mehr Zeit mit seinen Enkeln und seiner Frau verbringen. "Das Opa-sein wurde ihm durch einen perfiden Mord genommen. Er fehlt uns unendlich. Auch unser Leben wurde dadurch zerstört", sagt die Witwe.

Der tödliche Hass auf Lübcke war bei Stephan Ernst nach einer Infoveranstaltung 2015 zur Ansiedelung von Flüchtlingen in Kassel aufgekommen. "Nach dieser Veranstaltung war mein Mann unglücklich, dass nur ein Teil seiner Aussage ins Netz gestellt wurde. Das hat ihn berührt." Lübcke sei damals in Sorge um seine Familie gewesen. Um sich selbst habe er keine Angst gehabt. "Es ist schrecklich, wenn aus Worten Taten werden." Familie Lübcke sieht Markus H., dessen Haftbefehl vor wenigen Tagen aufgehoben wurde, als mitverantwortlich für die Tat an.

Foto: Frank Röth/ Pool

Er wurde auf seinem Lieblingsplatz erschossen

Ernsts Verteidiger versprach, dass der Angeklagte alle offenen Fragen der Familie aufklären will. "Es fällt uns so schwer, hier zu sein. Die Situation ist ganz schrecklich - besonders das auszuhalten, wie H. gegrinst hat und dass er sich nicht äußert", sagt Irmgard Braun-Lübcke. Die offenen Fragen, die sie belasten, seien unter anderem: Hat mein Mann H. ins Gesicht geschaut? Hat er Stephan Ernst gesehen? Gab es ein Gespräch? "Die volle Wahrheit würde uns helfen, das zu verarbeiten."

Im Juni hätten die Lübckes ihren 40. Hochzeitstag feiern können. Sie saßen oft zusammen auf der Terrasse. Auch an dem Tag, an dem der Regierungspräsident starb. "Wir hatten auf der Terrasse immer unsere Stammplätze. Mein Mann wurde ausgerechnet auf seinem Lieblingsplatz erschossen", sagt Braun-Lübcke bitter. (Moritz Pappert) +++


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