Städtischer Friedhof in Fulda - Fotos (3): Jutta Hamberger

FULDA O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen (4)

Mitch Albom: "Dienstags bei Morrie" - Sterben lernen, heißt leben lernen

23.11.20 - "Hast Du viel über den Tod nachgedacht, bevor Du krank wurdest?", fragte ich. "Nein", sagte Morrie lächelnd. "Ich war wie alle anderen. Einmal sagte ich in einem Moment der überschwenglichen Freude zu einem Freund: ‚Ich werde der gesündeste alte Mann sein, dem Du je begegnet bist!‘" "Wie alt warst Du?" "Über 60." "Also warst Du optimistisch." "Warum nicht? Wie ich schon sagte: Niemand glaubt wirklich, dass er sterben wird." "Aber jeder kennt jemanden, der gestorben ist", sagte ich. "Warum ist es so schwer, über das Sterben nachzudenken?" "Weil", fuhr Morrie fort, "die meisten von uns wie Schlafwandler durch die Gegend laufen. Wir kosten das Leben nicht voll aus, weil wir ständig im Halbschlaf sind und Dinge tun, von denen wir glauben, wir müssten sie tun." "Und all das verändert sich durch die Konfrontation mit dem Tod?" "Oh ja. Du streift all das unnütze Zeug ab und konzentrierst Dich auf das Wesentliche. Wenn Du erkennst, dass Du sterben wirst, siehst Du alles mit ganz anderen Augen." Er seufzte. "Lerne, wie man stirbt, und Du wirst lernen, wie man lebt."

Mitch Albom hat ein berührendes Buch über das Sterben geschrieben ...Autorenfoto: Jenny Risher

Diese kleine Szene aus "Dienstags bei Morrie" ist so etwas wie ein Schlüssel zu diesem berührenden Buch. Dieses Buch hat übrigens mich gefunden, nicht umgekehrt. Denn manchmal meint das Schicksal es sehr gut mit uns und schickt uns in einer bestimmten Lebensphase genau das richtige Buch vorbei. Ich selber hätte ziemlich sicher nie nach diesem Buch gegriffen, weil ich zuviel Innerlichkeit, Sentimentalität oder gar Schmalz befürchtet hätte. Da sich das Buch nach dem Tod meiner Mutter aber zu einem Lieblingsbuch meines Vaters entwickelte und er unbedingt wollte, dass ich es lese, tat ich es – und habe das nicht bereut. Womöglich war das ja die erste Lektion, die mir Morrie erteilte.

Niemand entkommt dem Tod

Die oben zitierte Szene klingt vielleicht in Ihnen nach, womöglich erinnert sie Sie an etwas. Jetzt im November, der ja nicht von ungefähr Totenmonat genannt wird, gedenken wir unserer Verstorbenen in ganz besonderer Weise. Die Gräber werden hergerichtet, es gibt die Gräbersegnung, in den Gottesdiensten an Allerseelen rückt das Thema Tod ins Zentrum. Am Buß- und Bettag sind wir aufgerufen, über uns selbst nachzudenken und unsere Lebensbilanz kritisch zu hinterfragen. Der heutige Totensonntag ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr, der letzte Sonntag vor Beginn des Advents, in dem wir uns auf den Neuanfang, auf eine Geburt vorbereiten.

Ein guter Tag also, um nochmals innezuhalten. Jeder kennt jemanden, der gestorben ist, und viele von uns haben den Tod eines geliebten Menschen erlebt und durchlitten. Trotzdem stimmt Morries Satz: Niemand glaubt wirklich, dass er sterben wird. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Tod an den Rand gedrängt hat. Der Tod gelangt fast nur als plötzliches Geschehen (Unfall, Mord etc.) in unser Bewusstsein, und kann dann durchaus zu so etwas wie kollektiven Trauer-Lagerfeuern führen – man denke nur an den weltweiten Traueraufruhr 1997, als Lady Di tödlich verunglückte. Uns berührt der frühe Tod eines Kindes, wir haben heftige Gefühle angesichts von Unfalltoten oder Ermordeten. Was aber ist mit dem alltäglichen Tod?

Es gibt eine seltsame Schizophrenie in Sachen Tod: Wenn wir über unseren Tod nachdenken oder ihn uns vorstellen, oder wenn wir dem Tod im Film oder Fernsehen begegnen (und es sich nicht um die Variante plötzlicher Tod handelt), dann folgt dies fast immer demselben Muster: Der/die Sterbende ist wach bis zum Schluss, liegt friedlich in seinem Bett, zuhause, umgeben von der Familie, richtet weise Worte an alle und zack, schläft er/sie friedlich ein. Mit der Realität hat das allerdings nichts zu tun. Diese Art von Märchenerzählung ist symptomatisch dafür, wie wir uns mit unserer eigenen Sterblichkeit nicht beschäftigen. Zentrale Aspekte des Sterben kennen wir nicht – oder wollen wir nicht kennen. Wir haben den Bezug zum Sterben oft genug verloren. Das gilt für Angehörige genauso wie für Sterbende – beide klammern sich oft lange, zu lange an die Vorstellung, man könne doch sicher geheilt werden. Dem Tod ins Auge blicken wir oft erst dann, wenn wir wirklich nicht mehr ausweichen können.

100 Prozent Menschen, die man danach fragt, wie sie sterben wollen wünschen sich: zuhause in meinem Bett, friedlich, schnell. Auch das hat mit der Realität nichts zu tun. Im Gegensatz zu diesem Wunsch sterben in Deutschland seit Jahren konstant ca. 46 Prozent aller Menschen in einem Krankenhaus, die meisten nach Wochen oder Monaten einer tödlichen Krankheit. Faktoren wie Palliativversorgung, Hausarzt- und Hospizbettendichte haben einen Einfluss auf den Sterbeort – je besser diese Indikatoren sind, umso eher kann der Wunsch nach dem "Tod zuhause" erfüllt werden. Und noch etwas macht nachdenklich: Die Medizin tut alles dafür, um Todesursachen auszurotten. Fakt bleibt aber, dass für jede ausgerottete Todesursache eine neue um die Ecke kommt. In den 1980er Jahren konnte man das am Beispiel des bis dahin unbekannten Aids-Virus erleben, aktuell hat das Corona-Virus diese Rolle übernommen. Wir entkommen dem Tod nicht, egal wie sehr wir uns anstrengen.

Ein Seminar übers Sterben

Alboms Buch ist ein Buch über den Tod und über das Sterben. Und deshalb ist es ein Buch über das Leben. Albom erzählt, wie er als erfolgreicher Sportjournalist nach dem Studium rasch Karriere gemacht und darüber ein Versprechen vergessen habe, das er seinem damaligen Lieblings-Professor gegeben hatte: Wir bleiben in Kontakt. Durch eine Fernsehsendung erfährt er zufällig 16 Jahre später, dass dieser Professor Morrie Schwartz an ALS erkrankt ist. Und beschließt, ihn ein letztes Mal zu besuchen, denn er weiß, die Zeit ist knapp.

Wie wohl jeder, der einen Todkranken besucht, fühlt Mitch sich fehl am Platz, unbeholfen, weiß nicht, was er sagen und wie er mit der gesamten Situation umgehen soll. Morrie aber ist von tiefer Heiterkeit und Gelassenheit. Er schlägt Mitch einen letzten Kurs vor, nur für ihn, und das Thema ist das Sterben. Die wöchentlichen Treffen bei dem alten Herrn bedeuten für Mitch ziemlichen Aufwand, denn es sind jeweils 700 km Flugreise. "Die Klasse fand dienstags statt und begann nach dem Frühstück. Man brauchte keine Bücher. Das Thema war der Sinn des Lebens. Die Lektionen basierten auf der Erfahrung".

14 Dienstage sind es, die Mitch mit Morrie verbringt, 14 Lektionen in Leben, Sterben, Helfen, Leiden, traurig sein, weise sein. Mit leichter Hand schwingt der Roman von anspruchsvollen philosophischen Fragen nach dem Sinn oder einer göttlichen Existenz zu ganz pragmatischen wie Toilettengängen, Ernährung, Naseputzen, Rollatoren oder Fußmassagen. Morrie ist todkrank, er weiß, er wird sterben, und er erspart seinem Studenten weder das Wissen um den Tod noch die Begleitumstände des Sterbens. Er macht ihn zu einem integralen Bestandteil seines Sterbens, und Sterben bzw. den eigenen Tod zu seinem letzten Projekt, und bezieht Mitch – auch ganz praktisch – in alles ein. Immer wieder wird Mitch darauf gestoßen, wie wenig er über den Tod weiß, und auch ganz speziell über den Tod durch ALS.

Die wunderbaren italienischen Köstlichkeiten, die er Morrie mitbringt, kann dieser längst nicht mehr essen, weil er nur noch breiartige, leichtverdauliche Dinge zu sich nehmen kann. Und dennoch sind diese Mitbringsel kein "Fehler", sondern ein Zeichen für die tiefe Verbundenheit beider. Mitch lernt, dass es nicht nur im Sterben, sondern vor allem im Leben darum geht, diesem Bedeutung zu verleihen. Es geht auch darum, die Würde zu bewahren, erst recht in Situationen, in denen das schwer fällt. Morrie ist von Woche zu Woche mehr auf die Hilfe anderer angewiesen. Um Hilfe bitten – wem fiele das nicht schwer?

Morrie beschließt, seine Situation so anzunehmen wie ein Säugling, der ja auch akzeptiert, dass seine Eltern rund um die Uhr für ihn da sind. Und ganz selbstverständlich bezieht er seinen Studenten in die Sterbe-Begleitung ein – egal, ob es darum geht, ihm auf die Toilette zu helfen, ihn zu füttern oder anzuziehen. Wenn die Krankheit oder die Schmerzen übermächtig sind, spielt Morrie nicht den Helden, sondern überlässt sich den Schmerzen. Er verbirgt den immer rascher voranschreitenden Zerfall nicht, er macht ihm zum Gegenstand seines Lehrens. Er erspart Mitch nichts, und schenkt ihm genau deshalb so viel. Schau genau hin, denn sonst siehst und verstehst Du nichts - das gilt auch für den Tod.

Wenn ich etwas gebe, fühle ich mich lebendig

Diesen Zwischenzustand anzunehmen, in dem man weiß, der Tod ist unausweichlich, man kann aber nicht genau sagen, wann er eintritt, ist für den Sterbenden genauso wie für sein Umfeld eine Herausforderung. Wer es selbst schon erlebt hat, wird die Warmherzigkeit, Ehrlichkeit und Fröhlichkeit dieses Buchs als besonders tröstlich empfinden. Auch im Sterben, auch im Tod hat der Mensch etwas zu geben.

Als meine Mutter im Sterben lag, hatte sie wenige Tage vor ihrem Tod noch einmal sehr klare Phasen. Wir beide wussten um ihren herannahenden Tod. Alles, was sie mich fragte, alles, was sie mir an diesem Tag sagte, hatte damit zu tun, dass sie sich um mich sorgte und unglücklich darüber war, dass sie so wenig für mich tun konnte. Sie sorgte sich, ob ich mich genügend ausruhe, ordentlich gegessen hatte, lieber woanders sein wollte und ob es mir zuviel sei, sie im Krankenhaus zu besuchen. Ihr letzter Satz an mich war: "Ich will Dir nur sagen, dass Du heute abend das Licht ausmachst." Ich habe diesen etwas rätselhaften Satz in diesem Moment, mehr noch später beim Nachdenken darüber als ihren Auftrag an mich empfunden. Das Leben geht weiter, wo ein Licht ausgeht, geht auch ein Licht an, die Aufgabe ist, anderen ein Licht zu sein. Geben bedeutet Leben.

Eine der Fragen, die Mitch sich am Ende stellt, ist, wer tröstet hier eigentlich wen? – und sich beantwortet: Der Sterbende den Lebenden. Die vielleicht wichtigste Lektion hat er verinnerlicht: Im Leben ist es nie zu spät, man kann jeden Tag neu anfangen, Dinge tun, die man vernachlässigt hat, sich um Menschen kümmern, die man aus dem Blick verloren hat, die Welt um sich herum bewusster wahrnehmen. "Morrie wollte sich selbst geben. Irgendwann während seines Sterbeprozesses begann er das als seine Form von Unsterblichkeit zu erachten. Geben bedeutet Leben."

Weiterführende Lektüre

Vielleicht mögen Sie nach "Dienstags bei Morrie" noch ein wenig tiefer in das Thema Tod und Sterben einsteigen? Dann empfehle ich Ihnen hier fünf Bücher, die für mich ausgesprochen hilf- und trostreich in meinem eigenen Trauerprozess waren:

Julian Barnes: "Nichts was man fürchten müsste" (Kiepenheuer & Witsch)

Gian D. Borasio: "Über das Sterben" (dtv)

Jennie Dear, "Wie fühlt es sich an zu sterben?" (Trias)

Jenny Erpenbeck: "Aller Tage Abend" (Penguin)

Marianna Leky: "Was man von hier aus sehen kann" (Dumont)

Website des Autors: https://www.mitchalbom.com/ - dort finden Sie auch mehr Material über Mitch und Morrie, z. B. den Podacst der sog. Tuesday People: https://www.mitchalbom.com/books/tuesdays-with-morrie/

Verfilmung: Wenn Sie Dienstags bei Morrie sehen möchten: Das Buch wurde unter gleichem Titel verfilmt mit Jack Lemmon (übrigens in seiner letzten Spielfilmrolle) und Hank Azaria. Aktuell leider nur antiquarisch erhältlich.+++

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Foto: Nicole Dietzel, Dinias


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