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Darauf dürfen wir stolz sein: die friedliche Revolution im Herbst 1989 - Symbolbild: pixabay

FULDA O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen (5)

Provokation für Briten - John Kampfner: "Why the Germans do it better"

29.11.20 - Wir Deutschen tun uns mit dem Deutschsein noch immer ziemlich schwer. Im Jahr 2012 stellte Ulrich Schmidt-Denter, Professor für Psychologie an der Universität zu Köln, bei einer Untersuchung zum deutschen Nationalgefühl fest: "Im Vergleich mit anderen Ländern ist die nationale Identität in Deutschland am schwächsten". Mehr als 6.000 Jugendliche und Eltern wurden damals befragt, und einer von ihnen sagte: "Ich glaube, ich wäre gerne Brite. Mich fasziniert das Nationalgefühl, was die Briten haben, ich find das oft ulkig, aber auch echt interessant."

Und damit bin ich bei dem faszinierenden Buch "Why the Germans do it better" von John Kampfner, das gerade bei Atlantic Books, London erschienen ist, es sofort auf die Bestsellerliste der Sunday Times schaffte und bereits in allen großen deutschen Zeitungen besprochen wurde. Der Titel ist nicht nur in Brexit-Zeiten eine Provokation für das Heimatland Kampfners. Es ist ja noch nicht so lange her, dass Deutsche in englischen Medien nur als "Krauts" vorkamen und es nur darum ging, uns wegzu"blitzen". Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten längeren England-Aufenthalt Mitte der 1970er Jahre, Familienvater Chris rief mich immer vor den Fernseher, wenn im Filmen Deutsche vorkamen, "Jutta, look, there are Germans on TV!" Er meinte das ganz lieb, aber mir war das immer entsetzlich peinlich, weil ich mit diesen Nazi-Karikaturen so gar nichts am Hut hatte. Lieber schaute ich mit ihm endlose Kricketspiele, deren Regeln mir unverständlich blieben – bis heute. Und jetzt diese Komplimente? Von einem Autor, dessen Vater Jude war und vor Hitler fliehen musste?

Autor John Kampfner macht den Deutschen unerwartet Komplimente Foto: Lucy Thompson

Für sein Buch ist Kampfner mehrfach kreuz und quer durch Deutschland gereist und hat mit vielen, sehr unterschiedlichen Menschen gesprochen. Ich gebe zu, ich rieb mir leicht verwundert die Augen bei seiner Aufforderung, doch bitte mal mit Stolz auf das zu schauen, was dieses Land – mein Land – leistet und geleistet hat. Ja gut, made in Germany (übrigens ein von den Briten erfundenes Label), wir können Autos, wir sind zuverlässig, ordentlich und pünktlich, wir können gut organisieren, aber wir sind doch auch etwas langweilig und oft besserwisserisch. Wir kritisieren besser als wir loben. Aber was machen wir denn besser als andere Nationen? Ich war ratlos. Und dann kamen mir auf einmal die Bilder der Fußball-WM 2006 in den Sinn, und ich musste lächeln. Das waren wunderbare Wochen, das war eine Zeit, in der wir uns mochten und uns trauten, das auch zu zeigen. Es waren Wochen, in denen wir gemocht wurden. Ich habe die WM in München erlebt, wirklich die ganze Stadt feierte, jedes Team und seine Fans wurden umarmt und aufgenommen und in die große WM-Feierstimmung integriert. Bei den Fanfesten waren Menschen aller Nationen fröhlich und ausgelassen vereint. Wir waren wunderbare Gastgeber. Und ja, organisiert haben wir auch wie echte Weltmeister. Allerdings – siehe die oben zitierte Studie – dieses Gefühl war wohl nicht wirklich nachhaltig. Okay, Mr. Kampfner, ich bin jetzt bereit, mich mit Deinem Buch und Deiner These auseinanderzusetzen.

Schon Goethe und Tucholsky mochten ihre Landsleute nicht

In Deutschland ist die Politik der Kultur gegenüber sehr aufgeschlossen – ein Beispiel ...Foto: © 1972 Christo

Dass wir mit uns selber hart ins Gericht gehen, ist übrigens keine Errungenschaft der Neuzeit oder, wie man vielleicht annehmen könnte, auf die Zeit des Nationalsozialismus und unsere Auseinandersetzung damit zurückzuführen. Nein, uns selber hassen konnten wir schon viel früher. Beispiele gefällig? "Barbaren von Alters her" (Hölderlin), "Germania, mir graut vor Dir!" (Herwegh), "…in meinen tiefsten Instinkten allem, was deutsch ist, fremd…" (Nietzsche), "Sie (gemeint die Deutschen) mögen mich nicht? Ich mag sie auch nicht!" (Goethe), "Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen." (Tucholsky). Uff. Und da kommt dieser britische Autor daher und schickt uns eine Liebeserklärung in Buchform? Das ist es doch allemal wert, sich genauer anzuschauen.

Deutschland sei ein "Bollwerk für Demokratie und Bescheidenheit, die Geschichte dieses Landes will ich erzählen", so Kampfner in der Einleitung. Nicht alle (britischen) Leser sind es gewohnt, Deutschland als moralischen und politischen Leuchtturm zu sehen, vor allem nicht die, die noch immer von der Churchill-Zeit schwärmen, dem Empire nachtrauern und "Britannia rules the waves" schmettern. Es ist dieser Geist, der das Königreich aus der EU geführt hat, der die Briten glauben lässt, allein stärker zu sein als im Verbund, der an die alten Großmachtzeiten erinnert und in alter Glorie schwelgt. Uns Deutschen würde das nicht einfallen. Von wegen alte Glorie. Wilhelm Zwo und Hitler taugen dafür nicht. Wir mussten neu anfangen, ganz unten und ganz neu. Es war uns offenbar eine Lehre. Und es hat uns auch stark gemacht – vielleicht weil wir intuitiv wissen, dass der Kanzlerinnen-Satz "Wir schaffen das" etwas Urdeutsches in sich trägt.

Was Deutschland leistet und geleistet hat

Deutsche Politiker haben nicht nur keine Angst vor ihr, für sie gehört Kultur einfach ...Foto: picture alliance Matthias Balk/dpa

Kampfners Maßstab für Deutschland, das durchaus mit großen Problemen zu kämpfen hat, ist dieser: "Das Maß, auf das es wirklich ankommt – egal ob bei einer Institution oder einem Individuum – sind nicht die Probleme, mit denen man konfrontiert ist, sondern wie diese gelöst werden. Und genau bei diesem Test ist das Deutschland von heute ein Land, das man beneiden kann." Gerade die Corona-Epidemie habe jedes Land vor den ultimativen Test gestellt. Wer den nicht bestanden hat, ist klar, "Großbritannien lieferte eine Fallstudie, wie man nicht mit einer Krise umgeht." Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, in dem sich Deutschland erneut bewähren muss und die Resilienz des Landes erneut einem Test unterzogen wird. Kampfner ist zuversichtlich, dass Deutschland es wieder schafft, weil es immer wieder zu großen Anstrengungen in der Lage war.

Zu den großen Leistungen Deutschlands zählt Kampfner

die acht Kanzler/innen des Landes, die alle von beachtlicher Statur waren,

das großartige Grundgesetz,

die weitgehend reifen politischen Debatten,

die unverbrüchliche Verankerung im Westen,

die kraftvolle Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit,

die starke Wirtschaftsleistung,

das Wachsen an vier historischen Ereignissen, die das Land geprägt haben: 1949 (Grundgesetz), 1968 (Rebellion der Jungen und Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich), 1989 (Fall der Mauer) und 2015 (Flüchtlingskrise)

Wir wären alle irgendwie gern Engländer

Kampfner weiß, dass wir Deutsche seine Heimat lieben, bewundern, manchmal auch beneiden. Die Beatles feierten ihren Durchbruch in Hamburg. Kein Land hat mehr Fans der Royals aufzubieten als wir und es gibt unzählige Presseerzeugnisse, in denen über unsere Lieblings-Königsfamilie berichtet wird. Die Premier League wird hier genauso obsessiv geschaut wie im Mutterland des Fußballs, und das nicht erst seit ‚Kloppo‘. Mit Rosamund Pilcher haben wir Cornwall lieben gelernt, und im Lake District haben viele Camper ein deutsches Autokennzeichen. Monty Python und Mr. Bean haben uns beigebracht, was Witz und Ironie sind. "Downton Abbey" haben wir mit der gleichen Wehmut über vergangene Zeiten gesehen wie die Briten. Und Silvester ohne "Dinner for One" (eine deutsche, keine britische Produktion) – undenkbar. Cool Britannia – da haben wir schon immer genickt.

Kampfner hält uns entgegen, dass

wir das einzige Land sind, das funktionierende Kippfenster herstellen kann (und wenn Sie mal im Königreich versucht haben, die Luft, nicht aber den Regen reinzulassen wissen Sie, was er meint!),

wir an zentraler Stelle in Berlin und unübersehbar ein Holcoaust-Denkmal aufgestellt haben,

unser politisches System die Fähigkeit hat, "Aufständige" zu absorbieren und zu integrieren (am schönsten zu sehen am Beispiel der Grünen),

wir nicht zentralisiert sind und Berlin eben nicht gleich Deutschland ist,

wir den Mittelstand haben, der "glocal" schon dachte und arbeitete, als das Wort noch nicht erfunden war,  

kein Land mehr "hidden champions" aufzuweisen hat als wir, die es alle nicht nötig haben, sich permanent im Schweinwerferlicht zu suhlen,

wir über mehr Think Tanks in Sachen Umwelt und Klima verfügen als jedes andere Land,

sich wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung hier nicht ausschließen, sondern in der Regel als komplementär gesehen werden (soziale Marktwirtschaft),

wir ein weitgefächertes und lebendiges Vereinsleben haben, in dem gemeinsame Werte wie Würde, Freiheit, Demokratie und Souveränität des Einzelnen gelebt werden,

wir ‚Erfindungen‘ wie Spargelzeit, Karneval, Kehrwoche und die Freiwillige Feuerwehr gemacht haben,

wir Kultur nicht als seltsames Hobby einiger intellektueller Spinner begreifen, sondern als essentiell für unser Leben, so wichtig, dass Kulturbegeisterung auch von Politikern gefordert wird und Künstler ganz selbstverständlich politisch aktiv werden,

es schlussendlich tausendmal besser ist, von "Mutti" regiert zu werden als von einem "Clown".

Zufrieden zurücklehnen ist nicht

Bei so viel Lob und Liebeserklärung soll aber nicht verschwiegen werden, dass Kampfner die Probleme und Herausforderungen deutlich benennt: Das deutsche Bankensystem (schechte Führung, miese Investitionen, überbordende Bürokratie) – eine Katastrophe. Die Digitalisierung – schleichend. Die Infrastruktur (heruntergewirtschaftete Gebäude, marode Brücken, Buckelpisten statt Straßen) – überlastet. Wandel – viel zu langsam. Steuersystem und Arbeitswelt – nach wie vor zu stark auf Männer ausgelegt und deshalb arbeitende Frauen/Mütter benachteiligend. Technologie – USA und China weit voran. Die Wirtschaft – zu abhängig vom Export. Gesetze und Regeln – nervtötend. Klimapolitik – mehr Schein als Sein. Deutschlands Rolle in der Welt – unklar.

Die Welt des ausgehenden Jahres 2020 ist ein ziemlich ungemütlicher Platz geworden. Populismus, Pandemie und Klimakatastrophe sind nicht weit entfernt stattfindende Phänomene, wir haben sie direkt vor unserer Haustür. Es gibt keine Schutzmacht mehr, auf die man sich verlassen könnte – Merkels Rede im bayerischen Bierzeit ist unvergessen. All das aber ist kein Grund zum Verzweifeln, sondern zum Anpacken (noch so etwas, das wir ziemlich gut können). Denn die deutsche Wesensart mit ihrem "langsam, aber sicher", die typisch deutsche "Angst" und die Sorge um die persönliche Freiheit bieten eine ziemlich gute Absicherung gegen populistische Ab- und Irrwege. Das Deutschland der letzten 75 Jahre ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Vielleicht ist Teil dieses Erfolges, dass Deutschland – anders als etwa Großbritannien – nie nostalgisch auf die eigene Vergangenheit blicken konnte, sondern immer gezwungen war, in die Zukunft zu denken.

Die Zukunft liegt im Wir

"Deutschland ist Europas größte Hoffnung in dieser Zeit von Nationalismus, Anti-Aufklärung und Angst (…). Wer wird die europäischen Werte in einer sich so schnell verändernden Welt repräsentieren? Wer wird für eine liberale, demokratische Weltordnung eintreten? Deutschland kann das, weil es weiß, was geschieht, wenn Länder die Lektionen der eigenen Geschichte nicht gelernt haben" – so Kampfner.

Mit anderen Worten: Wir alle – Sie, die Sie das gerade lesen – sind Teil und Grund der deutschen Erfolgsgeschichte, und es wird an uns liegen, ob sie weitergeht. Deutschland ist ein Land des "wir", daraus ziehen Politik, Institutionen und Individuen ihre Stärke. Das ist ein zutiefst tröstlicher Gedanke. Es ist auch ein ur-demokratischer Gedanke, gespeist aus der abendländisch-christlichen Tradition. Wenn Kampfner in 20 Jahren eine überabeitete Neuauflage seines Bestsellers schreibt, wird zu den vier historischen Daten 1949, 1969, 1989 und 2015 ganz sicher 2020 hinzugekommen sein. Das Jahr, in dem wir damit begannen, uns wieder einmal neu zu finden und zu erfinden.

Die deutsche Ausgabe wird am 21. April 2021 im Rowohlt Verlag erscheinen. (Jutta Hamberger) +++

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Foto: Nicole Dietzel, Dinias


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