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Der Jal Mahal in Rajasthan - Symbolbilder (4): pixabay

FULDA O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen (6)

M. M. Kaye: Palast der Winde - Farbenprächtiges Historienspektakel

06.12.20 - An manche Bücher erinnert man sich so genau, als hätte man sie erst gestern aus der Hand gelegt. "Palast der Winde" (erschienen 1978) ist so ein Buch, ein Schmöker, den man erst zuklappt, wenn man auf der letzten Seite angekommen ist. Ich habe den Roman unzählige Male gelesen, meine letzte Lektüre liegt erst wenige Monate zurück.

Oft ist es so, dass man im genau richtigen Moment auf das richtige Buch trifft. Für die Geschichte von Ash und Anjuli trifft das zu, sie hat mich über weite Strecken meines Lebens begleitet. Geschrieben wurde sie von einer Autorin, die Indien zeit ihres Lebens als mindestens zweite Heimat betrachtet hat und wenig koloniale Arroganz gegenüber der Kronkolonie entwickelte. Mary Margaret "Molly" Kaye begegnete Land wie Leuten stets mit tiefer Liebe und großem Respekt für Kultur, Religion und Tradition. Mit ihrem großartigen anglo-indischen Epos, das gleichzeitig Liebesgeschichte, Kriegsroman und Zeitgemälde ist, hat sie ihrer Wahlheimat ein Denkmal gesetzt. Nicht umsonst wurde das Buch häufig mit "Vom Winde verweht" verglichen. Es ist ein farbenprächtiges, aufregendes Spektakel, das die Autorin vor unseren Augen ausbreitet. Die englische Zeitung The Guardian schrieb über den Roman: "Ein großartiger Hybrid, die Geschichte ist patrizisch-britische Kolonialzeit, das Melodrama reinstes Bollywood, die Details Anglo-Indisch."

Die Ursprünge eines Weltbestsellers

Seit 40 Jahren ein Bestseller

Dass dieses Buch das Licht der Welt erblickte, verdankt sich zwei Zufällen in M. M. Kayes Leben. Als Teenager begleitete sie ihren Vater, der damals Präsident des Rats von Rajasthan war, oft auf dessen Reisen in verschiedene Landesteile. Eines Tages hörte sie abends eine Geschichte, die seit Generationen weitererzählt worden war: sie handelte von einer königlichen Hochzeit, prächtig und farbenfroh, die dadurch verkompliziert wurde, dass die Brautfamilie kurz vor der Eheschließung die bräutliche Tochter durch eine andere, ältere Tochter ersetzen wollte. Viele Jahre später stolperte M. M. Kaye erneut über diese Geschichte, jetzt im Tagebuch eines jungen englischen Offiziers, der bei dieser Hochzeit dabeigewesen war und darüber berichtete. Sie arbeitete damals zwar an einem anderen Buch, fühlte sich aber instinktiv zu dieser Geschichte hingezogen und beschloss, den Roman zu schreiben, den sie schon immer schreiben wollte. Der junge Offizier, dessen Tagebuch sie las, wurde zu Ashton, dem Helden ihres Romans (so kann man es auf der Website der Autorin nachlesen).

Dieser Ashton Pelham-Martyn wird als Sohn eines englischen Forschers in Indien geboren und nach dem frühen Tod seiner Eltern von einer Inderin aufgezogen. Als Pferdebursche im Stall des Radschas von Bhitor verdient er sein Geld. Eines Tages lernt er Prinzessin Anjuli kennen. Die Kinder freunden sich an und geloben sich ewige Freundschaft. So wie Ash im Hierarchiegefüge des Palasts nichts gilt, ist auch Anjuli eine Außenseiterin im Palast ihres Vaters, herumgeschubst von den Lakaien, ignoriert vom Vater, denn ihre Mutter war Ausländerin und starb bei der Geburt Anjulis. Längst hat der Vater eine neue Frau, und die fördert vor allem die eigene Brut. Ash erfährt erst nach dem Tod seiner Ziehmutter Sita, dass er gar kein Inder ist. Der Junge wird nach England gebracht und dort im Internat erzogen. Dieser Bruch in seinem Leben, dieses Verpflanzt-werden in die Fremde hinterlässt tiefe Spuren, ja Narben bei ihm.

Was Heimatverlust bedeutet

Mary Margaret „Molly“ Kaye Autorenfoto: Copyright Krüger Verlag

Ashs Lebens-Grundkonflikt wird früh klar: Wer bin ich, und wohin gehöre ich eigentlich? Zwei Seelen leben in seiner Brust, und so findet er sich immer wieder in Situationen, in denen er in den Augen mal der Engländer, mal der Inder "falsch" denkt, empfindet, handelt. Als Offizier kehrt Ash nach Indien zurück, und begegnet eher zufällig Anjuli wieder, die gerade mit einem Radscha verheiratet werden soll. Anjuli ist bei dieser Eheschließung allerdings nur die Dreingabe, die Hauptfrau ist ihre jüngere Schwester Shushila. Ash wird abgeordnet, den Hochzeitszug zu begleiten, und es kommt, wie es kommen muss – er und Anjuli verlieben sich verbotenerweise ineinander.

Tempel Rikishesh – so mag man sich Ashs und Anjulis Palast der Winde vorstellen. ...

Mindestens so faszinierend wie die beiden Hauptfiguren sind die Menschen, die im Leben der beiden eine wichtige Rolle spielen: Koda Dad, der weise afghanische Stallmeister des Radschas, und eine väterliche Autorität für Ash. Zarin, sein kämpferischer Sohn, der zu den Kundschaftern geht und Ash in lebenslanger Freundschaft verbunden ist. Biju Ram, der intrigante Höfling. Shushila, die ebenso schöne wie grausam-intrigante Rani und Schwester Anjulis. Gobind, der kluge, aufopferungsvolle Arzt. Madhu und Gul Baz, die Ash treu ergebenen Diener. Belinda Harlowe, dümmlich und darauf dressiert, im Schnelldurchlauf den richtigen Ehemann zu finden – fast hätte Ash an ihrer Angel gehangen. Wally Hamilton, der ebenso poesiebegeisterte wie tollkühne Offizier. Eigentlich alle Personenkonstellationen loten aus, wie Inder und Engländer miteinander leben können – oder eben nicht. Es gibt tiefe Freundschaften genauso wie Kumpaneien, Herr-Diener-Verhältnisse und kolonialistische Prahlerei, snobistische Abgrenzung und religiöse Barrikaden. Dieses Buch lässt nichts davon aus.

Religion macht nicht liebevoll

Afghanistan – am Wakhan Fluss

Im Jahr 5 nach der sogenannten Flüchtlingskrise, in einer Zeit, in der wir über Integration, Identität, Heimat und Fremdsein heftig diskutieren, empfinde ich diesen Roman als fast hellsichtig. Damals litt ich mit Anjuli und Ash, bei der heutigen Lektüre steht für mich weniger die Liebesgeschichte im Fokus, sondern Fragen wie diese: Wie leicht oder wie unmöglich ist Integration wirklich? Kann man tatsächlich zwei Nationalitäten haben? Wer bin ich, wenn ich fremd bin oder mich fremd fühle? Wer akzeptiert, dass ich gleichzeitig vertraut und fremd bin? Wie kann ich meine Wurzeln bewahren, auch wenn ich manche Traditionen nicht mehr befolge? Was tun mit Traditionen, die andere Menschen systematisch ausgrenzen? Fragen, denen man sich wohl nur stellt, wenn man sich der Fremde und dem Fremden aussetzt und zu Vertrautem macht.

Berggipfel im Himalya

Eine Schlüsselszene findet sich auf den letzten Seiten des Romans. Ash und Zarin sind allein auf einem Fluss und beten gemeinsam – und Zarin attackiert den Freund, weil er in dessen Gebet zu Allah eine Verhöhnung seines Glaubens sieht – niemand kann die beiden beobachten, Camouflage ist also nicht nötig. Für Ash allerdings ist es egal, in welcher Form er betet, zu Gott oder zu Allah, für ihn ist die Zuwendung zu Gott entscheidend, nicht der Ritus. Für Zarin hingegen gelten die strengen Regeln seiner Religion. Und so reißt die Religion die Freunde Zarin und Ash auseinander, beide wissen, es ist ein Abschied für immer. Bitter sagt Zarin zu Ash: "Religion macht die Menschen nicht liebevoll und führt nicht zu Brüderlichkeit, sondern dazu, dass sie zu den Waffen greifen".

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Dieser Satz drang erst bei der letzten Lektüre in mein Hirn. Ja, Religion kann Menschen trennen. Im besten Fall können wir akzeptieren, was und wie andere glauben. Im schlimmsten Fall verabscheuen wir die Religion anderer und dämonisieren sie. Es ist so viel einfacher, die anderen als Gegner, als Feinde zu sehen als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen, und mir verdeutlicht, welche kulturelle Leistung wahre Toleranz ist.

"Palast der Winde" ist eine abenteuerliche Reise ins ferne Indien, der Roman ist aber auch ein Brückenbauer und ein Plädoyer für Toleranz, weil wir beim Lesen spüren, dass die Welt erst dann farbig und vielfältig ist, wenn wir ihr mit Neugier und Offenheit begegnen.(Jutta Hamberger)

Website der Autorin: https://www.mmkaye.com +++

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