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Ein Buch zum Herzerwärmen: "Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd" lautet der deutsche Titel - Illustrationen: Charlie Mackesy

FULDA O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen (7)

Charlie Mackesy: "Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd"

13.12.20 - Wenn man in der Buchbranche arbeitet, lernt man eine Lektion sehr schnell: Wähle bitte immer einen Titel, den Buchhändler:innen und Leser:innen sich sofort merken können. Ach ja, und bitte lieber kurze als sehr lange Titel! Das ist für die meisten Bücher auch keine schlechte Regel. Aber es gibt diese Bücher, die lustvoll dagegen verstoßen, und zu riesigen Erfolgen werden. Ich will nicht sagen, wegen des Regelbruchs, aber meist steht dieser Regelbruch der Titelformulierung in schöner Übereinstimmung mit mancherlei Besonderem, was das Buch zu bieten hat.

Er sieht so freundlich aus, wie man ihn sich nach der Lektüre vorstellt: Charlie Mackesy ...Foto: David Loftus

"Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd" ist so ein Buch. Machen Sie sich nichts draus, wenn Sie die Tiere nicht sofort in der richtigen Reihenfolge aufzählen können. Das ist nicht wichtig. Wichtig sind die Freundschaften, die Maulwurf, Fuchs und Pferd mit dem Jungen schließen – und umgekehrt. Wenn Sie bei diesem Titel an Milnes "Puh, der Bär", Wattersons "Calvin und Hobbes" oder Exupérys "Der kleine Prinz" denken, sind Sie auf der richtigen Spur. In all diesen Büchern geht es um ein Kind, das in einer kritischen Phase seines Lebens – wozu meistens gehört, dass die Erwachsenen das Kind so ganz und gar nicht verstehen – das Schönste erfahren darf, das es im Leben gibt – Liebe und Freundschaft.

Das Paradies der Kinderbücher

Aber, sagen Sie jetzt vielleicht mit leiser Empörung, das sind ja alles Kinderbücher! Stimmt. Und jetzt denken Sie vielleicht, na, hören Sie mal, liebe Frau Hamberger, da bin ich doch weit drüber hinaus! Ich kann nun wirklich Ernsthaftes und Tiefsinniges lesen! Gestützt fühlen Sie sich womöglich, wenn Sie ein wenig recherchieren und dabei feststellen, dass keine einzige namhafte deutsche Zeitung dieses Buch von Mackesy rezensiert hat. Großen Anklang hat es allerdings unter Bloggern gefunden. Vorwurfsvoll fragen Sie mich nun womöglich erneut, warum zum Teufel Sie sich mit diesem Buch auseinandersetzen sollen.

Die Illustrationen stammen alle aus dem Buch und sind Zeichnungen des Autors. ...

Aber, liebe Leser:innen, Sie sollen nicht, Sie dürfen. Kommen Sie einfach zurück ins Paradies der Kinderbücher. Es gibt nämlich glücklicherweise welche, die liest man auch als Erwachsener mit tiefer Freude und großem Gewinn. Sie müssen nur einen einzigen Gedanken beseiteschieben, nämlich den, dass Sie doch "viel zu alt für so was" seien. Sind Sie nicht. Ich befinde mich mit meiner Meinung übrigens in bester Gesellschaft. Astrid Lindgren dachte so (und viele ihrer Bücher bedeuten mir auch als erwachsener Leserin viel). Harry Rowohlt hat sich ein Lebenlang einem unbedeutenden kleinen Bären gewidmet (wenn Sie seine Einspielung von "Puh, der Bär" nicht kennen, gehen Sie bitte sofort los und besorgen sich die). Mit anderen Worten: Manche Kinderbücher haben eine Tiefe und einen Reichtum, da kommt kein Philosoph mit.

Mackesys Buch ist nicht durch Besprechungen erfolgreich geworden, sondern durch die Zuneigung seiner Leser:innen. Als das Buch Ende letzten Jahres in Großbritannien erschien, wurde es sofort zu einem Überraschungserfolg. Die Leser:innen liebten es. Und verstanden es. Intuitiv und sofort. Mackesy hatte den richtigen Riecher dafür, denn er bewarb das Buch auf Instagramm mit seinen so unverwechselbaren und zauberhaften Illustrationen. Vor einem Jahr hatte er bereits über 200.000 Follower – Tendenz: stark weiter wachsend. Auch Kollegen erkannten diesen Schatz. Elizabeth Gilbert, die Autorin des Bestsellers "Eat, Prey, Love", schrieb: "Die Welt, in der ich leben muss, ist unsere. Aber die Welt, in der ich gern leben würde, ist die, die Charlie Mackesy erschaffen hat." Na, wächst Ihre Lust auf das Buch schon ein wenig?

Die Botschaft der Freundlichkeit

Glauben Sie nun aber ja nicht, dieses Buch beschreibe eine Idylle. Nichts liegt Mackesy ferner. Als das Buch in Deutschland im Februar 2020 erschien, standen wir kurz vor dem ersten Corona-Lockdown. Wenn Sie mich fragen, hätte kein Buch besser gegen die Krise helfen können als dieses. Und heute, wo Sie diese Zeilen lesen, sind wir noch oder abermals im Corona-Lockdown, gewiss ist nur, dass alles ungewiss bleibt. Da kommt so eine Stärkung in Buchform genau richtig.

Warten Sie, Sie könnten ja noch andere Vorbehalte haben! Eventuell den, dass Sie niemals nicht Feelgood-Bücher lesen, deren Gehalt in etwa einer Tasse Meßmer Tee entspricht. Darauf wäre dann meine Erwiderung: Dieses Buch ist nicht platt, nicht schmierig, nicht tüdelrosa, nicht betulich und weit entfernt von Feelgood. Es ist einfach im allerbesten Sinne, weil wir es sofort verstehen und es emotional so zugänglich ist. Das heißt aber nicht, dass ihm Tiefe abginge. Im Gegenteil. Es ist ein Buch über eine wesentliche Erkenntnis des Lebens: Das Leben lebt man besser in Freundlichkeit. In einem Interview sagte Mackesy: "Wir alle kämpfen, darum geht es ja. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der mit nichts zu kämpfen gehabt hätte. Mensch sein ist wirklich schwierig, und wir müssen einfach so nett zu uns selbst und anderen sein, wie es nur geht." Ach, denke ich mir bei diesem Satz, wenn doch nur mehr Demonstranten und Facebook-Schreiberlinge sich das zu Herzen nehmen wollten!

Es ist ein Buch über einen einsamen kleinen Jungen, der nacheinander besagten Maulwurf, Fuchs und das Pferd trifft. In einfühlsamen Tuschzeichnungen erleben wir diese Begegnungen, die fast alle aus einem oder zwei Sätzen bestehen. "Ich bin so klein, sagte der Maulwurf. "Ja", sagte der Junge. "Aber Du machst den großen Unterschied." "Was ist das Mutigste, das Du jemals gesagt hast?", fragte der Junge. "Hilf mir!", antwortete das Pferd. "Was willst Du werden, wenn Du groß bist?" "Freundlich", sagte der Junge. Das hätte pathetisch oder kitschig oder einfach nur sehr generisch und stumpf werden können. Ist es aber nie.

Es ist tief berührend, manchmal musste ich tief Luft holen, weil eine Zeichnung oder ein Satz mich mitten in den Solarplexus traf. Manchmal musste ich mir die Augen reiben, weil unwillkürlich die Tränen kamen. Das Buch hat etwas mit mir gemacht, es hat etwas ins Schwingen gebracht. Es ist leise, melancholisch, humorvoll, nachdenklich, liebevoll und zärtlich. Es belehrt nicht, es doziert nicht. Es hat die Kraft, einen aus tiefer Traurigkeit herauszuholen.

Die Kraft der Ehrlichkeit

Was wäre, wenn die Welt nach den Prinzipien des Jungen, des Maulwurfs, des Fuchses und des Pferdes funktionieren würde? Es wäre eine Welt mit mehr Wärme, mehr Zuneigung, mehr Verständnis, mehr Empathie. Es wäre eine Welt, in der man sich zuhört und in der Weisheit ihren Platz hätte. Eine Welt, in der man sich Zeit nähme für die wirklich wichtigen Dinge. In der die Potentiale, die wir haben, sich voll entfalten könnten. Es wäre eine reiche Welt. Eine Welt, die unsere "wirkliche" Welt reicher machen kann. "Was ich mit zunehmendem Alter feststelle ist, dass wir, je mehr wir miteinander sprechen und uns sagen, wie es uns wirklich geht – besonders wir Männer – umso mutiger werden. Die Idee, wirklich ehrlich zu sein ist etwas wirklich Großes, genauso, dass wir nur in Ehrlichkeit geliebt werden können. Und das ist die Hauptbotschaft meines Buches,", so Charles Mackesy im Evening Standard vom 19. Dezember 2019.

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Auch vor diesem Erfolg war Mackesy, mindestens in Großbritannien, schon ein bekannter Name. Namhafte Künstler schätzen ihn und sammeln Zeichnungen von ihm (z.B. Whoopi Goldberg, Sting, Harry Enfield, Richard Curtis, Carey Mulligan und Liam Neeson). Und nein, Charles Mackesy ist kein Glückskind, das auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurde und dort für immer Wohnrecht hat. Vielleicht konnte nur ein Künstler, der seit seinem 18. Lebensjahr immer wieder mit Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen hat, in Bilder und Worte fassen, was die Essenz des Lebens ist: Empathie und Zuwendung. In einer Welt, in der Kritik, Hass und Grausamkeit oft so überwältigend erscheinen, ist sein Buch einfach tröstlich. Menschen auf der ganzen Welt haben das so gesehen und so verstanden.
Website Autor: https://www.charliemackesy.com/ (Jutta Hamberger)+++

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