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- Molden Verlag, Wien

FULDA O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen (8)

Ein unterschätzter Nazi-Verbrecher: Baldur von Schirach von Oliver Rathkolb

20.12.20 - Bei der Aufzählung der größten Verbrecher aus der NS-Zeit fallen uns fast immer dieselben Männer ein: Hitler, Himmler, Göring, Goebbels. Vielleicht noch die Spandau-Insassen Speer und Hess, eventuell Heydrich. Ein Name aber fällt so gut wie nie, und das ist der Baldur von Schirachs. Er dürfte einer der unterschätztesten Nazi-Verbrecher sein.

Die zwei größten Märchenerzähler

Baldur von Schirach mit seinen Kinder Angelika und Klaus. Alle Fotos aus dem Buch

Schirach mit Hitler am Obersalzberg

Zeichnung von Schirachs von Boehringer

Vielleicht klingt Schirachs Titel Reichsjugendführer hinreichend unschuldig, vielleicht haben wir einfach vergessen, dass auch er ein Täter aus der ersten Reihe war. Er "bereinigte" die Wiener Wohnverhältnisse, er bereicherte sich an jüdischem Besitz, und dies auch noch nach dem Krieg, er instrumentalisierte die Kultur im Dienste eines verbrecherischen Regimes. Die beiden Jungspunde dieser Verbrecherriege – Albert Speer (Jahrgang 1905) und eben Schirach (Jahrgang 1907) wurden nach dem Krieg zu den größten Märchenerzählern und verschleierten ihre Schuld meisterhaft. Speer hatte bei seinem Geraune in Joachim Fest einen allzu willigen Legendenerzähler. Schirach gelang es hervorragend, sein Image als "Gentleman-Nazi" aufrecht zu erhalten. Beide aber waren Verbrecher, ließen Kriegsgefangene und Juden misshandeln, verschleppen und töten – was sie in ihren Tätigkeitsberichten nach dem Krieg nur zu gern verschwiegen.

Wie Schirach Hitler-Fan wurde

Schirachs Elternhaus war alles – von kaisertreu bis liberal. Das klingt genauso widersprüchlich, wie es tatsächlich war. Schirach hatte einen aus sorbisch-deutschem Adel stammenden Vater und eine amerikanische Mutter – bis zu seinem 5. Lebensjahr sprach er nur englisch. Sein Vater war Intendant des Nationaltheaters Weimar, später des Staatstheaters Wiesbaden. Er war streng konservativ und nationalistisch eingestellt und verachtete die Weimarer Republik. Die Mutter war eine Nachfahrin Arthur Middletons, eines der Gründerväter der USA und Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Die Familie zählte zu den reichsten Südstaaten-Familien.

Im März 1925 trifft der 17-jährige Baldur von Schirach Hitler das erste Mal – und verfällt ihm regelrecht. Fortan bestimmt ein Ziel sein Leben – in der Nähe dieses Mannes sein. Dafür tut er alles. Wenn bei 17-Jährigen die patriotischen Hormone überschießen, schreiben sie gern schlechte Gedichte – so auch Schirach. Heute würde man wohl sagen, Schirach war ein Hitler-Groupie. Der ließ sich von dem jungen Mann auch durchaus gern anschwärmen. Sein erstes Gedicht ebnete Schirach den Weg zum Führer, denn Rudolf Hess leitete es an Hitler weiter, der dem jungen Mann als Dank ein signiertes Foto schickte. Es stand fortan auf Schirachs Schreibtisch. Man kann sich vorstellen, wie begeistert Schirach war, als Hitler zum High Tea zu seiner Familie kam. Man fachsimpelte über Musik und Empiremöbel, und Hitler nahm alle für sich ein. Baldur trat wenig später in die NSDAP ein und übersiedelte bald nach München. Er schrieb sich an der LMU als Student ein – ein Studienabschluss ist allerdings nicht nachweisbar.

Mit 20 wurde Schirach Führer des Nationalsozialistischen Studentenbundes, mit 23 Reichsjugendführer, mit 28 Staatssekretär, und mit 32 Gauleiter der Ostmark (Österreich). Eine steile Karriere. Und er heiratet Henriette Hoffmann, die Tochter des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann. War das wahre Liebe oder eher ein raffinierter Schachzug? Wie auch immer, Schirach nutzt Hennys private Nähe zu Hitler – der auch Trauzeuge der beiden war, und kam damit im innersten Kreis an.

Hitler-Propaganda und Wiener Karriere

Schirach mit anderen Hitler-Getreuen im Führerhauptquartier

Das Ehepaar Schirach beim Spaziergang am Obersalzberg

Baldur von Schirach als Reichsjugendführer.

Schirach bewunderte Hitler aber nicht nur, er verdiente auch an der Vermarktung Hitlers. Gemeinsam mit dem Schwiegervater publizierte er Propagandabücher, die den (visuellen) Mythos Hitler schufen. "Hitler wie ihn keiner kennt", "Der Triumph des Willens", "Jugend um Hitler" oder "Hitler in seinen Bergen" wurden vieltausendfach gedruckt und verbreitet – und Hoffmann wie Schirach scheffelten sehr, sehr viel Geld durch die Tantiemen (Hitler natürlich auch). Schirach schuf das Hitler-Bild jener Zeit mit, und er trug als Mobilisator der Jugend zu dem falschen Heldenmut bei, mit dem junge Menschen sich für Hitler bis in die letzten Kriegstage in den sicheren Tod stürzten. Schirach ist der Autor des HJ-Fahnen-Liedes ("Vorwärts, vorwärts schmettern die hellen Fanfaren") – das erstmals im Propagandafilm "Hitlerjunge Quex" zu hören war.

1940 schickt Hitler Schirach als Gauleiter und Reichsstatthalter nach Wien. Schirach sieht das als Karriererückschritt, denn Wien ist weit weg von den Zentren der Macht in Berlin und München. Aber er macht was draus. Er kommt gut an in Wien, die Prachtentfaltung und der Pomp, den er so liebte, fanden in Wien Anklang. Unter Schirach wird die Kultur scheinbar gefeiert, in Wahrheit aber zum Deckmäntelchen eines verbrecherischen Regimes. Deutsche und österreichische Geistesgrößen wurden gefeiert, das Künstlerhaus renoviert und die Wiener Philharmoniker unterstützt.

Autor Oliver Rathkolb ist seit 2005 Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für Europäische ...Foto: Harald Eisenberger

Oliver Rathkolb, der für sein Buch viele neue Quellen studiert hat, zeigt die Kehrseite dieser Medaille auf und führt aus, dass Schirach ein wesentlicher Grund für den bis heute herrschenden Austrofaschismus ist. Ohne Schirach wäre der "wir waren Hitlers erstes Opfer"-Mythos sehr viel weniger langlebig gewesen.

Als Chef der Zivilverwaltung war Schirach auch für die Beseitigung der Wohnungsnot verantwortlich. Wohnungen bauen sollte er nicht, man wies ihn zur "Bereinigung bestehender Wohnverhältnisse" an, und meinte damit die Vertreibung der ungefähr 60.000 Wiener Juden. Beim Nürnberger Prozess stritt er ab, von der Vertreibung und Ermordung überhaupt gewusst zu haben – eine ebenso dreiste Lüge wie die Speers, der behauptete, von Vernichtungslagern nie gehört zu haben. Es ist heute kaum nachvollziehbar, dass man in Nürnberg auf dieses Schmierentheater reinfiel.

Vertreibung vom Obersalzberg

Henriette von Schirach kokett als Badenixe

Schirach „verkleidet“ als Herr Falk 1945

Ein alter Herr - Schirach wenige Jahre vor seinem Tod im Jahr 1974

An Fronleichnam 1943 kommt es zum Bruch zwischen Schirach und Hitler. Es kriselte ohnehin schon länger, denn Hitler war ein Dorn im Auge, dass Schirach für Wien einen kulturellen Sonderstatus anstrebte. Das Reich soll aber nur eine Hauptstadt haben, Berlin. Germania. Als Schirach sich dann auch noch weigerte, Speers Wunsch nachzukommen und Rüstungsbetriebe auch nach Wien zu verlegen, weil der totale Krieg nicht den Sieg bringen, sondern nur noch mehr Tote fordern würde, rastet Hitler aus: "Wie denkt er sich das, er weiß doch genau wie ich, dass es keinen Weg mehr gibt, es sei denn, ich schieße mir eine Kugel in den Kopf."

Abends dringt Henny Schirach in Hitler, man möge doch humanitärer mit den Juden verfahren, sie habe in Amsterdam gesehen, wie man mit den Menschen umginge, man bestehle sie, und ein SS-Mann habe ihr dann den gestohlenen Schmuck zum Verkauf angeboten, so was müsse doch nicht sein. Hitler explodierte und warf sie mit einem "Sie müssen hassen lernen!" hinaus. Fortan war der Obersalzberg für die Schirachs tabu. Dass Schirach sich dennoch bis Kriegsende auf seinem Posten hielt, war einzig dem Nazi-Personalmangel geschuldet. Bemerkenswert bleibt, dass dies die wohl einzige Szene war, in der Hitler von seinem innersten Kreis mit der Wirklichkeit der Judenverfolgung konfrontiert wurde.

Nürnberg und das Ende

Wie auch Speer verfolgte Schirach beim Nürnberger Prozess die Strategie, sich für Teilaspekte seines Lebens und Tuns zwar verantwortlich zu erklären, die zentralen Punkte wie Massenmord, Vernichtung der Juden etc. aber auf andere Nazi-Größen zu schieben. Auch er kam damit durch und entging deshalb dem Strick. 20 Jahre Haft waren wenig für die Untaten, die beide zu verantworten hatten. Beide ließen auch nach ihrer Haft keine Einsicht oder gar Reue erkennen. In beiden Familien sollte es zur Sache der Söhne und Enkel werden, sich mit den Untaten der Väter und Großväter auseinanderzusetzen.

Podcast mit dem Autor
https://www.youtube.com/watch?v=Ws7KtQIS86A

Voting Wissenschaftsbuch des Jahres 2020
Das Buch steht auf der Shortlist für die besten Wissenschaftsbücher 2020. Hier können Sie noch bis zum 11. Januar mit abstimmen: https://www.wissenschaftsbuch.at/
(Jutta Hamberger)+++

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Foto: Nicole Dietzel, Dinias


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