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- Buchtitel: Dumont

FULDA O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen (9)

Raynor Winn, Der Salzpfad - "Wandern gegen die Verzweiflung"

03.01.21 - Große Reisen beginnen fast immer damit, dass Menschen etwas aufgeben, etwas hinter sich lassen. In der Regel tun sie dies freiwillig, denn es erleichtert den Aufbruch. Wer unterwegs sein will, braucht leichtes Gepäck. Aufbrechen geht leichter, wenn man weiß, dass man wieder zurückkommen kann. Wenn der Aufbruch aber die Folge eines totalen Lebenscrashs ist, sieht das ein wenig anders aus.

Autorin Raynor Winn Foto: Valentin Betz

Als Raynor und ihr Mann Moth sich dazu entscheiden, den Küstentrail des South West Coast Path zu laufen, sind sie am absoluten Tiefpunkt ihres Lebens angekommen. Durch ihre Gutgläubigkeit haben sie sowohl ihr ganzes Geld als auch den Bauernhof verloren, auf dem sie seit mehr als 30 Jahren lebten. Und als würde das nicht reichen, kommt die Diagnose einer tödlichen Krankheit bei Moth noch hinzu. Mit wenig Geld und billigster Ausrüstung begeben die beiden sich auf den SWCP. Die meisten Menschen gehen nur ein Teilstück, Raynor und Moth hingegen den ganzen Trail von über 1.000 km – startend in Minehead und endend in Poole. Das ist keine pittoreske, für Touristen geschaffene Strecke, der Weg diente einst der Küstenwache bei ihren Einsätzen gegen die Schmuggler. Deshalb verläuft er immer in direkter Meeresnähe, deshalb ist er steil, unbequem, eng und anstrengend zu laufen.

Abgetrieben vom Weg

Die Hühner auf der Farm folgen Raynor überall hin. Fotos im Buch: Raynor Winn

Portheras Cove – nebelverhangen

In einem Unterstand aus Strandgut am Peppercombe Beach

Raynor und Moth wandern aus tiefer Verzweiflung, weil sie keinen Platz auf dieser Erde mehr haben. Zuhause ist nur noch dort, wo sie gerade ihr Zelt aufschlagen. Die beiden, die hier wandern, sind keine schick gekleideten Fitness-Freaks, die sich eben mal die Leistungskante geben wollen. Sie sind auch keine Wandervögel, die beseelt von Naturerlebnissen schwadronieren. Und nein, sie sind auch keine gläubigen Pilger, die auf ein Erweckungserlebnis warten. Sie wandern, weil ihnen das besser erscheint, als verzweifelt über die tödliche Krankheit von Moth oder den Verlust von Heim und Vermögen nachzudenken. Sie wandern, um dem Elend ihrer neuen Existenz zu entkommen. Sie wandern, weil das Erreichen eines Tagesziels dem Tag Struktur und ihnen Halt verleiht. Die Wanderung führt die beiden nicht nur an ihre körperlichen Grenzen, sondern auch an die Grenzen der Gesellschaft. Denn wer von 50 Pfund Stütze im Monat im Königreich mit seinem nicht gerade ausgeprägten Sozialsystem überleben muss, der ist  ganz weit unten angekommen.

Das klingt nach Hardcore-Lektüre für Sozialromantik-Fans oder einem von vielen Resilienz-Büchern über Menschen, die am Boden liegen und sich irgendwie wieder bekrabbeln. Was zur Hölle katapultierte gerade dieses Buch international auf sämtliche Bestseller-Listen? Ich glaube, weil wir hier nicht von Siegertypen lesen, sondern von Menschen, die das Leben gezeichnet hat, die ihre Niederlagen weder schön reden noch verschweigen – und die sich nicht kleinkriegen lassen. Das ist das große Kraftzentrum dieses Buchs.

2020 – unser aller Salzpfad

Blick auf die Insel Lundy und in eine unbekannte Zukunft

Sonnenuntergang bei Polruan

Im Dunkeln schien es eine flache Wiese zu sein, am Morgen sahen wir, dass unser Zelt nur ...

Als ich das Buch vor kurzem erneut las, kam es mir wie eine Metapher für das eben vergangene Jahr 2020 vor. Sind wir durch Covid-19 nicht alle auf einen Salzpfad gezwungen worden? Mussten wir nicht alle unsere Pläne radikal verändern? Mussten wir nicht alle von eben auf gleich neu sortieren, neu bewerten, neu anfangen? Hat es uns nicht alle aus der Kurve getragen?

An einer Stelle im Buch fragt Raynor ihren Mann: "Haben wir einen Plan?" Er entgegnet: "Natürlich. Wir wandern, bis wir aufhören zu wandern, und vielleicht finden wir unterwegs so etwas wie eine Zukunft." Sie meint: "Das ist ein guter Plan." Mir klingt das wie das Drehbuch für 2020 – und realistischerweise für einen großen Teil von 2021. Wenn alle Selbstverständlichkeiten aufgelöst sind, wenn nichts mehr ist, wie es war, ist der beste Weg raus aus Traurigkeit, Verzweiflung und Depression die Suche nach der eigenen Zukunft, auch wenn man zwischendurch immer wieder den Mut verliert.

Begegnungen voller Absurdität und Zärtlichkeit

Der SWCP, hier bei Reedy Cliff in Cornwall, ist ein ständiges Auf und Ab ...

Stahlskulptur des SWCP am South Haven Point.

Zelten auf dem rasselnden Kies am Chesil Beach

Das Buch ist zutiefst persönlich, aber es ist auch eine Reise durch eine Gesellschaft, die sich in Teilen fremd geworden ist. Raynor und Moth treffen sehr unterschiedliche Menschen auf ihrer Wanderung. Manche schauen mit Arroganz und Ablehnung auf die beiden "Tramps" herab. Manche halten sie für durchgeknallt. Die meisten Menschen auf dem SWCP sind sehr schnell unterwegs, sind mehr an abhaken, Leistung erbringen und Selfies posten interessiert als an sich selbst und der Natur, durch die sie sich bewegen. Raynor und Moth können nicht schnell, Alter, Krankheit und schlechte Ausrüstung verhindern das. Dafür sehen, spüren und schmecken sie, was ihre Mitwanderer oft nicht wahrnehmen: Das Salz auf der Haut,  den Schimmer einer Mondnacht, den Geschmack frischer Brombeeren, das kühle Wasser in der ausgedörrten Kehle, ein nächtliches Bad im Meer, die Begegnungen mit Tieren, die grandiosen Ausblicke, die Weite der Landschaft, die Freude einer einfachen Mahlzeit, die Freundlichkeit mancher Menschen, die ohne viel Aufhebens einfach helfen.

Raynor und Moth sind Anfang 50 und damit in einem Alter, in dem – wie Raynor es einmal sagt – es eine ganz andere Sache ist, einen Rucksack zu packen, als wenn man 20 ist. Für beide gibt es kein Zurück, nur ein Vorwärts. Sie haben keine Sündenböcke, denen sie das, was ihnen widerfahren ist, in die Schuhe schieben können. Sie sind gezeichnet von den Kämpfen des Lebens. "Wir stolperten durch jene Tage, als wären wir gerade von einem Schlachtfeld gekommen, verwundet, traumatisiert und verloren", heißt es im Buch. Eines treibt die beiden an: Sie wollen ihr Leben und ihre Würde zurück. Und sie wissen: niemand wird ihnen das auf einem Silbertablett überreichen, sie müssen schon dafür kämpfen.

Berühren und berührt werden

Muschelsammeln in der Watergate Bay – und Rucksackpacken für die nächste Strecke ...

"Der schier endlose Horizont gehörte uns ganz allein"

"Sind wir nicht ein prima Team?"

"Der Salzpfad" ist eine Geschichte vom Berühren und berührt werden. Sie ist voller zärtlicher Porträts und Begebenheiten, erzählt mit Situationskomik und feiner Ironie. Zwei Menschen, die am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen sind, finden neu zueinander und in eine andere Zukunft. Das ist ehrlich, komplex, voller Umwege, Irrungen und Wirrungen, und weit weg von jeder Du-schaffst-das-Rhetorik und Projektplanungs-Prosa. Die Reise gelingt, weil sie nichts haben, das sie voneinander ablenken könnte. Und weil die atemberaubende Natur um sie herum ihre heilende Wirkung entfalten kann.

Man kann das Buch als Wanderführer mitnehmen, wenn man den South West Coast Path selber gehen will. Mann kann es als Parabel lesen, als Märchen, als Entwicklungsroman oder als Liebesgeschichte. Man kann es auch lesen als Absage an das Goldene Kalb der Planbarkeit. Oder als Hohes Lied des Älterwerdens. Nein, das Leben ist nicht plan- und vorhersehbar. Umwege und Fehler gehören als notwendige Erkenntnisstücke dazu. Als Leser:in kann ich mir genau die Perspektive und Ebene heraussuchen, die am besten zu mir und meiner Stimmungslage passt. Was auch heißt: Das ist ein Buch zum Wieder- und Wieder- und Wiederlesen.

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

In einer Gesellschaft, zu deren Lieblingsvokabeln Effizienz, Optimierung und Gewinnmaximierung gehören, die Gewinnertypen liebt und Verlierer aussortiert, ist die Geschichte von Raynor und Moth etwas Unerhörtes. Genau darin liegt die Sprengkraft dieses Buchs – die Underdogs haben die besseren Geschichten, die aufregendere Gegenwart und die spannendere Zukunft. Das wusste schon Bob Dylan: "When you ain't got nothing, you got nothing to lose”. Also, mach hinne. In der Komfortzone wird man den eigenen Salzpfad nicht finden. (Jutta Hamberger)+++
 

Twitter-Acount der Autorin: https://twitter.com/raynor_winn?lang=de

Website South West Coast Path: https://www.southwestcoastpath.org.uk/

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