SCHENKLENGSFELD Zimmerin mit Handicap

Lea Hollstein will hoch hinaus: Die Gesellin steht auf dem Dach und im Tor

24.01.21 - "Euer Beruf hat Zukunft". Das wurde den 27 Gesellinnen und Gesellen bei der Freisprechungsfeier im vergangenen Sommer vom Obermeister der Zimmerer-Innung Fulda, Volker Baumgarten, versprochen. Die einzige Gesellin im Raum war Lea Hollstein aus Schenklengsfeld (Landkreis Hersfeld-Rotenburg), die sich als Zimmerin für einen handwerklichen Beruf entschieden und darin einen hochwertigen und anspruchsvollen Abschluss erlangt hat. Die 20-Jährige ist in dem männerdominierten Beruf des Zimmerers eine sehr seltene Ausnahme.  

Zimmerin Lea Hollstein bei der Freisprechung mit ihrem Kollegen Lukas Geppert ...Foto: privat

Der Beruf ist nicht rein zufällig gewählt. Lea Hollstein war der Zimmererberuf quasi in die Wiege gelegt. Ihr Papa Maik ist Inhaber der Firma Holz-Hollstein in ihrem Heimatort, in der sich Zimmerei, Sägewerk, Holzbau, Holzrahmenbau, Dacheindeckung und Gerüstbau vereinen. Die großräumigen Hallen waren schon immer ihr liebster Spielplatz und so fiel es ihr leicht, sich in der achten Klasse der Gesamtschule Schenklengsfeld für ein Schülerpraktikum bei der Zimmerei Josef Zentgraf in Eiterfeld zu entscheiden. Das war wegweisend, denn hier wurde sie auch ausgebildet.

Hoch hinaus ins Gebälk


Lea Hollstein wurde mit einer Handbehinderung geboren, die sie akzeptiert hat. ...Fotos (6): Gudrun Schmidl

Das war auch für ihren Vater die beste Lösung, denn ein anderer Betrieb eröffnete seiner Tochter neue Kontakte und das Kennenlernen verschiedener und gegensätzlicher Arbeitsabläufe, von denen sie im väterlichen Betrieb mit sechs Mitarbeitern profitieren kann. Als Voraussetzungen müssen die künftigen Zimmerer ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, körperliche Fitness und mathematisch-zeichnerisches Talent mitbringen. Schwindelfreiheit und Trittsicherheit ist notwendig, denn es geht hoch hinaus ins Gebälk. "Auf einem Scheunendach ohne Zwischenboden wird es einem schon mal mulmig", gesteht die junge Frau, die sich mit ihrem Handicap längst abgefunden hat.  
 
Lea Hollstein wird am 6. Dezember 2000 mit einer Handbehinderung geboren. Die Finger ihrer linken Hand sind zurückgeblieben und bilden sich auch in der Kindheit nicht aus. Es konnte nie abschließend diagnostiziert werden, warum die kleine Hand nur aus Gewebe bestand. "Es waren keine Knochen drin". Sie war noch ein kleines Mädchen, als ihr aus vier Zehen Knochen entnommen und in den Handstumpf transplantiert wurden. Blöde Sprüche über ihre missgebildete Hand hat sie weder in der Schule noch in der Ausbildung erdulden müssen.

Als Gesellin vertieft sie ihr Wissen und handwerkliches Können jeden Tag. "Man lernt viel und man lernt nie aus". Dabei wird sie im heimischen Betrieb und zumeist auf den Baustellen immer unterstützt, wenn sie Hilfe braucht, denn dieser Beruf ist mit körperlicher Schwerarbeit verbunden. Maschinen erleichtern ihr die meisten Arbeitsprozesse auch im Hinblick auf ihr Handicap. Ihr nächstes Ziel hat sie schon vor Augen. Ab dem Jahr 2022 will sie auf der Zimmerer-Meisterschule in Kassel in Vollzeit auf ihren Meistertitel hinarbeiten. Für die Zukunft schmiedet sie auch schon Pläne. Nein, auf die Walz will sie nicht gehen. Das ist eine einmalige und freiwillige Gelegenheit für jeden Zimmerer, die Welt zu entdecken. Drei Jahre und ein Tag unterwegs sein ist allerdings nichts für sie. Aber einen längeren Aufenthalt in Kanada kann sie sich gut vorstellen.

Die Liebe zu ihrem Beruf ist spürbar, wenn sie von dem "schönen Gefühl" berichtet, wenn am Ende des Tages sehen kann, was sie Bleibendes geschafft hat. Sie freut sich auch, wenn sie an Gebäuden vorbei kommt, an oder auf denen sie mitgearbeitet hat. Aktuell fehlt ihr bedingt durch Corona als Ausgleich ihr Sport. Ihre gesamte Familie ist "Handball-verrückt" im positiven Sinne und so verwundert es nicht, dass sie schon im Kindesalter mit dem Mini-Handball begonnen hat. Ihre Eltern Maik und Ines haben sie und ihre Schwester Pia, die ebenfalls Handball spielt, immer unterstützt.  

"Je älter ich wurde, desto schwieriger und schmerzhafter wurde es mit der Hand. Da wollte ich unbedingt ins Tor". Bei der Orthopädie- und Schuhtechnik Greb in Bad Hersfeld wird für Lea eine Handprothese aus Hartgummi angefertigt, die sie fortan trägt. "Ich habe meine komplette Jugend bei der SG Schenklengsfeld und der HSG Landeck/Hauneck verbracht, spiele schon länger im Tor unabhängig vom Handicap, jedoch seit zwei Jahren bei dem TV Hersfeld in der Landesliga. Sie bezeichnet sich selbst als ehrgeizig und perfektionistisch, wenn sie im Tor steht, gilt aber als absoluter Teamplayer. Ihr Handicap nimmt sie sportlich. "Ich bin da sehr humorvoll". (Gudrun Schmidl) +++


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