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Patricia Highsmith - Foto: Archiv Diogenes Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (11)

Patricia Highsmith: "Ladies" - Die talentierte Ms. Highsmith

01.02.21 - "Ihre Eltern ließen sich nach nur 18-monatiger Ehe neun Tage vor Patricias Geburt scheiden". So lautet einer der ersten Sätze im Wikipedia-Eintrag über Patricia Highsmith. Dass man bei diesen Startbedingungen kein überbordend fröhlicher Mensch wird, versteht sich fast von selbst. Vor wenigen Tagen hätte die Highsmith ihren 100. Geburtstag gefeiert (am 19. Januar), und in wenigen Tagen ist ihr 26. Todestag (am 04. Februar).

"Obsessions are the only thing that matter"

In der Channel 4 Fernsehsendung „After Dark“ am 18.06.1988 Foto: Media Ltd 1988

Zeit ihres Lebens mochte sie nur Katzen, und Schnecken (die züchtete sie). Mit Menschen hatte sie es weniger. Die besten Liebesgeschichten hatte sie nach eigenem Bekunden mit ihren Romanfiguren. Sie war am liebsten allein, und ja, sie war eine Exzentrikerin. Vielleicht war Patricia Highsmith in Europa ein wenig mehr zuhause als in ihrer Geburtsheimat USA, wenn sie sich denn jemals irgendwo zuhause gefühlt hat. Jedenfalls lebte sie ab 1963 in Frankreich, Großbritannien und der Schweiz.

"For neither life nor nature cares if justice is ever done or not”

Dass nach 26 Jahren Neues von der Highsmith erscheint, ist großartig. Kennt man ihre Meisterwerke, ist der Blick auf das frühe Werk ganz besonders spannend. Diese Geschichten sind, wie auch die berühmtesten ihrer Werke, keine klassischen Whodunnits, in denen am Ende ein Mörder zur Strecke gebracht und bestraft wird, sondern Explorationen in die dunkelsten Gefilde der menschlichen Seele. Denn das war ihre Überzeugung, Gerechtigkeit ist furchtbar langweilig: "I find the public passion for justice quite boring and artificial.”

Das Urnengrab in Tegna, Tessin

Die gerade erst erschienene Sammlung "Ladies" macht das möglich – fünf der hier versammelten Geschichten erscheinen sogar erstmals auf Deutsch, alle erschienen in den 1930er und 1940er Jahren, also bevor Patricia Highsmith ihren internationalen Durchbruch feierte. Die Lektüre ist faszinierend, denn alles, was die Schriftstellerin Highsmith später ausmacht, ist schon da. Manchmal noch tastend und suchend, sich ausprobierend, aber immer schon erkennbar. Niemand hat wie sie über die niederen Instinkte eines Menschen schreiben können, und das derart trocken, mit soviel schwarzem Humor, auf den Punkt und untergründig. Mit ihr taumeln wir hinein in die Abgründe dieser Personen. Das Kindermädchen, das zum Feuerteufel wird, um eine große, gute Tat zu begehen. Die sadistische Turnlehrerin. Das gedemütigte kleine Mädchen. Die alte Jungfer, die sich für ihren Psychiater einen prügelnden Ehemann ausdenkt. Der Schneckenforscher, dem die sensualité der Schnecken zum Verhängnis wird. Die dominante Mutter, die ihren Sohn nicht mit dem Spielkameraden spielen lässt, den er gern hätte. Die korrekte Farbe von englischen Primeln. Die pflichtbewusste Sekretärin, die spätes Liebesglück findet. Eine "Auflösung" im Sinne eines gerechten Endes gibt es nicht – die Figuren sind Außenseiter, und bleiben es auch. Es interessiert einfach niemanden, ob es gerecht zugeht oder nicht.

Ihre liebste Gesellschaft Foto: Sergio Cerrato, Pixabay

Rote Schnecken Foto: Adina Voicu, Pixabay

Highsmith schreibt mit grausamer Genauigkeit, als lägen ihre Figuren unter dem Mikroskop und sie würde jede Zuckung beobachten und dokumentieren. Das ist gruselig und faszinierend gleichermaßen. Niemals sind diese Figuren erfolgreich, immer geraten ihre Überzeugungen ins Wanken, lösen sich Perspektiven und Möglichkeiten in nichts auf, werden Pläne durchkreuzt. Nur in einer Geschichte (Blumen für Louisa) nimmt es ein gutes Ende für die Protagonistin. Ansonsten dominiert die Lust am Fremdartigen, Verstörenden, etwa in der Auftaktgeschichte (Die Legende des Klosters von Fotheringhay), in der die Nonnen das Sezieren von Fröschen zwar für pädagogisch notwendig erachten, insgesamt aber eklig finden und die Tiere daher mit Böllern ins Jenseits befördern. Danach werden die Überreste an der Wand untersucht. Die scheinbare Idylle des Frauenklosters wird dann durch ein männliches Findelkind zerstört. Zwar hoffen die Nonnen, durch die Namensgebung – das Kind wird, wie alle Kinder, Mary getauft – Unheil abwenden zu können, aber das erweist sich rasch als Fehleinschätzung. Männer und Frauen – das funktioniert bei Highsmith eigentlich nie, ein wahres Minenfeld.

"My imagionation functions much better when I don’t have to speak to people"

Tolle Neuerscheinung

In den meisten dieser Geschichten geht es um Frauen – nicht unbedingt immer um "Ladies". Frauen, die ausgenutzt, vom Leben verhärmt, von Männern dominiert oder grundsätzlich lebensuntüchtig sind. Frauen, die oft durch eine Kleinigkeit aus der Bahn geworfen werden – ein Blick, ein Brief, eine Bar – und die Existenz gerät ins Trudeln. Das sind nicht unbedingt die Heldinnen, die man von einer so selbständigen, eigenwilligen Autorin erwartet. Patricia Highsmith wurde 1979 in einem Interview mit L’Express einmal gefragt, ob sie Frauen geringschätze. Ihre Antwort: "Meine Heldinnen sind von den Männern abhängig. Warum sollte ich sie bewundern? Männer sind freier, selbständiger, mit den Dingen des Lebens mehr verbunden."

Das ist nun gewiss nicht die politisch-korrekte feministische Antwort, die ‚frau‘ sich von ihr vielleicht erhoffen würde. Vielleicht hatte sie weniger Wertschätzung für Frauen, auf jeden Fall aber hatte sie ein tiefes, intuitives Verständnis davon, wie Frauen sich fühlen, besonders dann, wenn sie einsam sind. Und es wäre ja auch zu ergänzen, dass die Abhängigkeit, in der ihre Frauen sich befinden, oft den Umständen der Zeit und der herrschenden Gesellschaftsmoral geschuldet ist. Aber womöglich wirft Patricia Highsmith ihren Heldinnen ein klein wenig doch vor, nicht so stark, so selbstbewusst und unabhängig wie sie selbst zu sein, die sich mit dem Außenseitertum nachgerade angefreundet hat.

"No writer would ever betray his secret life. It would be like standing naked in public”

Patricia Highsmith braucht nur wenige Worte, um eine Umgebung oder ein soziales Milieu zu skizzieren – das trostlose Hotelzimmer. Die erdrückende Langeweile einer Kleinstadt. Die neugierige Zimmerwirtin und das karge Pensionszimmer. Die Verlorenheit der Landeier in der Anonymität der Großstadt. Die Ablehnung der Fremden. Das von Schnecken überquellende Arbeitszimmer. Wie überhaupt die Leidenschaft der Figuren und ihrer Obsessionen in starkem Gegensatz zu der kühlen Sprache ihrer Erfinderin stehen. Patricia Highsmith interessiert sich nicht für die Tat oder die Täter(innen), sondern für die Beweggründe, die zur Tat führen.

Wenn Sie es gern abgründig mögen, wenn Sie vom Unerwarteten gern überrascht und beglückt werden, wenn Sie der Zivilisation gern den Firnis abkratzen, wenn Sie gern in Abgründe blicken – dann sind diese "Ladies" goldrichtig für Sie.

Alle Zwischenüberschriften sind Zitate der Highsmith, hier die Übersetzungen dazu:

"Obsessionen sind das einzige, auf das es ankommt"

"Weder das Leben noch die Natur scheren sich darum, ob der Gerechtigkeit jemals Genüge getan wird"

"Meine Vorstellungskraft funktioniert viel besser, wenn ich mit niemandem reden muss"

"Kein Autor würde je sein geheimes Leben verraten. Das wäre so, als stünde man nackt in der Öffentlichkeit"
 

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Highsmith kann man lesen, und man kann sie schauen. Kaum eine Kriminalschriftstellerin kann soviel prominente Regisseure vorweisen wie Patricia Highsmith (darunter Wim Wenders, Alfred Hitchcock, Hans W. Geißendörfer, Roger Spottiswode, René Clément, Lilliana Cavani, Todd Haynes, Anthony Minghella und Claude Chabrol) – wobei der Begriff "Kriminalschriftstellerin" bei ihr ohnehin zu kurz springt. Sie ist Psychologin, rabenschwarze Beobachterin und scharfzüngige Chronistin zugleich.

Die besten Filme haben diese Qualität auch auf die Leinwand gebracht. Ich lade Sie zu vier Filmabenden mit Patricia Highsmith und einer illustren Schar an Regisseuren und Schauspieler:innen ein!

Erster Filmabend: Ripley vs. Ripley

Zur Einstimmung: Youtube – Vergleich der beiden Versionen von "Der talentierte Mr. Ripley" - 1960 mit Alain Delon und 1999 mit Matt Damon.

https://www.youtube.com/watch?v=B-OrQ89bVOE


Anthony Minghella: The talented Mr. Ripley (1999) – mit Matt Damon, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Cate Blanchett, Philip Seymour Hoffmann. (Erhältlich als DVD)

René Clément: Plein soleil / Nur die Sonne war Zeuge (1960) – mit Alain Delon, Maurice Ronet, Erno Crisa, Marie Laforait, Billy Kearns (Erhältlich als DVD)
 

Zweiter Filmabend: Der Meister bei der Arbeit

Filmplakat zu „Strangers on a train”

Trailer zu "Strangers on a train”

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Strangers_on_a_Train_(1951)_-_Trailer.webm?uselang=de


Alfred Hitchcock: Strangers on a train (1953) – mit Farley Granger, Ruth Roman, Robert Walker, Leo G. Carroll, Patricia Hitchcock (Erhältlich bei Amazon Prime sowie als DVD in einer Hitchcock-Sammlung zusammen mit Dial M for Murder, Wrong Man sowie North by Northwest)

Dritter Filmabend: Der fast autobiographische Roman und Film

Todd Haynes: Carol / The price of salt (2015) – mit Cate Blanchett, Rooney Mara, Kyle Chandler, Sarah Paulson
(Erhältlich als DVD)

Vierter Filmabend: Der beste Wenders-Film ever

Wim Wenders: Der amerikanische Freund  / Ripley’s Game (1977) – mit Bruno Ganz, Dennis Hopper, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Nicholas Ray, Samuel Fuller (Erhältlich als DVD + Blue Ray)
(Jutta Hamberger)+++

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