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Der erste Band der berühmten Reihe, der Jutta Hamberger sofort in ihren Bann schlug - Fotos: Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (12)

Liselotte Welskopf-Henrich: Die Söhne der großen Bärin - Das andere Amerika

14.02.21 - Die "Bärensöhne" gehören wohl zum Besten, was jemals an deutschsprachiger Abenteuerliteratur geschrieben wurde. Ich weiß noch heute genau, wann ich Harka kennenlernte. Ich war 12 Jahre alt. Meine Freundin Agnes und ich waren intensive Nutzerinnen unserer Pfarrbibliothek in St. Pius. Jeden Dienstag betraten wir unser Bücher-Paradies. Zehn Pfennig kostete die Ausleihe eines Buchs, maximal fünf durfte man mitnehmen. Wir trugen also jeden Dienstag zehn Bücher hinaus. Und brachten in der Woche darauf zehn Bücher zurück, die wir beide gelesen hatten.

Lust auf Abenteuer

Die Autorin Liselotte Welskopf-Henrich

Klassische Mädchenbücher mochte ich nicht, ich bevorzugte Abenteuer, Spannung, Action. Da stand also dieses Buch mit dem sehr kurzen Titel, "Harka". Indianer? Alles klar, will ich lesen. Ich las das Buch sofort zweimal, so sehr packte es mich. Beim Lesen wurde ich Harka. Ich lebte im Dorf der Bärensöhne, war bei den Abenteuern quasi hautnah dabei. Harka-Steinhart-Nachtauge-Wolfstöter-Bärenjäger-Büffelpfeilversender. Die Namen, die Harka sich durch seine Fähigkeiten erwarb, gehen mir noch heute flüssig von den Lippen. Bis dahin kannte ich nur Winnetou. Den liebte ich auch über alles, vor allem in der Pierre Brice-Version (die Wiederholungen schaue ich noch heute). Diese Bücher aber schlugen einen anderen Ton an. Ich spürte, dass das Leben der Prärieindianer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier ziemlich realistisch geschildert wurde.

Ich liebte Harka. Nicht immer. Ich fand ihn unmöglich gegenüber seinem jüngeren Bruder Harpstennah und hart gegenüber seiner Schwester Uinonah. Ich verstand nur allzu gut, warum er seinen älteren Freund Tschetan so bewunderte. Den Medizinmann Hawandschita fand ich so fies wie er, und Schonka – ja, diese Art von Bully gibt es wohl auf allen Schulhöfen und in allen Tipis der Welt. Ich frohlockte, wenn Harka ihn im Pferderennen besiegte oder ein ums andere Mal an der Nase herumführte.

Liselotte Welskopf-Henrich mit Dennis Banks und Russell Means vom American Indian ...

Harka ist eine vielgestaltige Figur, jemand, mit dem man sich sofort identifizieren kann. Die Brüche in seinem Leben sind auch Bruchlinien seiner Seele. Immer wieder wird er vor schwere Entscheidungen gestellt, oft genug entscheidet er sich falsch, geht Wege, die er später bitter bereut. Oft weist er Menschen zurück, die ihm wohlgesonnen sind, schottet sich ab gegen andere. Das Leben macht ihn hart, abweisend – und erst jenseits des letzten Bandes wird zart angedeutet, dass auch er als Erwachsener die Liebe einer Partnerin finden wird und kann. Harka ist auch ein Visionär, der bereit ist, für und mit seinem Volk neue Wege zu gehen – auch wenn nicht alle gleich von dem neuen und so ganz anderen Leben begeistert sind.

Monate nach der Lektüre des ersten Bandes fand ich heraus, dass es sechs Bände gab. Oh, welche Wonne – und sie waren auch alle in der Pfarrbibliothek vorrätig. Als Jugendliche habe ich die Bände unzählige Male gelesen, aber auch als Erwachsene las ich sie immer wieder mit gleich großer Begeisterung. Manchmal waren es innere, manchmal äußere Anstöße. 1992 etwa war das Münchner Filmfest mit seiner Reihe "Native American Filmmakers" ein guter Grund zur abermaligen Lektüre. Oft las ich die Bücher, wenn in meinem Leben größere Veränderungen anstanden und ich daher dringend in Harkas Welt eintauchen musste. Längst hatte ich die Hexalogie gekauft und musste nur noch hinter mich ins Regal greifen. Zuletzt tat ich das im Corona-Frühling 2020.

Der Blick der Lakota auf die Welt

In Band 1 ("Harka") und Band 3 ("Die Höhle in den schwarzen Bergen") ist das Leben noch weitgehend ungestört von weißen Siedlern, Jägern und Soldaten, die den indianischen Völkern sukzessive ihr Land wegnahmen. Im ersten Band sind wir bei den Lakota, im dritten bei den Schwarzfuß-Indianern. Indianische Traditionen, indianische Rituale, indianisches Leben – die Autorin beschreibt es so, dass wir als Leser:innen mitten drin sind und dabei. Das kann sie, weil Liselotte Welskopf-Henrich sich mit ihrem Thema intensiv wissenschaftlich und historisch befasste.

Schon auf der zweiten Seite des ersten Bandes wird klar, wie bedroht diese Lebensweise ist. Harka wartet auf seinen Vater. Es ist Nacht, und er hat eine Spur gefunden, die ihn unruhig macht – einen Fußabdruck, der nicht von einem Angehörigen seines Stammes herrührt. Aus den Erzählungen am Lagerfeuer weiß er, hier war ein Feind, ein Landräuber, ein Langmesser unterwegs. Die Bedrohung ist so von Anfang an als Kontrapunkt gesetzt. Wir lesen, und wissen, hier bahnt sich Schreckliches an.

Die beiden Antagonisten der Hexalogie, deren Schicksale untrennbar verbunden sind, werden durch diese Szene eingeführt, Harka und Red Jim. Es beginnt mit dem Betrug Red Jims an Harkas Vater Mattotaupa, der seinerseits – auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist – im Suff sein Volk verrät. Und es endet mit dem letzten Kampf auf Leben und Tod zwischen Harka/Tokei-ihto und Red Jim, bevor die Bärengruppe die USA verlässt und über den Missouri geht, um in Kanada ihre Zukunft zu suchen.

Die Tränen der Seven Generations

Die Reservation „Oglala Oyanke“ liegt in South Dakota und Nebraska – sie ist ...Fotos (3): pixabay

Die Kraft der Bücher liegt darin, dass sie – anders als so viele Abenteuergeschichten – eben kein Eskapismus, sondern unglaublich vielschichtig sind. Es ist ein Heldenepos mit tragischen Dimensionen – die Geschichte des verzweifelten Aufbäumens der indianischen Völker gegen die weißen Eroberer. Es ist ein Dokument sowohl des kulturellen als auch des Autonomieverlusts und der damit einhergehenden Verletzungen. Und natürlich ist der Zyklus auch die Geschichte der "Frontier", des immerwährenden "Go West" amerikanischer Politik und amerikanischen Selbstverständnisses. Es geht um die stillschweigende Annahme, amerikanisch sei "white" und alles andere daher "minderwertig". Intensiv bekommt man vorgeführt, dass Rassismus eine Machtfrage ist. Das ist heute nicht anders als in den 1860er Jahren, in denen der Romanzyklus beginnt.

Das Memorial für einen der berühmtesten Häuptlinge der Lakota wird in den Mt. Rushmore ...

Bisons oder Büffel bildeten lange die Lebensgrundlage der Prärieindianer. ...

Von 1832 bis 1834 fertigte Bodmer für Maximilian zu Wied-Neuwied aquarellierte Landschafts- ...Karl Bodmer: Tipis der Sioux

Das alles wird mit großem Kenntnisreichtum und tiefer Empathie erzählt – diese Autorin steht immer auf der Seite der indianischen Völker. Ein Jahr vor ihrem Tod sagte Liselotte Welskopf-Henrich im ZEIT-Interview auf die Frage, welche indianischen Werte zu bewahren seien: "Ich glaube, es ist dreierlei: die Brüderlichkeit, mit der einer für den anderen einsteht; die Verbundenheit mit der Natur; und der prinzipielle Verzicht auf Hektik, der Beginn des Nachdenkens." Universelle Werte, die uns auch heute gut zu Gesicht stehen.

Über die Autorin Liselotte Welskopf Henrich (1901-1979)

Sie war promovierte Ökonomin, Philosophin und Historikerin, Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, vehemente Fürsprecherin des Sozialismus und erstes weibliches Mitglied in der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Schon als Achtjährige fand sie ihr Lebensthema, die Indianer Nordamerikas.

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Mit 14 fasste sie den Beschluss, Schriftstellerin und Historikerin zu werden.1963 erschien die Serie "Die Söhne der großen Bärin" als Trilogie, seit 1970 liegt sie als Hexalogie vor und trat ihren Siegeszug an. Ihr Lektor war Johannes Bobrowski, einer ihrer größten Fans Wolf Biermann.

Liselotte Welskopf-Henrich dürfte nach Karl May die erfolgreichste "Indianer-Autorin" deutscher Sprache sein. In den Jahren 1963 bis 1974 besuchte sie mehrfach Kanada und die USA, und auch die Nachfahren jener Bärensöhne, über die sie geschrieben hatte. Danach entstand die Pentalogie "Das Blut des Adlers", mit der die Geschichte der Bärensöhne ins 20. Jahrhundert weitererzählt wird. Die Lakota verliehen Liselotte Welskopf-Henrich den Ehrennamen Lakota-Tashina, Schutz der Lakota.

Website Autorinhttps://welskopf-henrich.de/


Zu Kaffee und Kuchen bei Lakota-Tashina (ZEIT-Interview, 07.07.1978):
http://www.d-e-zimmer.de/HTML/1978welskopfhenrich.htm


Zeichen der Hoffnung

Nominierung von Deb Haland: Biden-Regierung nominiert die erste indigene Ministerin:
https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-12/usa-regierung-joe-biden-deb-haaland-ureinwohnerin-innenministerium?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F


Stopp von Keystone XL: Biden stoppt den Bau der umstrittenen Pipeline Keystone XL, die auch durch Reservate geführt und kulturelle Stätten beschädigt hätte. Vom Umweltschäden einmal ganz abgesehen:
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-09/keystone-xl-usa-indigene-staemme-pipeline-klage-sioux

https://www.faz.net/aktuell/politik/von-trump-zu-biden/wegen-umweltschaeden-biden-will-umstrittene-pipeline-keystone-xl-stoppen-17151513.html

https://www.youtube.com/watch?v=wM-MxONPMtc


Nein zu Trumps Mauer: Biden stoppt den Bau der Mauer zwischen den USA und Mexiko, die es Indigenen im Grenzgebiet zunehmend erschwert, zu ihren heiligen Stätten zu gelangen:
https://www.blickpunkt-lateinamerika.de/artikel/mexiko-usa-trumps-mauer-verletzt-religioese-freiheit-indigener/
(Jutta Hamberger)+++

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