Frauendefizit: Dieses Foto von Horst Seehofer und seiner "Mannschaft" des Bundesinnenministeriums aus dem April 2018 erntete einen veritablen Shitstorm, Shitstorm. Das Ministerium löschte das Foto. Die Besetzung der Staatssekretäre veränderte sich hingegen nicht. - Foto: BMI

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (13)

Caroline Criado Perez: Unsichtbare Frauen - "weder exotisch noch kompliziert"

07.03.21 - Morgen ist Internationaler Frauentag. Ich könnte Ihnen zu diesem Tag kein besseres Buch vorstellen als die "Unsichtbaren Frauen" – ein Buch, bei dem ich jubeln, weinen, schreien und lachen musste. Fast alles, was die amerikanische Forscherin Criado Perez an Fakten und Daten zusammengetragen hat, werden Frauen aus eigenem Erleben kennen. "Es ist das Ergebnis eines Denkens, das seit Jahrtausenden vorherrscht – Männer sind die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, und über Frauen wird gar nicht geredet". Genau das versteht man unter "Gender Data Gap", der Leerstelle in den wissenschaftlichen Daten bezüglich Frauen.

Fotos: Verlag btb

Simone de Beauvoir brachte das schon vor 70 Jahren auf den Punkt: "Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst – sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen." Wenn Ihnen das stinkt, lesen Sie weiter, und vor allem lesen Sie bitte dieses Buch, das gerade mit dem NDR Sachbuchpreis 2020 ausgezeichnet wurde.

Ein Exkurs zu Toiletten und Küchen

Autorin Caroline Criado Perez legt den Finger in die Wunde Foto: Rachel Louise Brown

Ich wette, Sie kennen das: Die kurze Pause muss für dringliche Angelegenheiten genutzt werden, aber schnell geht da gar nichts. Wie immer steht eine lange Schlange vor den Frauen-Toiletten, gähnende Leere hingegen bei den Männern. Während Ihr Liebster längst am Prosecco süffelt, warten Sie auf ein freies Klo. Und das kann dauern. So ist das immer und überall. Planer bauen Toiletten weltweit im Verhältnis 50:50 für Frauen und Männer, auch wenn wirklich jedem klar sein sollte, dass Frauen 1) eine kleinere Blase haben und daher öfter das stille Örtchen aufsuchen müssen, 2) rein biologisch an gewissen Tagen länger auf der Toilette brauchen als sonst und 3) weibliche Kleidung in der Regel etwas komplizierter "zu bedienen" ist.

Sagt Ihnen die "Frankfurter Küche" etwas? Nein, nicht die mit der grünen Sauce, sondern die in den 1920er Jahren entwickelte Einbauküche. Sie war die kongeniale Idee von Margarete Schütte-Lihotzky, die sich mit der häuslichen Arbeit von Frauen auseinandersetzte und erkannte: Frauen werden künftig einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen, und sie werden wenig Zeit haben. Also muss der bisher zentrale Raum der Wohnung – die Wohnküche – anders geplant werden. Und zwar so, dass die notwendigen Tätigkeiten effizient und schnell erledigt werden können. Für die Umgestaltung der Küche befragte sie Frauen. Sie schaute zu, welche Arbeitsschritte gemacht wurden. Auf Basis dieser von Frauen erhobenen Daten (!!) entwickelt sie das Prinzip der Einbauküche, das bis heute fast unverändert Gültigkeit hat. Wenn Frauen aber nicht in Planungen einbezogen oder gefragt werden, wenn schlicht unbekannt ist, was diese dazu sagen würden, kommt es oft zu krassen Fehlplanungen – sie finden dafür schier unglaubliche Beispiele im Buch.

Fahren Sie gern Auto?

Ich auch. Gehen Sie davon aus, dass bei einem Auto alle Sicherheit-Features so gebaut und überprüft werden, dass Sie beim Fahren sicher sind? Das sollten Sie lieber nicht. Frauen sterben mit einer um 17  Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit bei Autounfällen und erleiden mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 50 Prozent schwerere Verletzungen als Männer. Und das ist in der Tat eine Geschlechterfrage.

Dummys, mit denen Unfälle simuliert werden, sind bis heute – männlich. Dabei geht es hier wirklich nicht um Raketenwissenschaft, sondern um das Anerkennen biologischer Fakten. Die Ingenieure gehen von sich selbst als Prototyp aus. Ein weibliches Dummy aber würde sich anders verhalten, denn es hat einen anderen Oberkörper – Form, Schultern, Taille, Brüste, Körperschwerpunkt. Eine entsprechende EU-Vorschrift, die Hersteller zu Sicherheitstests mit weiblichen Dummys zwingen würde, fehlt bis heute. Die schwedische Ingenieurin Astrid Lindner arbeitet daran, das endlich zu ändern, denn Frauen sind nun mal nicht einfach kleinere Männer.

Werden Sie hin und wieder krank?

Ich höre Ihr Gelächter. Sie sind eine Frau, und Frauen werden nicht krank, sondern schaffen irgendwie immer alles. Vor unserem inneren Auge zieht der Wick-Medinait Spot vorüber. Aber Spaß beiseite, Frauen werden krank, auch schwer krank. Da ist es schon mehr als bedauerlich, dass der weibliche Körper, typisch weibliche Krankheiten und spezifisch weibliche Ausprägungen von Krankheiten in der Medizin so wenig Beachtung finden. In eigentlich allen klinischen Studien sind Frauen unterrepräsentiert. Aber: Sex matters!!

-  Medikamente? Nur an Männern getestet.

-  Dosierungen? Auf Männer ausgerichtet.

-  Präventive Maßnahmen? Grundsätzlich auf Männer ausgelegt.

-  Standardtests? Auf Männer ausgelegt.

Frauen und Männer unterscheiden sich aber vielfältig: Zellen, Körperbau, Muskelmasse, die Dicke der Haut, Immunsystem, Stoffwechsel, Hormone, Schmerzwahrnehmung etc. Dennoch vernachlässigt das medizinische Establishment Frauen: "Körper, Symptome und Krankheiten, die die Hälfte der Weltbevölkerung betreffen, werden abgewimmelt, für unglaubwürdig erklärt und ignoriert. All das ist das Ergebnis der Datenlücke und der noch immer vorherrschenden Überzeugung, Männer seien der menschliche Normalfall."

Wie viele Frauen sind für Männer "zu viel"?

Man kann es nicht oft und nicht laut genug sagen: Frauen sind NICHT exotisch. Frauen sind die Hälfte der Menschheit. Sie sehen die Welt mit anderen Augen als Männer. Aber Männer sind durchgängig überrepräsentiert. Im Buch finden Sie zahlreiche internationale Beispiele – in Deutschland gibt es die natürlich genauso. Hier scheint sich vieles bei der Prozentzahl ca. 30 Prozent einzupendeln. So besetzt nur eine einzige deutsche Partei ihre Kandidat:innen-Listen paritätisch mit Frauen und Männern. Blättern Sie durch Zeitungen – Sie werden deutlich mehr Abbildungen von Männern als von Frauen finden. In Talkshows ist das Gros der Gäste männlich (die übliche Relation ist 3:1). Dazu kommt das Gender Pay Gap – Frauen erhalten eben nicht immer für die gleiche Arbeit auch das gleiche Gehalt.

Um die geschlechtsspezifische Datenlücke zu schließen, gibt es zwei entscheidende Faktoren:

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

- Die Wirtschaftsleistung von Frauen muss endlich anerkannt werden. Im BIP wird die unbezahlte Arbeit, die Frauen leisten und die seit Corona gern "systemrelevant" genannt wird, nicht berücksichtigt. Nach Schätzungen könnte sie in Industrie-Nationen bis zu 50 Prozent des BIP ausmachen.

- Es müssen deutlich mehr Frauen an den Entscheidungen in Forschung, Wirtschaft, Wissensproduktion und Politik beteiligt werden. Erst dann werden Leben, Perspektiven und Bedürfnisse von Frauen wirklich sichtbar. Warum? Weil Frauen nicht so leicht wie Männer vergessen, dass Frauen existieren. Sie sind die beste Chance, einer Gesellschaft klarzumachen, dass "Menschenrechte Frauenrechte sind und Frauenrechte Menschenrechte" (Hillary Clinton). (Jutta Hamberger)+++

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