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FULDA Was wir lesen, was wir schauen (14)

Anne Siegel: Wo die wilden Frauen wohnen - Reichtum Islands sind Menschen

22.03.21 - Was – schon wieder ein Buch über starke Frauen? Ja, ich finde nämlich, davon kann es gar nicht genug geben. Für dieses Buch gibt’s aber noch einen zweiten guten Grund, denn ich entführe Sie in diesen Corona-Zeiten, in denen Reisen schwierig bis unmöglich ist, in den Norden. In eines der großen Sehnsuchtsländer – Island.

Tölt, Geysire und isländische Entschiedenheit

Typisch Isländisch – die kleine Kirche im Nirgendwo

Wenn man über Island redet, fallen einem wohl als erstes töltende Pferde, spuckende Geysire, der Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010 und die isländische Fußball-Nationalmannschaft ein, deren legendärer Schlachtruf bei der WM 2018 alle vom Hocker riss (das Team auch!). Lesebegeisterte Fuldaer:innen erinnern sich sicher noch an Steinunn Sigurdardóttir, die 2001 in der Reihe "Literatur im Stadtschloss" las. Ich könnte noch viel mehr aufzählen!

Heute lernen Sie zehn wunderbare Isländerinnen kennen. Wenn es einen Nenner zwischen ihnen gibt, dann den: Fast alle sagen, dass sie aus der Natur die Antworten ziehen, nach denen sie suchen, dass sie in der Natur die Orte finden, an denen sie Kraft schöpfen. Und alle diese Frauen sind von sehr entschiedener Wesensart – sie haben oft riesige Widerstände überwinden müssen, bis sie das tun konnten, was sie tun wollten.

Autorin Anne Siegel Foto: Jacobia Dahm

Anne Siegel ist davon überzeugt, die Entschiedenheit der Isländer:innen habe irgendwie mit dem Wetter zu tun: "Es ist wie mit der Heuernte in Island – das Wetter ändert sich viermal in der Stunde, und wenn das Heu trocken ist, muss es auf der Stelle eingebracht werden, denn gleich könnte es ja schon wieder regnen. Dadurch entstehen Projekte in einer rasenden Geschwindigkeit und bauen Menschen in Teams erstaunlich schnell neue Dinge von Grund auf." In den Tagen zwischen Corona-Welle 3 und 4 oder mitten drin in Welle 3 gemahnen einen diese Worte an deutsche Defizite: Behäbigkeit, Starrheit, Bürokratie. Vielleicht sollten wir alle einen Kurs "Projektplanung im isländischen Stil" besuchen.

Seit Jahren No. 1 im Global Gender Gap Report

Wer im rauhen Ísafjörður mit dem Flugzeug landet, braucht eine Spezialausbildung ...

Es gibt viele Gründe, mit Zuneigung und Bewunderung auf dieses kleine Land zu schauen. In Island haben Frauen mehr erreicht als in fast allen anderen Ländern der Erde. Island ist seit 2009 die No.1 des Global Gender Gap Reports, der den Unterschied in der Stellung der Geschlechter bezüglich finanzieller Lage, Ausbildung, Gesundheit und Teilhabe an der Politik berechnet. Wenn Sie Deutschland suchen – wir stehen auf Platz 10.  Fast der gesamte Norden Europas, dazu Ruanda, Nicaragua, Spanien und Neuseeland schneiden besser ab. Die Top 5 dieser Liste haben nicht 100 Prozent Gleichberechtigung erreicht, wohl aber mindestens 80 Prozent ihrer Ziele realisiert.

Wenn Sie denken, das ist viel, dann halten Sie sich bitte dies vor Augen: Gehen die Anstrengungen um Gleichberechtigung in diesem Tempo weiter, ist Deutschland in 99,5 Jahren am Ziel. Nicht wirklich akzeptabel, oder?

Alles begann am "Frauenruhetag"

Nirgends sind Frauen sicherer als in Island, nirgends haben sie mehr Rechte. Wie kommt das? Alles beginnt wohl mit jedem legendären Streik der Isländerinnen am 24. Oktober 1975. An diesem Tag begriffen die isländischen Männer, was sie an ihren Frauen hatten und wie abhängig sie von ihnen und ihrer Arbeit waren. Denn am 24. Oktober weigerten sich alle Isländerinnen, auch nur einen Handschlag zu tun. Die Küche blieb kalt, kein Kind wurde in den Kindergarten gebracht, die Geschäfte blieben zu. 90 Prozent aller Isländerinnen machten am "Kvennafrídagurinn", dem Frauenruhetag, mit. Es passierte nicht gleich etwas, aber viele junge Frauen begriffen: Wir können etwas verändern. Und viele Männer begannen endlich damit, die Arbeit, die ihre Frauen leisteten, anzuerkennen. 1980 wählten die Isländer als erstes Land der Welt eine Frau zum Staatsoberhaupt, und Vigdís Finnbogadóttir war überdies noch geschieden und alleinerziehend.

Die Dorschköpfe werden in Island getrocknet, aber später nach Afrika exportiert, ...

Die ZEIT schrieb einmal, Island sei das Land der eigenwilligen Autoren. Vor allem ist Island aber das Land der starken Frauen. Power-Frauen. Davon erzählt Anne Siegel in ihrem Buch, dessen Titel nicht von ungefähr an eins der großartigsten Bilderbücher aller Zeiten erinnert (Maurice Sendak, "Wo die wilden Kerle wohnen"). Ich gestehe, dass dieses Bilderbuch zu meinen all time favourites gehört – ich setze es auch oft in Workshops ein, wenn ich die Kraft von Sehnsüchten und Träumen vermitteln will.

Feministin ist in Island ein Ehrentitel

Aus diesem Holz sind die Frauen geschnitzt, die Anne Siegel in ihrem Buch vorstellt. Sie haben Berufe, die man(n) nicht alle sofort mit Frauen in Verbindung bringt. Es gibt nichts, was sie sich nicht zutrauen. Wenn man ihnen zuhört, spürt man, dass nicht nur die Geschichte ihres Landes für den jeweiligen Lebensweg bestimmend war, sondern vor allem die grandiose Natur Islands – und die Eigenwilligkeit der Frauen, ihren jeweiligen Lebenstraum zu verfolgen. Alle kann ich hier aus Platzgründen nicht ausführlich vorstellen, auch wenn alle zehn das verdient hätten.

Über Hulda muss ich unbedingt reden, denn ich war ja auch mal eins von diesen pferdeverrückten Mädels, und meine Neugier auf diese Frau war riesig. Hulda ist Vizeweltmeisterin und die weltweit beste Kennerin des Islandpferde-Reitsports. Mitten in der Hauptstadt, im Stadtteil Reiðhöllin liegt das Paradies der Pferde. Hunderte von Pferdeställen, in denen tausende Pferde untergebracht sind. Und Hulda ist eine Legende: wenn man etwas über Pferde wissen will, geht man zu ihr. Ihre Liebe zu den Pferden ist intensiv, aber unsentimental. "Wenn ein Pferd blöd ist und nicht mitmachen will oder beißt und gefährlich wird, sind wir in Island ganz pragmatisch: Dann sind wir Bauern, und das Tier kommt zum Schlachthof." Päng. Dem widerspricht nicht, dass Hulda um einen Hengst, der sehr plötzlich verstarb, bittere Tränen geweint hat.

Vilborg muss ich herausgreifen, weil wir ja alle gemeinhin der Meinung sind, der Entdecker und Abenteurer ist ein "er". Vilborg würde darüber müde lächeln, ist sie doch die erste Isländerin, die die Seven Summits, den jeweils höchsten Berg jedes Kontinents, bezwungen hat. Ach ja, und am Südpol war sie zu Fuß. Sie erzählt von der Mystik der Gletscher, den Anstrengungen zur Wiederaufforstung des Landes. Mit ihr verstehen wir, warum sich in diesem Land der Blick auf die Natur und die Kräfte, die uns umgeben, verändert.

Hrefna hat etwas hinbekommen, von dem noch Generationen von Ingenieuren zehren werden. Sie ist die erste Geothermalpionierin Islands und hat eine Karte entwickelt, in der eingezeichnet ist, wie heiß die Erde an unterschiedlichen Stellen des Landes ist und welche Mineralien es wo gibt. Seither sind geothermale Bohrungen wesentlich einfacher und billiger geworden.

Steinunn habe ich ins Herz geschlossen, weil sie eine große Schwäche hat, und trotzdem ihren Beruf so liebt. Sie ist Seefrau. Und sie wird jedes Mal draußen auf See seekrank. Und sagt: "Soll ich Dir was sagen? Das hat mich alles nie wirklich gekümmert. Ich bin schließlich diejenige, die das aushalten und mit sich selbst ausmachen muss, die anderen können mich mal, denn ich liebe das Meer und diese Arbeit ja trotzdem."

Agnes-Annas Bier-Spa. Hier badet man im Gerstensaft

Agnes-Anna ist Brauerin und hat ein Bier-Spa gegründet. Sie braut Schokoladenbier (der Bier-Schlager in der Weihnachtszeit) und eines mit Krähenbeeren aus dem Hochland. Und dann das Spa. Bei Agnes-Anna sitzt man im Fass und blickt versonnen auf den Fjord hinaus. Wem es danach nicht besser geht, dem ist nicht zu helfen.

Björk ist unvergesslich seit ihrem Auftritt bei den Oscars in jenem Schwanenkostüm. Hier erfahren Sie, warum sie das trug. Klar, Björk ist ein musikalisches Nationaldenkmal. Sie hat aber auch sonst viel für ihr Land getan, denn sie ist eine entschiedene Naturschützerin. Björk kämpfte mit Erfolg dafür, dass die Naturschätze ihrer Heimat dem ganzen Volk von Staats wegen übertragen wurden.

Katrín Olína ist die bekannteste Möbeldesignerin Islands

Diesen Blick genießt Krístín Osk allmorgendlich aus ihrer Schutzhütte. 600qm ...

Typisch isländisch – aus einer Schwäche eine Stärke machen. Der Lehm Islands ...

Kristín hat sich mit der gesamten Kreuzfahrtindustrie angelegt, Bryndis erforscht den Schlaf, Kristín leitet das Vulkanmuseum auf den Westmännerinseln und Katrín designt geradezu archaischen Schmuck.

"Es heißt, Isländer kämen immer zurück, wenn sie ein paar Jahre im Ausland waren, weil es es nicht ertragen können, dass man an den meisten Orten jenseits von Island keinen Horizont sieht." Und wir Nicht-Isländer können uns hinträumen – und irgendwann wieder hinreisen. Und bis dahin lesen wir dieses Buch.

Zum Weiterlesen:

"Als die roten Socken Island lahmlegten", Spiegel 08.03.2019

https://www.spiegel.de/geschichte/frauenstreik-in-island-die-revolution-der-roten-struempfe-a-1255589.html


Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Island zum Schauen:

Der Schlachtruf der isländischen Fußball-Fans
https://www.youtube.com/watch?v=usLByHYOgLc
https://www.youtube.com/watch?v=Mk3KpQUJA9s


Eurovision (2020). Regie: Will Ferrell. Mit Will Ferell, Rachel McAdams, Pierce Brosnan und Dan Stevens.

Ein ziemlich untalentierter isländische Sänger träumt seit Kindertagen davon, irgendwann mal den Song Contest zu gewinnen. Nur seine Freundin glaubt an ihn. Es treten zahlreiche Gewinner oder Plazierte des Song Contests auf. Das ist zwischen grotesk, komisch und zum Brüllen – und für einen Abend am Wochenende eine wunderbare Zerstreuung. Zu sehen auf Netflix, hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=gzx1zNlleo8


Gegen den Strom (2018). Regie: Benedikt Erlingsson, mit Halldóra Geirharðsdóttir, Jòhann Sigarðarson, Juan Camillo Roman Estrada und Jörundur Ragnarsson.

Eine Chorleiterin führt ein Doppelleben als Öko-Aktivistin und legt sich mit der Polizei, einer lokalen Aluminiumfabrik und internationalen Investoren an, die Islands Natur bedrohen. Außerdem hat sie eine brave Zwillingsschwester – was für den weiteren Verlauf der Handlung noch wichtig wird – und will ein ukrainisches Mädchen adoptieren. Als DVD oder bei Amazon Prime. Hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=oHqaTDzTjE8 . (Jutta Hamberger)+++

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